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Bildrechte: pa/dpa/Peter Kneffel

Als einheitliche IT-Lösung für die Kontaktnachverfolgung sollte die Software "Sormas" seit dieser Woche in allen bayerischen Gesundheitsämtern zum Einsatz kommen. Aber die Umrüstung läuft langsamer als geplant.

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Kritik an Corona-Software: "Söder hat sein Ziel nicht erreicht"

Eine einheitliche Software für die Kontaktnachverfolgung in den Gesundheitsämtern: Auch in Bayern sollte das ab dieser Woche der Fall sein. Aber die Frist wurde erneut gerissen. Die Opposition übt Kritik, die Staatsregierung verweist auf den Bund.

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Von
  • Maximilian Heim
  • Katharina Pfadenhauer

Ein einheitliches Programm für die wichtige Kontaktnachverfolgung - die Software "Sormas" sollte eigentlich seit dieser Woche in allen bayerischen Gesundheitsämtern zum Einsatz kommen. Es geht dabei um eine zentrale Stelle der Pandemie-Bekämpfung: Je schneller die Gesundheitsämter Tests anordnen und Menschen in Quarantäne schicken, desto weniger Ansteckungs-Risiken gibt es. Und führende Politiker in Bund und Ländern haben vielfach betont: Erst wenn die Ämter die Kontaktnachverfolgung wieder im Griff haben, könne man über Lockerungen reden.

Allerdings läuft die "Sormas"-Umrüstung weiter schleppend - die ursprünglich angesetzte Frist Ende Januar wurde gerissen. Das liegt auch daran, dass entscheidende Schnittstellen bisher nicht verfügbar sind. Zum 1. Februar waren 54 der 76 Gesundheitsämter im Freistaat zwar an "Sormas" angeschlossen, wie Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) zuletzt erklärte. Wie viele bayerische Ämter schon jetzt ausschließlich "Sormas" für die Kontaktnachverfolgung nutzen, beantwortet sein Ministerium auf BR-Anfrage aber nicht.

Gesundheitsämter warten auf passende "Schnittstellen"

Am Gesundheitsamt in Freising sind die Mitarbeiter bereits auf "Sormas" geschult worden. Genutzt wird es hier aber trotzdem noch nicht: Man wartet noch auf die passenden Schnittstellen zu den Laboren und zum Landesamt für Gesundheit und Lebensmitteltechnologie (LGL). Laut dem Freisinger Landratsamt ermöglichen diese Schnittstellen, wichtige Daten auszutauschen.

Im Unterallgäu nutzt man derzeit noch ein anderes Software-Programm zur Nachverfolgung - nach eigenen Angaben für Arbeitsprozesse, die aktuell in "Sormas" noch nicht möglich sind. Erst im Oktober habe man hier eine neue Software eingeführt, jetzt müsse man schon wieder umstellen, beklagt Landrat Alex Eder (Freie Wähler): "Die Umstellung bedeutet vorübergehend einen zusätzlichen Arbeitsaufwand." Trotzdem erhofft sich der Landrat von "Sormas", Kontakte noch effizienter nachverfolgen zu können als mit der bisherigen Software - und so Infektionsketten noch schneller zu unterbrechen.

Corona-Software: Neue Zielmarke Ende Februar

Auch aus anderen bayerischen Gesundheitsämtern ist zu hören, dass sie erstmal abwarten. Vor allem, weil viele Ämter gerade unter Volllast arbeiten und kaum Kapazitäten für einen grundlegenden Software-Wechsel haben, ähnlich wie im Unterallgäu. Dennoch lautet das neue Ziel von Bund und Ländern: 28. Februar. Bis dahin sollen alle Ämter deutschlandweit "Sormas" nutzen, bekräftigte unlängst auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Die Kanzlerin kritisierte dabei, dass die Umstellung "leider" nicht wie geplant bis Anfang Januar geklappt habe.

