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Der Regensburger Bischof hat eine neue Internetseite online geschaltet. Dort wird behauptet, dass der sexuelle Missbrauch in der Kirche "in keinem gesicherten Zusammenhang" steht mit der katholischen Sexualmoral.

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Reformbewegung "Wir sind Kirche" reagiert auf Bischofskritik

Vor knapp zwei Jahren starteten die Deutschen Bischöfe und das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken das Gesprächsformat Synodaler Weg, um Reformen anzustoßen. Nun fühlen sich die Laien vom Regensburger Bischof Voderholzer angegriffen.

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Von
  • Simon Berninger
  • Birgit Rätsch

Angeführt vom Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer bringen sich konservative Katholiken in Stellung – und zwar mit der Internetseite www.synodale-beitraege.de, die heute freigeschaltet wurde. Als aktuellster Beitrag findet sich dort ein 36 Seiten umfassendes Dokument mit dem Titel "Vollmacht und Verantwortung" als explizites Gegendokument zu den mehrheitlich verfassten Papieren auf dem Synodalen Weg. Darin gehen die Autoren davon aus, dass der Skandal um tausendfachen sexuellen Missbrauch – so wörtlich – "in keinem gesicherten Zusammenhang" steht mit der katholischen Sexualmoral oder der Machtstruktur innerhalb der Kirche.

Eben darüber diskutiert aktuell der Synodale Weg, auf dessen Name der Titel der Homepage augenscheinlich Bezug nimmt. Die Deutsche Bischofskonferenz (DBK), der Voderholzer angehört, und das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken (ZdK) haben das Gesprächsformat vor knapp zwei Jahren ins Leben gerufen – als Reaktion auf die so genannte MHG-Studie, die im Auftrag der DBK den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche in Deutschland untersucht hatte. In dem wissenschaftlichen Dokument werden unter anderem Zölibat und Sexualmoral der Kirche als missbrauchsbegünstigende Faktoren angeführt.

Alternative Vorschläge von Voderholzer und Woelki

Die Verfasser des Textes auf der von Bischof Voderholzer initiierten Homepage sehen das anders. Ihre Absicht ist es laut Mitteilung des Bistums, "Reformvorschläge zu entwickeln, die sich aus der geltenden Dogmatik und dem Kirchenrecht ableiten lassen" – anstatt diese etwa zu ändern, was eine Mehrheit auf dem Synodalen Weg anstrebt.

Gegenüber dem BR wollte sich Bischof Voderholzer nicht äußern, im Grußwort auf der nun online geschalteten Homepage teilt er aber mit: "Wir gehen den Synodalen Weg mit, kommen aber mehr und mehr zu der Überzeugung, dass er in den bisher gefahrenen Gleisen nicht ans Ziel führen kann."

Das moniert der Regensburger Bischof nicht zum ersten Mal: Noch ehe der Synodale Weg überhaupt ausgerufen werden konnte, legte Voderholzer im Schulterschluss mit dem Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki einen Gegenentwurf zu den heute geltenden Statuten vor. Voderholzer und Woelki wollten demnach einen Synodalen Weg, der Antworten auf die Glaubenskrise "im Rahmen des 'Primats der Evangelisierung'" findet. Also keine Lehr- und Strukturreformen, sondern eine Bekehrung der vermeintlich Glaubensschwachen.

Mehrheit steht hinter dem Synodalen Weg, wie er ist

Das war schon daran abzulesen, dass der Gegenentwurf keine Arbeitsgruppen zu Zölibat, Sexualmoral, Frauen und Macht vorsah: Im Voderholzer-Woelki-Entwurf las man vielmehr von Arbeitsgruppen mit Titeln wie "Die Sendung der Laien im Dienst der Evangelisierung", "Jugendpastoral/Jugendkatechese in den Pfarreien", "Spiritualität und Evangelisierung".

Der deutlich "zahmere Gegenentwurf" zu den heute gültigen Statuten wurde von den 27 Diözesanbischöfen bei einer Abstimmung in Würzburg im August 2019 allerdings abgelehnt. Für den Voderholzer-Woelki-Entwurf stimmten lediglich drei Bischöfe.

