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Kritik von Studierenden: Hochschul-Prüfungen trotz Lockdown | BR24

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Mit den Lockdown-Regeln wollen wir für soziale Distanz sorgen, doch an vielen Universitäten und Hochschulen werden in den kommenden Wochen wieder viele Menschen zusammenkommen: Zahlreiche Semesterprüfungen stehen an.

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Kritik von Studierenden: Hochschul-Prüfungen trotz Lockdown

Viele Studierende sind verärgert. Sie sollen in den nächsten Tagen Prüfungen schreiben - zusammen mit Dutzenden anderen im Raum - und das mitten im Lockdown.

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Von
  • Manuel Rauch
  • Peter Allgaier

"Seit Monaten sitzen wir zu Hause und versuchen Kontakte zu vermeiden", sagt Maximilian (Name geändert). "Doch in vier Wochen Prüfungsphase soll alles über den Haufen geworfen werden. Der 21-Jährige studiert im dritten Semester Informatik an der Technischen Hochschule Ingolstadt (THI). Weil er fürchtet, dass die Hochschule die Probleme nicht so sieht wie er, will er unerkannt bleiben. In den nächsten Tagen sollen die Studierenden gemeinsam vor Ort an der THI Prüfungen schreiben. "Bei uns sind das 70 bis 80 Leute", sagt Maximilian. Dutzende Studierende gemeinsam in einem Raum - mitten im Lockdown. Auch viele seiner Kommilitonen seien deshalb verärgert.

Studierende fordern gleichen Lockdown für alle

Maximilian hat sich in einer Mail an den Bayerischen Rundfunk gewandt. Gemeinsam mit weiteren Studierenden fordert er von Hochschulleitungen und Politik, dass der Lockdown überall gleich hart durchgezogen wird, also auch an Hochschulen und Universitäten. Präsenz-Prüfungen sollen daher seiner Meinung nach verhindert werden. Dass die THI weiterhin an Präsenz-Prüfungen festhält, halten er und seine Mitstreiter für "gravierend falsch und sehr gefährlich“. Die Ansteckungsgefahr für Studierende und Dozenten sei zu hoch. Der Student kritisiert zudem, dass viele Räume keine Fenster hätten und nicht gelüftet werden können. Und: Studierende, die sich aufgrund einer Infektion oder eines Kontakts in Quarantäne begeben müssen, können die Prüfung frühestens im Sommersemester nachholen.

Ähnliche Frustration auch an der Hochschule Neu-Ulm: Die BWL-Studentin Sydney King lernt seit Monaten weitgehend isoliert zu Hause über das Internet. Für die Prüfungen am Semesterende soll sie nun persönlich an der Hochschule erscheinen. "Da kommen Leute aus verschiedensten Regionen zusammen, mit hohen Inzidenzwerten", ärgert sich Sydney.

Hochschule: Umfangreiche Maßnahmen getroffen

Melanie Stowasser, Referentin Hochschulkommunikation an der Technischen Hochschule Ingolstadt, erwidert auf Anfrage des BR: Die Hochschule könne die Bedenken der Studierenden verstehen. Man habe aber umfangreiche Maßnahmen getroffen. Die Hochschule habe sich um ausreichend große Räumlichkeiten bemüht, etwa die Carissma-Testhalle, in der normalerweise Fahrversuche stattfinden. Die Halle sei mehr als 100 Meter lang und 20 Meter breit und mit einer Lüftungsanlage ausgestattet. Kleinere Räume werden nach spätestens 45 Minuten über Fenster gelüftet, so die Sprecherin. Die Bestuhlung sei in ausreichendem Abstand von mindestens 1,5 Metern vorgesehen, in der Realität meist noch höher. Für die Studierenden und das Personal bestehe Maskenpflicht – auch während der Prüfungen. Zudem werden die Räume regelmäßig desinfiziert, so Stowasser.

Für diejenigen Studierenden, die an Prüfungen nicht teilnehmen können - etwa aufgrund einer Quarantäne - werde man entsprechende Fristen aussetzen, erklärt die Referentin weiter. Es sollen für die Betroffenen also keine Nachteile entstehen. Das Semester wird in diesem Fall nicht angerechnet.

60 Prozent der Studierenden in Neu-Ulm lehnen Präsenz-Prüfungen ab

Auch die Hochschule Neu-Ulm hat für die Prüfungen vorgesorgt. Alle Studierenden müssen eine Maske tragen, es gelten Abstandsregeln und eine App soll helfen, mögliche Infektionsketten nachverfolgen zu können, sagt Marcus Dingel, der Kanzler der Hochschule. Doch das Konzept überzeugt nur einen Teil der Lernenden. 60 Prozent lehnen laut einer Umfrage der Studierendenvertretung Präsenz-Prüfungen im Lockdown ab.

Die Ansteckungsgefahr bestehe nicht nur an der Hochschule, sagt Valentina Michels von der Studierendenvertretung Neu-Ulm: "Viele Studierende müssen mit der Bahn anreisen und wohnen dann während der Prüfungszeit wochenlang zusammen in Wohngemeinschaften. Auch da können sie sich natürlich anstecken."

Online-Prüfungen: Abschreib-Gefahr und Mehraufwand

Viele Studierende wünschen sich deshalb Online-Prüfungen, wie es sie an einigen Hochschulen und Universitäten bereits gibt. "Man hat bei Online-Prüfungen leider immer das Problem, dass Studierende über soziale Netzwerke voneinander abschreiben können", sagt Kanzler Dingel. Vergangenes Jahr geriet seine Hochschule in Neu-Ulm in die Schlagzeilen, weil 35 Studierende bei einer Online-Prüfung in einer Aufgabe denselben Fehler gemacht hatten.

Für Dozentinnen und Dozenten bedeuten zusätzliche Online-Prüfungen Mehrarbeit, weil sie die zusätzlich zum Präsenz-Examen anbieten müssten, denn Studierende können nicht gezwungen werden, ihre Prüfungen online zu schreiben. Sie haben ein Recht auf Präsenz-Prüfungen. Auch an der Technischen Hochschule Ingolstadt finden bereits digitale Prüfungen statt. Doch die Entscheidung treffe der jeweilige Prüfer, sagt Referentin Melanie Stowasser.

Vier Jahre sollen Online-Prüfungen erprobt werden

Ob die Präsenzvarianten schon bald durch Online-Prüfungen ersetzt werden können, ist fraglich. Denn was passiert, wenn die Technik streikt und das Internet nicht mehr funktioniert? Auch Fragen des Datenschutzes sind noch nicht restlos geklärt. Um Tricksereien zu verhindern, fordern Dozenten zunehmend den Einsatz einer Webcam, die dann natürlich den Studierenden, aber auch dessen Wohnung zeigt. Vier Jahre sollen Online-Prüfungen erprobt werden, danach will Bayerns Wissenschaftsministerium Resümee ziehen. Die Studierendenvertretung in Neu-Ulm blickt dagegen auf den kommenden Dienstag. Dann wird sich der Senat der Hochschule treffen, um über eine mögliche Ausweitung der Online-Prüfungen zu beraten. Eines steht dagegen schon vorab fest, versichert Julia Kormann, Vizepräsidentin der Hochschule: "Wer Angst wegen Corona hat, kann sich ohne Konsequenzen von einer Präsenzprüfung abmelden."

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