Bayerns Gesundheitsminister Holetschek nimmt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in die Pflicht. Die noch fehlenden Schnittstellen bei "Sormas" seien vom Bund zu erbringen, betonte Holetschek zuletzt. "Das habe ich auch dem Bundesminister nochmal mitgeteilt, damit das Programm auch effektiv und schnell starten kann."

Diese Formulierung dürfte im Klartext heißen: Auch Holetschek, bei der Entscheidung für "Sormas" im Dezember selbst noch Staatssekretär, geht die Umrüstung zu langsam. Bis alle Schnittstellen verfügbar sein sollen, dauert es aber nach BR-Informationen noch mindestens einige Wochen. Von einem "ehrgeizigen Zeitziel" ist auch im bayerischen Gesundheitsministerium die Rede. Die Staatsregierung hat dennoch große Erwartungen: "Wir hoffen dann, dass die Kontaktnachverfolgung nochmal besser gelingt durch dieses Instrument der Digitalisierung", sagte Holetschek zuletzt.

Schulze: Söders Management "mangelhaft"

Für Grünen-Fraktionschefin Katharina Schulze zeigt die verzögerte "Sormas"-Umrüstung ein grundsätzliches Problem der Söder-Regierung - und zwar überhastete Ankündigungen. "Markus Söder hat sein Ziel nicht erreicht", sagt Schulze auf BR-Anfrage. "Sein Projektmanagement beim Thema Software-Umrüstung der Gesundheitsämter ist mangelhaft." Anscheinend habe es die Staatsregierung nicht geschafft, den Gesundheitsämtern die benötigte Hilfe für die Umrüstung schnell zur Verfügung zu stellen, ergänzt die Grünen-Politikerin.

Kritik aus der Opposition gehört zum Alltag einer Regierung, aber zuletzt kritisierte auch Söders Koalitionspartner die stockende "Sormas"-Umrüstung. "Eigentlich war es eine gute Idee, die Markus Söder im Dezember äußerte", erklärte Freie-Wähler-Generalsekretärin Susann Enders vor einigen Tagen. Angesichts der verzögerten Umsetzung forderte sie, die "Gesundheitsämter nun rasch und vollständig damit auszustatten".

Landkreistag lehnt Software-Umrüstung aktuell ab

Unerwartet deutliche Kritik äußert der Deutsche Landkreistag. In einem Brief an die Minister Spahn und Holetschek warnt der Landkreistag vor einer Überlastung der Gesundheitsamts-Mitarbeiter und vor doppelten Datensätzen. Und weiter: "Wir halten das Ziel einer flächendeckenden Einführung deshalb weder für erstrebenswert, noch [für] derzeit erreichbar."

Man wolle "abschließend unterstreichen, dass wir "Sormas" und seine Einführung in den Gesundheitsämtern keineswegs per se ablehnen", auch das steht in dem Brief. Es folgt gleichwohl erneut großes Unverständnis über den Zeitpunkt der politischen Entscheidung für die neue Software: "All dies bedeutet dennoch nicht, dass wir leichthin auf die etablierten Systeme in vielen Gesundheitsämtern der Landkreise verzichten möchten."

"Sormas" wurde entwickelt vom Helmholtz-Zentrum

Dass "Sormas" mit allen Schnittstellen und in allen Ämtern eingesetzt eine Verbesserung wäre - davon geht auch Grünen-Fraktionschefin Schulze aus. Entwickelt wurde "Sormas" vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung. Dessen Gesellschafter sind laut der eigenen Webseite die Bundesrepublik Deutschland (mit 90 Prozent), das Bundesland Niedersachsen (mit acht Prozent) sowie das Saarland und der Freistaat Bayern (mit jeweils einem Prozent).

Teile der Opposition kritisieren seit Monaten, dass andere Software-Hersteller mit ihren Angeboten nicht berücksichtigt worden seien. Der Landtagsabgeordnete Dominik Spitzer (FDP) erklärte, dass mehrere Anbieter E-Mails an die frühere bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) und an Ministerpräsident Söder geschrieben hätten, um ihre Produkte vorzustellen: "Und die haben zum Teil nicht mal eine Antwort bekommen."

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