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Violeta und das Maristen Gymnasium

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Krieg und Schule: Wie geht es ukrainischen Schülern heute?

Krieg und Schule: Wie geht es ukrainischen Schülern heute?

Sich auf die Schule zu konzentrieren ist als junger Mensch nicht immer leicht. Wie ist das erst, wenn Gedanken weit weg sind? Vor rund neun Monaten sind die ersten Schüler aus der Ukraine am Maristen-Gymnasium in Furth angekommen. Wie geht es ihnen?

Knapp neun Monate sind vergangen, seit das Maristen-Gymnasium in Furth bei Landshut die ersten Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine aufgenommen hat. Sie kommen aus Charkiw, aus Kiew oder Tschernihiw, sind geflüchtet aus ukrainischen Metropolen – nach Niederbayern. Das Further Gymnasium reagierte damals schnell, richtete eigens einen Sprachkurs ein.

Schulleiter Christoph Müller erklärt damals: "Wir haben gesehen, dass hier Kinder und ihre Familien ankommen. Wir haben uns gefragt, was wir tun können. Wir sind eine Schule und deswegen haben wir auch ganz schnell einen solchen Kurs eingerichtet."

Alleine ohne Eltern in einem fremden Land

Wie geht es den Kindern und Jugendlichen heute? Im Büro von Schulleiter Müller hängt eine Liste mit Gastschülern. Sie ist in den letzten Monaten stetig gewachsen. Manche haben die Schule zwischenzeitlich verlassen, viele sind hinzugekommen, andere sind seit Anfang an dabei – wie Violeta Klimova. Anfang Februar wurde sie siebzehn Jahre alt. Wenige Tage später ist nichts mehr, wie es war. Sie flieht alleine nach Deutschland. Mutter und Vater bleiben zurück in Charkiw und setzen ihre Hoffnungen auf die einzige Tochter. Violeta versucht, nach vorne zu blicken: "Ich werde versuchen, mir eine berufliche Laufbahn aufzubauen. Vielleicht hier, vielleicht in der Ukraine. Und ich wünsche mir einfach, eine glücklichere Person zu werden."

Präsenzunterricht in Deutschland, Online-Unterricht in der Ukraine

Ob sie heute, viele Monate später, eine glücklichere Person ist, will Violeta nicht beantworten. Zu groß ist die Sorge um ihre Eltern und die Ungewissheit, wie es in ihrer Heimatstadt weitergeht. Schon jetzt gibt es in Charkiw oft Probleme mit der Stromversorgung, erzählt sie. Und der Winter steht erst bevor.

Sie selbst, sagt Violeta, hat die Anfangsschwierigkeiten überwunden. Auf Deutsch erzählt sie: "Das war eine sehr schwere Zeit für mich. Ich habe erst gar nichts verstanden. Das war wirklich schwierig. Jetzt aber ist es viel besser als noch vor neun Monaten." Eine Zeit, in der die Siebzehnjährige nicht nur Schülerin in Deutschland ist – sondern auch in ihrer ukrainischen Klasse. Per Online-Unterricht, parallel zu den Präsenzveranstaltungen im niederbayerischen Furth.

Traum vom Studium

Trotz Doppelbelastung und permanenter Anspannung wegen des Krieges gelingt ihr so im Sommer ihr ukrainischer Schulabschluss: "Ich habe es wirklich geschafft", erzählt Violeta stolz. "Das ganze Jahr über war ich so nervös. Es war mein letztes Schuljahr, ich musste mich voll und ganz auf meinen Schulabschluss konzentrieren. Jetzt bin ich etwas ruhiger. Ich kann mich auf die nächsten Schritte und die künftigen Prüfungen vorbereiten."

Diese Prüfungen werden am sogenannten Studienkolleg stattfinden. Weil ihr ukrainisches Zeugnis den direkten Gang an eine Hochschule nicht zulässt, wird Violeta Klimova ab Februar diese Vorbereitung auf ein Studium in Bayern absolvieren. Dafür werden auch gute Deutschkenntnisse vorausgesetzt. Ein Grund für Violeta, weiterhin zur Schule zu gehen – trotz Abschluss. Nach dem Studienkolleg, das bis zu zwei Semester dauert, will sie dann Sprachen und Geschichte studieren.

"Jede extra Meile" wird in Kauf genommen

Ein Umweg, den Yaroslav Serdiuk vermeiden will. Er ist neu in der zehnten Klasse am Further Maristen-Gymnasium und will schon in zwei Jahren das bayerische Abitur ablegen. Vor allem in mathematischen Fächern falle ihm das Lernen leicht, sagt er. "Bevor ich hierhergekommen bin, war ich auf der Realschule", erzählt Yaroslav. "Die geht aber nur bis zur zehnten Klasse. Hier kann ich mich nun am besten auf die Uni vorbereiten, kann die deutsche Sprache besser lernen, weil ich einfach mehr Zeit dafür habe." Später will Yaroslav Wirtschaft studieren und dann in einer Bank arbeiten. Für diesen Traum will er "jede extra Meile" in Kauf nehmen, sagt er.

Unterschiedliche Leistungsniveaus

Für manche Kinder und Jugendliche ist die Sprache die einzige größere Barriere, sagt Schulleiter Christoph Müller. Andere haben noch schwerer zu kämpfen. Erkenntnisse nach einem beispiellosen Jahr: "Wir haben die Kinder selbstverständlich am Anfang hier als Gastschüler aufgenommen. Damit sie wieder ein soziales Gefüge erleben können, damit sie Kinder und Jugendliche sein dürfen. Uns war aber am Anfang auch klar, dass sich diese reine Aufnahme ausdifferenzieren würde."

Das könne er an drei Beispielen festmachen, erklärt Müller: "Wir haben eine Gruppe, die im vergangenen Jahr das Online-Abitur in der Ukraine gemacht hat. Die werden sich nun über das sogenannte Studienkolleg an einer bayerischen oder deutschen Universität bewerben. Dann haben wir die Schülerinnen und Schüler, von denen wir denken, dass sie gymnasial geeignet sind. Sie werden hier zunächst die Mittlere Reife ablegen und dann versuchen, das Abitur zu machen. Und dann zeichnet sich ab, dass wir eine Gruppe haben, die es am Gymnasium nicht schaffen werden. Wir arbeiten hier mit den entsprechenden Stellen zusammen, sie an eine andere Schule weiterzuvermitteln."

Zukunft? Hauptsache zusammen mit der Familie

Violeta Klimova ist schon einen Schritt weiter. Sie träumt nun von der Großstadt. Charkiw sei für sie zwar die schönste Stadt auf der Welt, München käme aber möglicherweise für den zweiten Platz in Frage, sagt sie lächelnd. Ihr Ziel, sagt Violeta aber, bleibt. Eine glücklichere Zukunft, zusammen mit ihrer Familie. In der Ukraine – oder in Deutschland.

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Mehr als 150.000 Flüchtlinge aus der Ukraine leben zur Zeit im Freistaat, viele von ihnen gehen noch zur Schule.

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