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Krankenkasse verweigert Kind mit Muskelschwäche Therapiestuhl | BR24

© BR/Theresa Krinninger

Mutter Martina Holzner kämpft seit Jahren für die einen Therapiestuhl für ihren Sohn Felix.

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    Krankenkasse verweigert Kind mit Muskelschwäche Therapiestuhl

    Der 15-jährige Felix hat eine Behinderung. Seine Mutter weiß, ein Therapiestuhl würde ihm helfen. Seit drei Jahren kämpft die Familie aus dem Berchtesgadener Land dafür, dass Felix einen bekommt - und erlebt einen Rückschlag nach dem anderen.

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    Wie jedes andere Schulkind sitzt auch Felix bis zu acht Stunden im Unterricht. Doch ihm fällt es noch schwerer, sich gerade auf dem Stuhl zu halten. Felix hat von Geburt an eine Behinderung und seine Familie aus dem Berchtesgadener Land kämpft seit Jahren dafür, dass er einen Therapiestuhl bekommt. Die Krankenkasse weigert sich bislang, den zu zahlen.

    Felix leidet an Muskelschwäche

    Der 15-jährige Felix kam mit der Chromosomenstörung IDIC 15 zur Welt. Sie beeinträchtigt seine körperliche und geistige Entwicklung. Hauptsymptome sind frühkindlicher Autismus, eine allgemeine Muskelschwäche und eine sensorische Verarbeitungsstörung. Dazu gehört auch die sogenannte kyphotische oder auch gekrümmte Haltung beim Sitzen.

    Rundrücken hat langfristige Gesundheitsfolgen

    Das Problem wird schnell klar, wenn Felix seine Hausaufgaben macht. Wenige Sekunden nachdem er sich auf einen Stuhl gesetzt hat, sacken seine Schultern nach vorne, sein Nacken und die Brustwirbelsäule verformen sich zu einem starken Rundrücken.

    Wenn er nach einem Schultag nachmittags nach Hause kommt, erzählt er seiner Mutter Martina immer häufiger von seinen Rückenschmerzen. Bei der Frage, wo es ihm genau weh tut, zeigt er auf die oberen Brustwirbel. Ein stark ausgeprägter Rundrücken kann die Beweglichkeit langfristig stark einschränken, zu Problemen bei der Atmung sowie zu Verdauungsproblemen und starken Rückenschmerzen führen.

    Hilfe wäre jetzt in Pubertät besonders wichtig

    Felix wird im November 16 Jahre alt. Behandelnde Ärzte und Physiotherapeuten sagen, gerade jetzt in der Pubertät sei es wichtig, seine körperliche Entwicklung besonders zu fördern. Der Oberarzt und Kinderorthopäde am Behandlungszentrum Aschau und die Physiotherapieabteilung am Heilpädagogischen Zentrum Ruhpolding (HPZ) erachten den "Therapiestuhl SiiS" zum aktiven Sitzen mit Impuls-Sensorik für "medizinisch dringend notwendig".

    Spezieller Therapiestuhl könnte helfen

    Dieser Spezialstuhl kostet rund 2.600 Euro. Er hat eine besondere Lehne und Sitzfläche, die beim aufrechten Sitzen unterstützen. Felix durfte den Stuhl bereits vor zwei Jahren für mehrere Wochen testen. Die Eltern und die Betreuer im HPZ waren von der Wirkung überzeugt.

    Nicht im Hilfsmittelverzeichnis gelistet

    Die Krankenkasse sieht das anders und beruft sich bei ihren Ablehnungsbescheiden auf das Sozialgesetzbuch. Drei Mal hat die Event-Managerin Martina Holzner den Stuhl bei ihrer Krankenkasse beantragt. Zum ersten Mal 2017. Drei Mal kam ein Nein zurück. Nachdem die Krankenkasse ihren ersten Antrag an den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) zur Begutachtung weitergereicht hatte, lehnte sie daraufhin Ende 2018 den Antrag mit der Begründung ab, der Stuhl sei nicht im Hilfsmittelverzeichnis gelistet und diene nicht der Krankenbehandlung. Laut MDK-Gutachten könne Felix durchaus frei auf handelsüblichen Möbeln sitzen, er müsse allerdings immer wieder auf seine aufrechte Haltung hingewiesen werden.

    Drei Anträge scheitern

    Auch 2019 scheitert der nächste Antrag. Trotz ergänzendem Attest des Behandlungszentrums Aschau. Die 50-jährige Mutter kann nicht verstehen, warum kein Gutachter des MDK Felix persönlich untersuchen wollte. Die Antwort der Krankenkasse auf BR-Anfrage darauf: "Der MDK entscheidet eigenständig, ob eine körperliche Untersuchung notwendig ist" und "in seinem aktuellen Gutachten hat der MDK in diesem Jahr erneut, wie bereits 2018 und 2019 eine Kostenübernahme für das beantragte Hilfsmittel nicht befürwortet". Dagegen legte Martina Holzner nochmals über den Sozialverband VdK Deutschland Widerspruch ein. Aber auch das half nichts. Ende September kam erneut eine Ablehnung.

    Alternativen laut Familie unbrauchbar

    Martina Holzner und Felix sitzen am Küchentisch und machen Hausaufgaben. Alle paar Minuten ermahnt sie ihn, gerade zu sitzen. Jedes Mal sackt Felix Oberkörper nach wenigen Sekunden wieder zusammen. Seine Konzentration richtet sich ausschließlich auf die Aufgabe, die er lösen muss und nicht auf seine Haltung.

    Die Krankenkasse hat in den vergangenen Jahren Alternativen empfohlen, etwa einen Swopper-Stuhl, einen Hocker ohne Lehne, der aktives Sitzen fördern soll. Den haben sich die Holzners angeschafft. Aber auch auf diesem Stuhl bildet Felix einen starken Rundrücken. Eine weitere Alternative sei ein auf ihn angepasstes Korsett, so die Meinung der Ärzte. Aber Felix ist unruhig und hat einen hohen Bewegungsdrang. Ein Korsett kommt für Martina Holzner nicht infrage; es würde seine Beweglichkeit zu stark einschränken.

    Familie will nicht aufgeben

    Seitdem der letzte Bescheid mit der Post kam, hat Martina Holzner endgültig aufgegeben. "Wenn sich die Krankenkasse auf die Rechtsgrundlage beruft, muss ich das so akzeptieren", sagt sie. Die jahrelange Auseinandersetzung hat sie viel Kraft und Nerven gekostet. Trotz der Rückschläge rät sie anderen Eltern durchzuhalten. "Es gibt viele Eltern, die nach der ersten Ablehnung schon aufgeben", sagt sie. Aber es lohne sich immer weiterzukämpfen.

    Auch sie werde sich für Felix an anderer Stelle weiter engagieren und immer wieder nachhaken. "Auch, wenn es an die Substanz geht, aber wir wollen, dass unser Felix eine faire Chance auf eine bestmögliche Entwicklung bekommt."

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