Erste Ergebnisse weisen in Richtung Reform

Nach knapp zwei Jahren sind die in der Folge etablierten Arbeitsgruppen zu Zölibat, Sexualmoral, Frauen und Macht, die dem Mehrheitsentwurf entsprechend eingerichtet wurden, offenbar auch schon zu ersten Ergebnissen gekommen. Die Katholische Nachrichten-Agentur zitiert aus einem Papier der Arbeitsgruppe zur Sexualmoral, wonach sich die so genannte "Pillen-Enzyklika" Papst Pauls VI., die der katholischen Kirche das Verbot von künstlicher Empfängnisverhütung eintrug, "weder theologisch noch lebenspraktisch als zwingend erschließt".

Überhaupt schlägt das Papier offenbar eine Kehrtwende vom katholischen Prinzip "Kein Sex außerhalb der Ehe" vor, wenn es heißt: "Die christlich gelebte Ehe ... schöpft aus der Offenheit für diese Fruchtbarkeit. Das bedeutet aber nicht, dass ausnahmslos jede geschlechtliche Vereinigung diese Offenheit biologisch realisieren muss."

"Wir sind Kirche": "Starker Affront" gegen übrige Bischöfe

Fänden die Vorschläge auch eine Mehrheit im großen Rund des Synodalen Weges, der Ende September zum nächsten Mal zusammenkommt, wäre das tatsächlich eine Reform, wie sie der Regensburger Bischof nun offenbar in letzter Minute verhindern will. Die katholische Reformbewegung "Wir sind Kirche" nennt die Intervention einen "starken Affront gegen die anderen deutschen Bischöfe". Diese müssten sich deshalb auf ihrer anstehenden Herbstvollversammlung vom 20. bis 23. September in Fulda "erneut und mit aller Kraft" zu diesem dringend notwendigen Reformprozess bekennen, wenn dieser nicht zur Farce werden solle, sondern auch ein Dienst an der Weltkirche sein sollte.

Damit argumentiert indessen auch Voderholzer in der Sorge, die deutschen Katholiken könnten einen nationalen Sonderweg gehen. Dazu berief er sich in der Vergangenheit auch auf einen Brief von Papst Franziskus "An das pilgernde Volk Gottes in Deutschland", in dem sich das Oberhaupt der katholischen Kirche zum Synodalen Weg der Kirche in Deutschland Ende Juni 2019 äußerte. Über die Stoßrichtung des Briefes wird bis heute kontrovers diskutiert, Reformer und Konservative legen ihn jeweils zu ihren Gunsten aus.

Franziskus: Deutsche Bischöfe "nicht böswillig"

Franziskus selbst äußerte sich zu seinem Brief indessen erst diese Woche. Für die Abfassung habe er einen Monat lang gebraucht, "zwischen Beten und Nachdenken", sagte er in einem am Mittwoch verbreiteten Interview des spanischen Radiosenders Cope. Von manchen deutschen Katholiken fühle Papst Franziskus sich hinsichtlich des Synodalen Weges noch nicht ganz verstanden. "Viele Bischöfe, mit denen ich gesprochen habe, sind nicht böswillig", sagte er. Auch beruhe das Reformprojekt sicher auf einem "seelsorglichen Wunsch". Es berücksichtige aber bisher nicht einige der Dinge, "die ich in dem Brief erkläre und die berücksichtigt werden müssen".

Was genau der Papst meint, bleibt unklar. Gleichzeitig hat Franziskus aber die gesamte Weltkirche zu einem zweijährigen synodalen Prozess aufgerufen. Dieser soll zunächst auf regionaler Ebene in den Diözesen beginnen, dann national zusammengefasst und anschließend kontinental fortgesetzt werden. Im Oktober 2023 soll dann eine Versammlung der Bischofssynode in Rom die Ergebnisse dieser Weltsynode aufarbeiten.

💡 Was ist der Synodale Weg?

Der Synodale Weg hat am ersten Advent 2019 begonnen und ist auf zwei Jahre angelegt. Sein oberstes Organ ist die Synodalversammlung. Sie setzt sich aus den Mitgliedern der Deutschen Bischofskonferenz und aus den vom ZdK gewählten Mitgliedern sowie Vertreterinnen und Vertretern weiterer Personen- und Berufsgruppen zusammen, die in ihrem Wirken am kirchlichen Sendungsauftrag teilhaben. Die Synodalversammlung tagt zweimal jährlich. Die thematische Arbeit des Synodalen Weges wird in insgesamt vier Synodalforen vorbereitet:

  • "Macht und Gewaltenteilung in der Kirche – Gemeinsame Teilnahme und Teilhabe am Sendungsauftrag"
  • "Leben in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft"
  • "Priesterliche Existenz heute"
  • "Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche"

(Quelle: synodalerweg.de)

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