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Lange unbemerkt stand er neben den Namen der Gefallenen beider Weltkriege: Dr. Eduard Wirths. Doch der Mann war kein Soldat - er war leitender Standortarzt im Konzentrationslager Auschwitz.

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KZ-Arzt auf Kriegerdenkmal: Gemeinde will Namen entfernen

Lange unbemerkt stand er neben den Namen der Gefallenen beider Weltkriege: Dr. Eduard Wirths. Doch der Mann war kein Soldat – er war leitender Standortarzt im Konzentrationslager Auschwitz. Nun hat die Gemeinde Geroldshausen einen Entschluss gefasst.

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Von
  • Carolin Hasenauer
  • BR24 Redaktion

Fast 70 Jahre nachdem das Kriegerdenkmal um die Gefallenen des Zweiten Weltkrieg ergänzt worden ist, erschüttert eine Entdeckung den kleinen Ort Geroldshausen im Landkreis Würzburg: Einer der eingemeißelten Namen stammt von einem Kriegsverbrecher. Dr. Eduard Wirths, 1909 in Geroldshausen geboren, ab 1942 Arzt im Konzentrationslager Dachau, später in Ausschwitz. Nun hat der Gemeinderat entschieden, was mit dem Namen auf dem Denkmal passieren soll.

Name wird vom Denkmal entfernt

Der Name Dr. Eduard Wirths wird zeitnah aus dem Stein entfernt, so der einstimmige Beschluss. Außerdem will die Gemeinde gemeinsam mit dem Internationalen Auschwitz Komitee eine Info-Tafel gestalten, die neben dem Denkmal aufgestellt werden soll. Es gab Beratung mit Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, der sich auch persönlich vor Ort einen Eindruck vom Denkmal verschafft hatte.

Aufarbeitung und Erinnerung an den Holocaust

Der Gemeinderat beschloss abschließend auch, dem Würzburger "Denkort Deportationen" einen Koffer hinzuzufügen. Ein Pendant dieses Koffers soll in Geroldshausen in der Nähe des Bahnhofs aufgestellt werden, um an die von dort deportierten Juden und Jüdinnen zu erinnern. "Wir bleiben an dem Thema dran und wollen es auf keinen Fall unter den Teppich kehren."

Zur Aufarbeitung und zur Erinnerung an den Holocaust will Geroldshausen mit Unterstützung des Landrats Thomas Eberth und Josef Schuster eine Info-Veranstaltung organisieren, um zu diskutieren, was geschehen ist – im Krieg und nach dem Krieg – und was die gemeinsame Erinnerung bleiben soll.

Abschluss, aber mit Blick nach vorn

Dass der Wirbel nun hoffentlich bald ein Ende hat, darüber ist Bürgermeister Gunther Ehrhardt (Unabhängige Wählergemeinschaft) froh. Erleichterung nehme er auch in seiner Gemeinde wahr. "Klar, die Betroffenheit darüber, dass der Name da so lange unentdeckt blieb, ist schon noch da. Aber wir hoffen, dass wir den Teil bald als Gemeinde hinter uns lassen können – das Thema gleichwohl aber nicht einfach abschließen wollen und können."

Bereits in seiner letzten Sitzung Anfang März hatte der Gemeinderat beschlossen, sich Rat von Experten einzuholen, weil "die Aufarbeitung in ihrer Bedeutung die Möglichkeiten der Gemeinde" übersteige.

Volksverhetzende Schreiben und "Besuche" von Neonazis

Bürgermeister Gunther Ehrhardt berichtete in der Sitzung davon, welche Wellen die Gemeinderatsdebatte um den eingemeißelten Namen in den vergangenen Wochen und Monaten geschlagen hatte. Ehrhart habe mehrere anonyme Schreiben und Postkarten mit volksverhetzenden Inhalten bekommen.

Auch Neonazis hätten sich vor dem Kriegerdenkmal im Ort eingefunden und sich vor Wirths noch eingemeißeltem Namen verbeugt. Er habe daraufhin die Kriminalpolizei informiert und Strafanzeigen wegen Volksverhetzung gegen Unbekannt gestellt, sagte er. Zugleich habe es auch viele positive Rückmeldungen für die Aufarbeitungs-Bemühungen gegeben.

Auschwitz-Kommitee: "Es gibt noch andere Geroldshausens"

Christoph Heubner, Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, bekräftigt, wie wichtig es ist, dass der Gemeinderat die Sache ernst nimmt: "In Deutschland gibt es noch andere Geroldshausens, die von ihrer Geschichte eingeholt werden und wo die Beschäftigung mit der Herkunft von NS-Tätern und die Deportation der im Ort heimischen jüdischen und Roma-Familien längst nicht aufgearbeitet oder thematisiert worden ist: Das, was Sie jetzt entscheiden und tun, ist deswegen auch beispielhaft und hat Auswirkungen weit über Geroldshausen hinaus."

Erinnerungskultur für die Bevölkerung mithilfe von Experten

Seit November 2020, als das Thema über einen MDR-Fernsehbeitrag ans Tageslicht kam, hat Bürgermeister Gunther Ehrhardt viele Gespräche geführt, unter anderem mit Zentralratspräsident Schuster und mit Christoph Heubner vom Internationalen Auschwitz Komitee, die ihn beraten hätten. "So können wir eine gute Erinnerungs- und Mahnkultur für die Bevölkerung einrichten, die auch noch in Jahrzehnten die Erinnerung an die Verbrechen gegen die Menschlichkeit wachhält."

Vorläufige Info-Tafel weist auf Fehler hin

Unterdessen hatte Bürgermeister Ehrhardt nun eine vorläufige Info-Tafel vor dem Kriegerdenkmal positioniert: "Der Name Dr. Eduard Wirths hat nichts auf dem Denkmal zu suchen. Der Gemeinderat verurteilt die von Dr. Wirths während des Dritten Reiches als Standortarzt in verschiedenen Konzentrationslagern verübten Kriegsverbrechen aufs Schärfste." Für Josef Schuster war dieses Provisorium ein deutliches und richtiges Zeichen.

Wie kam der Name auf das Denkmal?

Das Kriegerdenkmal wurde bereits zu Ehren der Gefallenen des Ersten Weltkriegs errichtet. 1951 wollte die Gemeinde Geroldshausen auch den Gefallenen des Zweiten Weltkriegs ein Denkmal setzen – den Auftrag für die Ergänzung der Namen auf dem Stein hat der ortsansässige Steinmetz Albert Wirths erhalten – der Vater von Eduard Wirths. Ob er den Namen seines Sohnes selbst in den Stein gemeißelt hat und wenn ja, wie das zunächst nicht auffallen konnte, ist nicht bekannt.

Stellungnahme der Familie Wirths

Jetzt hat die Familie Wirths zu den aktuellen Entwicklungen Stellung genommen: "Die Beteiligung unseres Familienmitgliedes an den in Auschwitz verübten, beispiellosen Verbrechen wollen wir nicht leugnen oder beschönigen. Eine Schuld daran treffe 'die Familie Wirths' – wer auch immer damit angesprochen sein soll – aber nicht", heißt es in dem Schreiben.

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Lange unbemerkt stand er neben den Namen der Gefallenen beider Weltkriege: Dr. Eduard Wirths. Doch der Mann war kein Soldat - er war leitender Standortarzt im Konzentrationslager Auschwitz. Nun hat die Gemeinde Geroldshausen einen Entschluss gefasst.

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