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Krise im Kreißsaal: So reagieren Kommunen und Entscheider | BR24

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Die Geburtshilfe in Aichach musste schließen.

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Krise im Kreißsaal: So reagieren Kommunen und Entscheider

Überlastete Geburtshelfer, geschlossene Kreißsäle: Die Geburtsmedizin in Bayern steckt in der Krise. Was sind die Hintergründe auf kommunaler Ebene? Wie reagiert die Politik?

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Die höchste Geburtenzahl seit 1998: Was in Bayern eigentlich Anlass zur Freude sein sollte, sorgt derzeit bei Kommunen und Medizinern für Kritik. Denn die Geburtsmediziner im Freistaat beklagen mangelnde Unterstützung und erschwerte Bedingungen. Die Folgen spüren besonderes die gebärenden Frauen.

Systemmängel vor Ort

Den Handlungsbedarf sehen die Kommunen auf höherer Ebene, bei Bund und Ländern. Doch der Landrat von Aichach-Friedberg, Klaus Metzger, hat diese Hoffnung bereits aufgegeben:

„Alles was wir jetzt an Systemmängeln haben, das schlägt 1:1 auf die Landkreise nieder. Auch da lamentiere ich nicht, wir werden jetzt von den Bürgerinnen und Bürger geprügelt vor Ort, das muss man hinnehmen. Aber es ist in meinen Augen völlig falsch.“ Klaus Metzger, Landrat.

In Friedberg musste die neueröffnete Geburtsstation schließen, weil es zu wenige Geburtshelfer gab. Die möchte der Träger der Klinik, der Landkreis Aichach-Friedberg, nun selbst anstellen. So entfallen die hohen Haftpflichtprämien. Eine Kooperation mit der Augsburger Uniklinik soll das möglich machen.

Zentrale Kliniken spüren Andrang

Den Wegfall der kleineren Geburtsstationen auf dem Land spüren die zentralen Geburtshäuser deutlich: Im Josefinum kamen 2018 3.400 Kinder zur Welt – keiner dachte, dass es jemals so viele werden. Dabei wurde im Josefinum schon vorausschauend geplant: Fünf Kreißsäle gibt es, einer mehr, als vorgesehen war. Die Zentralisierung hat auch etwas mit Qualität zu tun:

„Wenn wir von Zahlen zwischen 200 und 300 reden, dann stellt sich definitiv die Qualitätsfrage, ob denn mit dieser Anzahl von Entbindungen die hohen Qualitätsstandards, die an eine klinische Struktur gestellt werden, noch aufrechterhalten werden können.“ Hubert Mayer, Klinikvorstand des Josefinums in Augsburg.

Die Prognose des Klinikvorstands: Kleinere Einrichtungen werden in Zukunft unwichtiger, gleichzeitig steigt die Belastung in Großkrankenhäusern. Die Folgen dieser Entwicklung spürt das Augsburger Krankenhaus deutlich:

„Es ist tatsächlich so, dass bei uns immer wieder Frauen zur Entbindung kommen, die in München nicht unterkommen. Fakt ist, dass sie dort keinen geplanten Entbindungsplatz finden.“ Klinikvorstand Hubert Mayer.

Abweisen musste das Josefinum bisher niemand, und dabei soll es auch bleiben – auszuschließen sei es allerdings nicht.

Gebärende Frauen haben kein Vertrauen mehr

Eine Folge davon: Schwangere Frauen verlieren das Vertrauen in die stationäre Geburtsmedizin der großen Häuser. Eine von ihnen ist Kathrin Müller aus Weilheim. Vor elf Monaten hat sie ihren Sohn entbunden – und zwar zu Hause, in den eigenen vier Wänden, mit einer Hebamme. Denn in Weilheim war 2017 die Geburtsstation wegen Hebammenmangels geschlossen worden. Seither müssen die Frauen in Schongau entbinden.

Alternative: Hausgeburt mit Hebamme

Kathrin Müller hat sich für einen anderen Weg entschieden, weil die Geburten in den Kliniken „nicht mehr achtsam“ erfolgen. Bei einer Hausgeburt könne die Frau in einer ruhigen Umgebung mit einer sicheren 1:1 Betreuung durch eine Hebamme ihres Vertrauens entbinden, meint Müller.

Traumatische Geburtserlebnisse

Ihre Hebamme habe ihr trotz frühen Blasensprungs „so eine krasse Sicherheit gegeben“, dass die Geburt problemlos vonstatten ging. Viele andere Mütter aus ihrem Bekanntenkreis dagegen würden von „traumatischen Geburtserlebnissen“ berichten, von unangekündigten Dammschnitten oder Medikamentengaben „oder einem Arzt, der sagt, wir schneiden Sie jetzt auf“.

Besonders in großen Geburtskliniken sei dies an der Tagesordnung. Gegen eine zunehmende Zentralisierung der Geburtshilfe spricht sich Bobingens Bürgermeister Bernd Müller aus.

„Es ist wichtig, eine klassische Basisversorgung auf dem Land erhalten bleibt, und da gehört die Geburtsstation einfach dazu.“ Bobingens Bürgermeister Bernd Müller.

Im benachbarten Schwabmünchen wurde die Entbindungsstation bereits dicht gemacht. Müller hat einen Brandbrief an Justizminister Winfried Bausback geschrieben und nun die Rückendeckung des Ministeriums erhalten, dass die Stadt wenigstens für die Geburtshilfe-Ärzte in Bobingen einen Teil der immens gestiegenen Haftpflichtprämien übernehmen darf – bis zu 60.000 Euro sind das für die Mediziner pro Jahr. Der Freistaat Bayern müsse die Weichen in der Geburtshilfe neu stellen, fordert der Kommunalpolitiker.

Masterplan Geburtshilfe gefordert

Eine ähnliche Forderung hat der Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhausgesellschaft, Siegfried Hasenbein: Einen Masterplan Geburtshilfe. Einige Standorte müssten unbedingt erhalten bleiben:

„Es gibt unverzichtbare Standorte. (…) Die muss man finanziell absichern, da muss man auch die nötige Infrastruktur unterstützen. (…) Man kann nicht immer nur ‚reagieren‘, man muss auch vorausschauen.“ Siegfried Hasenbein, Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhausgesellschaft.

Gesundheitsministerin fordert Dialogbereitschaft

Die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) rief die kommunalen Träger und die Geburtshelfer zum Dialog auf:

„Wichtig ist es, vor Ort auch mit den Hebammen im Gespräch zu sein. Weil ehrlicherweise, das eine oder andere, warum eine Hebamme sich auch nicht so wertgeschätzt fühlt im Krankenhaus, das kann ich von München aus nicht reglementieren. Das muss vor Ort im Gespräch sein.“ Gesundheitsministerin Melanie Huml.

Finanzielle Belastung für Hebammen

Das fordert auch Hebamme Christina Steinocher. Die Krankenhäuser sollen auf die Geburtshelfer zugehen, um zu klären, wie diese unterstützt werden können. Sie fordert langfristige Lösungen:

„Die Haftpflichtversicherungen und die ganzen finanziellen Belastungen, die jetzt zusätzlich da sind, das ist ein Fass ohne Boden – für das die Hebamme nichts kann. Da muss eine andere Lösung her (…), es ist ein Fehler im System. Die Dinge haben sich geändert und wir müssen das System jetzt auch ändern.“ Hebamme Christina Steinocher.