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Vor 25 Jahren: Der Streit um das Kreuz an bayerischen Schulen | BR24

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Das Urteil löste ein Erdbeben in Bayern aus: Vor 25 Jahren stellte das Bundesverfassungsgericht fest, dass Kruzifixe nicht ins Klassenzimmer gehören. Viele befürchteten den Untergang des christlichen Abendlandes. Doch es kam anders.

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Vor 25 Jahren: Der Streit um das Kreuz an bayerischen Schulen

Das Urteil löste ein Erdbeben in Bayern aus: Vor 25 Jahren stellte das Bundesverfassungsgericht fest, dass Kruzifixe nicht ins Klassenzimmer gehören. Viele befürchteten den Untergang des christlichen Abendlandes. Durch einen Trick kam es aber anders.

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Von
  • Martin Jarde
  • Alkyone Karamanolis

Kaum ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts dürfte die Menschen in Bayern mehr bewegt haben als jenes, das am 10. August vor 25 Jahren publik wurde: Paragraf 13 Absatz 1 Satz 3 der Schulordnung für die Volksschulen in Bayern ist mit Artikel 4 Absatz 1 Grundgesetz unvereinbar und nichtig, so Karlsruhe.

Richter: Kreuz in Schulen gegen Neutralitätspflicht

Der rechtswidrige Satz der Schulordnung besagte, dass in jedem Volksschul-Klassenzimmer ein Kruzifix zu hängen habe - jetzt sollte es raus. Anthroposophische Eltern hatten damals gegen die Vorschrift in der Schulordnung geklagt. Sie wollten ihren Kindern den Anblick eines männlichen Leichnams, wie es hieß, ersparen. Die Karlsruher Richter gaben ihnen 1995 mit Verweis auf die Neutralitätspflicht des Staates Recht - und lösten damit einen Proteststurm aus.

700.000 Unterschriften für das Kreuz wurden gesammelt. Gläubige fürchteten einen wahren Sturm auf die Kreuze in Klassenzimmern, gar den Untergang des christlichen Abendlandes. In Oberammergau ließen Holzschnitzer trotzig wissen: "Wir machen weiter Kreuze."

Politiker und Kirchenvertreter Seite an Seite

Am 23. September wurde der Protest auf die Straße getragen. Mehr als 30.000 Menschen versammelten sich auf dem Münchner Odeonsplatz. An der Spitze standen der damalige Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) mit dem Münchner Kardinal Friedrich Wetter und dem evangelisch-lutherischen Landesbischof Hermann von Loewenich. "Wir lassen nicht zu, dass mit den christlichen Symbolen zugleich die christlichen Werte aus der Öffentlichkeit verdrängt werden", rief Stoiber den Demonstranten aus ganz Bayern zu.

Späterer Papst Benedikt bestürzt

Die CSU wollte eine Änderung des Grundgesetzes prüfen, damit das Kreuz hängenbleiben konnte. Die Katholiken fühlten sich an Nazi-Zeiten erinnert. Selbst der spätere Papst Benedikt XVI. äußerte "Bestürzung". Die Grünen und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft dagegen fanden das Urteil zeitgemäß. Und das Gericht warnte davor sein Urteil zu missachten.

Stoiber hebelt Urteil mit Trick aus

Stoiber kündigte an, die Niederlage wett zumachen - und es gelang dank eines Kniffs: Durch eine sogenannte Widerspruchslösung dürfen Kruzifixe in Klassenzimmern bleiben - so lange sich kein Protest dagegen erhebt. Versuche, diese Regelung vor Gericht zu kippen, scheiterten. "Angesichts der geschichtlichen und kulturellen Prägung Bayerns wird in jedem Klassenraum ein Kreuz angebracht", heißt es nun in dem Gesetz.

"Wir in Bayern sehen unsere Identität auch in der Form des Kreuzes sinnbildhaft dargestellt, weil das Christentum das dauerhafteste und prägendste Element unserer Geschichte darstellt." Edmund Stoiber

Ein begründeter Widerspruch gegen das Kreuz in Klassenzimmern wurde von Eltern dann anscheinend auch nur selten vorgebracht. Zumindest hat das bayerische Kultusministerium keine Zahlen darüber, wie viele Kruzifixe tatsächlich abgenommen wurden. Auch sind dort keine aktuellen Streitfälle bekannt.

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Vor 25 Jahren sorgte das Kruzifix-Urteil des Bundesverfassungsgerichts für heftige Aufregung unter Katholiken. Wir blicken zurück auf ein Urteil, das im praktischen Schulalltag weit weniger Einfluss hatte, als viele befürchteten.

20 Jahre später: Kreuzerlass von Söder

Vom Christentum als Kulturfaktor sprach Stoiber. Eine Interpretation, die mehr als 20 Jahre später der jetzige Ministerpräsident Markus Söder (CSU) mit seinem sogenannten Kreuzerlass aufgriff - dem Beschluss, im Eingangsbereich sämtlicher Landesbehörden ein Kruzifix anzubringen. Doch diesmal sind die Fronten nicht mehr so eindeutig wie in den 90er Jahren.

Kritik dieses Mal auch von Seiten der Kirche

Während sich etwa der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer zustimmend äußert, übt der Münchner Kardinal Reinhard Marx Kritik. Wenn man das Kreuz nur als kulturelles Symbol verstehe, enteigne man es im Namen des Staates, so Marx. Auch der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm äußerte sich kritisch. Offenbar ist die Trennung von Kirche und Staat in Bayern – die im Grundsatz bereits seit 1919 festgeschrieben ist – weiter fortgeschritten, urteilt der Theologieprofessor Stephan Haering.

Kruzifix beschäftigt wieder Gericht

Derzeit liegt übrigens auch der Södersche Kreuzerlass vor Gericht. Vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof sind mehr als zwei Dutzend Klagen, darunter auch die von explizit atheistischen Gemeinschaften, anhängig. Das Urteil steht noch aus.

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