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Kuhgebundene Kälberhaltung: Mut zur Mutter-Kind-Beziehung | BR24

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Normalerweise werden Kälber sofort nach der Geburt von der Mutter getrennt. Auf einem Demeter-Milchviehbetrieb im Allgäu ist das anders. Dort dürfen die Kälber drei Monate lang am Euter trinken.

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Kuhgebundene Kälberhaltung: Mut zur Mutter-Kind-Beziehung

Dass ein Kalb wochenlang am Euter der Mutter trinken darf, ist in deutschen Milchviehbetrieben die große Ausnahme. Zu unpraktisch, sagen die Landwirte. Nur bei rund 100 Betrieben hierzulande gibt es die "kuhgebundene Kälberhaltung". Sie funktioniert.

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Wenn ein Säugetier, egal ob Mensch, Elefant oder Schwein, Nachwuchs bekommt, dann wird dieser Nachwuchs gesäugt. Eigentlich selbstverständlich, weil von Mutter Natur so vorgesehen.

Im Kuhstall ist das aber die Ausnahme: Das Kalb wird sofort nach der Geburt von der Kuh getrennt. Ein paar Tage lang kriegt es die sogenannte Biestmilch, das Kolostrum, aus dem Nuckeleimer. Danach aber meist nicht mehr die Muttermilch, sondern den sogenannten Milchaustauscher mit Pflanzenfett, weil das billiger ist. Die Muttermilch landet in der Molkerei und einen Kontakt zwischen Kuh und Kalb gibt es nicht.

Die Mutter-Kind-Beziehung ist meist nicht erwünscht

Die Gründe: Das Kalb soll vor Krankheitserregern geschützt werden, die von der Mutter übertragen werden könnten. Außerdem vertieft sich die Mutter-Kind-Beziehung, je länger Kuh und Kalb zusammenbleiben. Eine Trennung nach einigen Tagen oder Wochen bedeutet dann Stress für alle Beteiligten: die Tiere und auch für den Landwirt.

Nur bei Landwirten, die Mutterkuhhaltung betreiben, dürfen die Tiere zusammenbleiben und werden gesäugt. Mutterkuhhaltung – meist auf der Weide - dient aber ausschließlich der Fleischerzeugung und hat mit Milchviehhaltung nichts zu tun.

Auch Kühe sind Mütter

35 Milchkühe stehen im Stall von Monika und Josef Fischer im Ostallgäu. Die Fischers sind Demeter-Biobauern und praktizieren die "kuhgebundene Kälberhaltung".

"Wenn man so wie ich Mama von sechs Kindern ist , dann fühlt man, wie eine Mama tickt. Und eine Kuh ist auch eine Mama. Ganz einfach." Monika Fischer, Biobäuerin

Seit einigen Jahren dürfen die Kälber im Stall der Fischers frei herum laufen. Den ganzen Tag haben sie Zugang zu ihren Müttern und saugen am Euter, so viel und so oft sie wollen. Ganz einfach ist dieses Konzept aber nicht. Acht bis zehn Liter trinkt ein kleines Kalb am Tag durchschnittlich. Milch, die nicht an die Molkerei verkauft werden kann.

Doch die größte Sorge ist eine andere: Einige ältere Kühe, die ein "kalbfreies" Leben gewohnt waren, sind ruppig, müssen erstmal lernen, Mutter zu sein.

"Man braucht Mut. Die Kuh und das Kalb alleine zu lassen, braucht schon Überwindung. Man kommt manchmal mit einem mulmigen Gefühl in den Stall: Hat alles geklappt?" Josef Fischer, Biobauer

Der Kälberschlupf hilft gegen Helikoptermütter

Deshalb muss Josef Fischer regelmäßig Kontrollen machen: Wie verhalten sich Kuh und Kalb? Bekommen die Kleinen regelmäßig ihre Mahlzeiten?

Dabei hat er festgestellt, dass der Nachwuchs manchmal auch Ruhe vor der Mama haben will. Die Fischers haben deshalb den Laufstall umgebaut und den Bedürfnissen der Kälber angepasst.

