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KZ-Arzt in Stein gemeißelt: Ein Ort ringt mit der Vergangenheit | BR24

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Bildrechte: BR/Thomas Heer

Kriegerdenkmäler sind in vielen Gemeinden Frankens zu finden und erinnern an die Gefallenen des ersten und zweiten Weltkriegs. So auch in Geroldshausen bei Würzburg. Doch unter den Gefallenen ist hier auch der Name eines KZ-Arztes.

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KZ-Arzt in Stein gemeißelt: Ein Ort ringt mit der Vergangenheit

Er hat Tausende in die Gaskammern im KZ Auschwitz geschickt – sein Name steht bis heute zwischen denen von Gefallenen des Zweiten Weltkriegs und Opfern des Nationalsozialismus. Im unterfränkischen Geroldshausen sorgt ein Kriegerdenkmal für Unruhe.

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Von
  • Carolin Hasenauer

Für die Aufarbeitung der NS-Verstrickung des KZ-Arztes Eduard Wirths will sich die Gemeinde Geroldshausen nun doch noch Zeit lassen. Das hat der Gemeinderat bei seiner Sitzung am Dienstagabend einstimmig beschlossen - und ebenfalls einstimmig die Kriegsverbrechen Wirths verurteilt. Konkret geht es bei der aktuellen Diskussion um das Kriegerdenkmal in dem 1.300-Einwohner-Ort südlich von Würzburg: Einer der 25 Namen, die in den großen Steinblock eingemeißelt sind, stammt nicht von einem Gefallenen des Zweiten Weltkrieges: Dr. Eduard Wirths.

Wirths "selektierte" im KZ Auschwitz

Der 1909 in Geroldshausen geborere Wirths war zwischen 1943 und 1945 im Rang eines SS-Sturmbannführers als "Standortarzt" im Konzentrationslager Auschwitz. Er war damit der leitende Arzt im KZ, war zuständig für die "Selektion" der zwangsweise nach Auschwitz transportierten Menschen auf der Ankunftsrampe des Lagers, schickte Tausende in die Gaskammern. In britischer Kriegsgefangenschaft erhängte sich Wirths am 20. September 1945.

Hochemotionales Thema im Ort

1952 wurde sein Name dennoch in Stein gemeißelt. 70 Jahre lang sei der Name auf diesem Denkmal kein Thema gewesen. "Wie aus heiterem Himmel ist das aufgeploppt", sagt Bürgermeister Gunther Ehrhardt dem BR. "Jetzt will ich alles daran setzen, dass wir offen damit umgehen." Das Thema sei hoch emotional: "In Geroldshausen leben bis heute die Nachkommen, aber auch Bürgerinnen und Bürger, die nicht nur schlechte Erinnerungen an Wirths haben."

Geschichte aufarbeiten - "ob wir wollen oder nicht"

Auf etlichen Seiten hat Ehrhardt jetzt alle Überlegungen, Beschlüsse, Vorschläge und Gespräche - mit Bürgern, Historikern und Journalisten - zusammengetragen: "Ich will, dass der Gemeinderat auch in 20 oder 30 Jahren noch nachvollziehen kann, warum wir heute bzw. demnächst zu dieser oder jener Entscheidung kommen", so Ehrhardt. "Wir sind zuständig, die Geschichte hier aufzuarbeiten - ob wir wollen oder nicht."

Wegmeißeln oder Infotafel?

Bereits vorab hatten verschiedene Optionen im Raum gestanden, wie man als Gemeinderat mit dem Namen auf dem Kriegerdenkmal umgehen will: Den Namen herausmeißeln oder eine Infotafel neben dem Denkmal aufstellen. Im heutigen Beschluss wurde jetzt weder das eine noch das andere festgelegt, lediglich, dass "zügig und umfassend" aufgearbeitet werden müsse, dass der Name Eduard Wirths fälschlicherweise auf dem Kriegerdenkmal eingemeißelt ist.

Unterstützung von Experten zur Aufarbeitung

Zusätzlich hat der Gemeinderat beschlossen, Unterstützung von "geeigneten Personen oder Institutionen" zu suchen, weil die Aufarbeitung in ihrer Bedeutung die Möglichkeiten der Gemeinde übersteige. Erst nach der entsprechenden Aufarbeitung wolle der Gemeinderat final entscheiden, "in welcher Form die damalige Entscheidung revidiert" werde. Einige Mitglieder des Gemeinderats befürworteten dieses Vorgehen.

Hat der Vater seinem Sohn ein Denkmal setzen wollen?

Doch wie kam der Name überhaupt auf das Denkmal? Das Kriegerdenkmal wurde bereits zu Ehren der Gefallenen des Ersten Weltkriegs errichtet. Dann 1951 wollte die Gemeinde Geroldshausen auch den Gefallenen des Zweiten Weltkriegs ein Denkmal setzen – den Auftrag für die Ergänzung der Namen auf dem Stein hat der ortsansässige Steinmetz Albert Wirths erhalten. Und dessen Sohn war Eduard Wirths. Ob der Vater den Namen seines Sohnes selbst in den Stein gemeißelt hat und wenn ja, wie das zunächst nicht auffallen konnte, dazu ist nichts bekannt.

Nachkommen von Wirths äußern sich

Jetzt hat die Familie Wirths zu den aktuellen Entwicklungen Stellung genommen: "Die Beteiligung unseres Familienmitgliedes an den in Auschwitz verübten, beispiellosen Verbrechen wollen wir nicht leugnen oder beschönigen. Eine Schuld daran trifft 'die Familie Wirths' – wer auch immer damit angesprochen sein soll – aber nicht." So heißt es in dem Schreiben, das am Abend im Gemeinderat vorgelesen wurde.

Wirths fiel nicht im Krieg, sondern beging Selbstmord

Das Institut für Geschichte an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg erklärt zur Person: "Dr. Wirths war ein NS-Verbrecher. Er hat Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen. Für seine Taten gibt es keine Relativierung. Hinzu kommt, dass Dr. Wirths kein Soldat war, sondern ziviles Mitglied der SS. So wurde er auch 1945 als Zivilist von den Briten in Staumühle interniert. Die Briten wollten dort herausfinden, wer ein Kriegsverbrecher war." Nachdem ihm zugesteckt worden sei, dass ihm in Polen der Prozess gemacht wird, hat er sich aufgehängt. Juristisch ist Wirths nicht als Kriegsverbrecher verurteilt - aber historisch belegt sind seine Verbrechen dennoch.

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