Die Kleinen haben einen sogenannten Kälberschlupf bekommen. Wenn sie satt sind, ziehen sich viele dorthin zurück. Durch einen kleinen Eingang können sie jederzeit rein und raus, erwachsene Tiere bleiben ausgesperrt. Denn auch bei Kühen gibt es Helikoptermütter, die zu fürsorglich sind.

Bei der Trennung wird gejammert

Ab einem Gewicht von 200 Kilo kommen die Kälber in einen abgetrennten Bereich. Jetzt dürfen sie nicht mehr zur Mutter, sie würden zu viel Milch wegsaufen. Schließlich müssen auch die Fischers vom Milchgeld leben. Das Problem: Wenn man die Tiere, die jetzt eine enge Bindung zueinander haben, trennt, schreien sie.

"Den Trennungsschmerz muss man möglichst gering halten. Erst kommen die Kälber in der Nacht weg von der Mutter und dann erst am Tag. Es dauert 14 Tage bis drei Wochen, bis man sie komplett trennen kann. Manche Kühe sagen, das passt, andere jammern ein bisserl mehr." Josef Fischer, Biobauer:

Ein Rezept gegen den Trennungsschmerz: Die größeren Kälber dürfen zweimal am Tag zu Ersatzmüttern, die sie sich zu zweit oder dritt teilen. Diese Ammenkühe werden das ganze Jahr über gar nicht gemolken, das ist arbeitswirtschaftlich praktischer.

Die Ersatzmütter werden schnell angenommen. Schon als kleines Kalb haben sich viele bereits eine Ersatzmama gesucht, wenn die echte ihre Ruhe haben wollte. Bis zum Alter von drei Monaten werden die Kälber bei den Fischers so aufgezogen.

Vermarktung mit Tierschutzlabel

Als die Fischers vor sechs Jahren mit dieser tierfreundlichen Kälberhaltung begonnen haben, war das noch ziemliches Neuland. Mittlerweile haben sie zusammen mit anderen Demeter-Heumilchbauern ein eigenes Vermarktungskonzept gegründet, mit Richtlinien für die Aufzucht der Kälber.

Die Erzeugergemeinschaft hat zusammen mit der Tierschutzorganisation PROVIEH auch ein Tierschutzlabel entwickelt: "Kuh und Kalb". Die Bedingungen: Kuh und Kalb müssen mindestens sechs Wochen zusammen gehalten werden und die Kälber unbegrenzten Zugang zur Muttermilch haben. Auch männliche Kälber, für die es auf Milchviehbetrieben meist keine Verwendung gibt, dürfen vorher nicht anderswohin zur Mast verkauft werden.

Milch, Käse, Joghurt und auch das Fleisch werden mit dem Tierschutzlabel gekennzeichnet. Alles ziemlich aufwendig, aber es rechnet sich, sagt Projektleiter Andreas Aufmuth:

"Wir haben den Preis erhöht für unsere Milchprodukte: um 20 Cent. Trotzdem ist die Nachfrage ungebrochen. Wir bringen die Milch nicht her, die wir verkaufen könnten." Andreas Aufmuth

Vermarktet werden die Produkte über die Demeter-Heumilchbauern. Sie lassen bei mehreren Molkereien produzieren.

Forschung soll helfen

Dennoch wird die Zahl der Milchviehbetriebe in Deutschland, die die Kälber bei der Mutter trinken lassen, auf unter 100 geschätzt. Es sind fast ausschließlich Demeter-Biobetriebe. Nur in Sachsen Anhalt gibt es einen konventionellen Betrieb mit 350 Milchkühen.

Seit über 15 Jahren beschäftigen sich Mitarbeiter des Thünen-Instituts damit, wie der Kontakt von Kuh und Kalb in modernen Ställen ermöglicht werden kann und ob es Vorteile für die Tiere und die Landwirte bringt. Es wird untersucht, wie sich diese Haltung auf die Gesundheit der Kälber, die Leistungsfähigkeit der Kühe und das Verhalten der Tiere auswirkt. Die Versuche laufen in Kooperation mit der ETH Zürich, der VetmedUni Wien, der Universität Kassel oder der CAU Kiel. Tatsache ist, dass dieses Konzept nicht für jeden landwirtschaftlichen Betrieb geeignet ist, das Thünen-Institut hat deshalb für interessierte Milchviehbetriebe einen Leitfaden entwickelt.