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Bildrechte: Bayerische Krankenhausgesellschaft

Finanzierung von Bayerns Krankenhäusern muss langfristig gesichert werden

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Krankenhäuser: "Grundversorgung langfristig finanzieren"

Der Chef der Bayerischen Krankenhausgesellschaft, Roland Engehausen, sieht die Situation in den Kliniken des Freistaates angespannt. Die Pandemie offenbart aber noch ein anderes Problem. Die Krankenhäuser brauchen auf Dauer eine Vorhaltepauschale.

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Von
  • Claudia Grimmer

Im Freistaat werden Patienten in derzeit rund 150 Krankenhäusern wohnortnah behandelt. Um diese Grundversorgung in den Kliniken weiter zu gewährleisten, unterstreicht der Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhausgesellschaft noch einmal die Notwendigkeit einer langfristigen Vorhaltepauschale, einer langfristigen soliden Finanzierung vor allem der Kliniken, die eine Grundversorgung bieten.

Das Interview führte Claudia Grimmer von BR24 mit Roland Engehausen.

BR24: Das RKI meldet steigende Infektionszahlen. Das Divi-Intensivregister mahnt die hohe Belegung an Intensivbetten in Deutschland an. Wie ist die Situation in den bayerischen Kliniken?

Roland Engehausen: Wir befinden uns mitten in der dritten Welle. Auch wenn die Neuinfektionen nach Ostern noch schwanken, sehen wir, zumindest was die Belegung in den Kliniken betrifft, eine doch sehr deutliche und kontinuierliche Steigerung der Behandlungen und zwar gerade auf den Intensivstationen. Das ist anders als bei den Behandlungen vorher, wo doch viele Patienten vorher auf einer normalen Covid-Station waren. Jetzt sehen wir, dass es sehr schnell von der Notaufnahme direkt auf die Intensivstation geht und zwar insbesondere auch jüngere Patienten.

BR24: Liegt das an den Corona-Mutanten?

Roland Engehausen: Es liegt an den Corona-Mutanten. Wir müssen aber auch sagen, und das ist die positive Nachricht, es war völlig richtig, dass wir auch gerade in Bayern, in erster Linie die Bewohner der Pflegeheime geimpft haben. Die sind geschützt auch offenbar gegenüber den Mutanten. Deswegen haben wir deutlich weniger ältere Patienten aus den Pflegeheimen. Sonst wären wir in eine Katastrophe gelaufen.

BR24: Das Divi-Intensivregister spricht von 30 Prozent der Covid-Patienten auf der Intensivstation aus der Altersgruppe um die 40 Jahre. Können sie das für Bayern bestätigen?

Roland Engehausen: Ja, das können wir bestätigen. Es ist aber auch so, dass wir innerhalb der Jüngeren noch eine Altersverteilung haben. Die, die etwas älter sind, sind auch die, die etwas schwerere Verläufe haben.

BR24: Einige Kliniken in Deutschland sind bereits voll belegt und haben sogar Schwierigkeiten Notfallpatienten auf den Intensivstationen zu behandeln. Sind wir kurz vor dem "Kleeblattsystem", sprich, dass Patienten nicht intensivmedizinisch aufgenommen werden können und in andere Kliniken verlegt werden müssen?

Roland Engehausen: Das kann immer mal passieren, dass jemand nicht im allernächsten Krankenhaus aufgenommen werden kann, sondern in ein Nachbarkrankenhaus kommt. Was wir problematischer finden ist, dass wir auch wieder anfangen müssen planbare Behandlungen zu verschieben, die auch notwendig sind. Es werden vor allem die Behandlungen verschoben, die danach zu einer Intensivbehandlung führen könnten. Wir sind wieder in der Situation, dass wir uns im Wesentlichen um die Covid-Patienten kümmern müssen und dies geht zu Lasten der normalen Versorgung.

BR24: Es ist ein Dauerthema, dass das Pflegepersonal überlastet ist. Nimmt aber das Problem zu? Steigt die Fluktuation? Geht uns das Pflegepersonal aus?

Roland Engehausen: Wir haben schon länger einen Fachkräftemangel, gerade in der Pflege. Und jeder kann sich wohl vorstellen, wie das ist, im 14. oder 15. Monat der Pandemie nur in voller Schutzkleidung arbeiten zu müssen und in einem nicht nur körperlich, sondern auch im emotionalen Dauerstress zu sein. Deswegen ist es auch wichtig, dass wir uns darum kümmern, wie wir die Beschäftigungsbedingungen für Pflegefachkräfte, aber auch für Ärzte, nochmal verbessern können. Dies wird eine Herausforderung sein, die lange nach der Corona-Pandemie weiter ganz oben auf der Agenda stehen muss. Jetzt geht es erst einmal darum, die dritte Welle zu brechen. Wir sind dabei die Forderungen umzusetzen.

BR24: Die Bundesärztekammer blickt besorgt in die Zukunft. Zwar gibt es mehr Mediziner, aber viele wollen nur noch Teilzeit arbeiten, gehen in Gesundheitsämter.

Roland Engehausen: Das ist ein Trend, den wir grundsätzlich haben. Wir haben nicht mehr den Arzt, der gerne 50 und 60 Stunden gut bezahlt arbeitet. Auch hier gibt es die Entwicklung zur Work-Life-Balance. Wir müssen auch, was die Medizinerausbildung betrifft, noch einmal Gas geben und da brauchen wir auch mehr Studienplätze in Bayern. Denn eines ist auch richtig: Wir holen Mediziner aus dem Ausland zu uns. Das führt aber in diesen oftmals in osteuropäischen Ländern zu Schwierigkeiten. Dies ist auch im gesamteuropäischen Kontext nicht fair.

BR24: Die Zahl der Krankenhäuser steigt in Bayern wieder an, aber vor allem die der spezialisierten Kliniken. Wie sieht es mit dem Angebot an Krankenhäusern für die medizinische Grundversorgung aus?

Roland Engehausen: Das ist ein grundsätzliches Problem, das wir sehen und auf das wir aufpassen müssen, dass gerade die Grund- und Regelversorgung, die rund um die Uhr, 24 Stunden an jeden Tag im Jahr zur Verfügung stehen muss, und zwar auch wohnortnah, stabil bleibt. Sie ist in Bayern gut und sie hat sich auch in der Corona-Pandemie bewährt. Über 150 Krankenhäuser haben auch in der Pandemie Covid-Patienten im großen Maße behandelt und die müssen wir erhalten. Dafür ist es nötig, dass wir die Grundversorgung besser finanzieren gegenüber den speziellen, planbaren Eingriffen. Dafür braucht es Vorhaltekosten, wie wir das auch in anderen Bereichen, wie der Feuerwehr beispielsweise, kennen.

BR24: Stichwort Vorhaltepauschalen. Was ist denn hier derzeit Stand der Dinge?

Roland Engehausen: Wir fordern als Krankenhausgesellschaft schon länger diese Vorhaltepauschalen und sehen auch durchaus mit Erwartung, dass sehr wahrscheinlich alle Parteien in ihren Wahlprogrammen dieses Thema aufgreifen. Und dann wird es darum gehen, den Worten Taten folgen zu lassen. Und wir werden darauf achten, dass in einer neuen Bundesregierung dann dort Regelungen kommen, wie wir diese Basisabsicherung dieser sozialen Daseinsvorsorge durch die Kliniken besser finanziert bekommen.

BR24: Wie ist aktuell die finanzielle Lage der bayerischen Kliniken?

Roland Engehausen: Die finanzielle Lage hat sich aktuell stabilisiert. Insgesamt ist es so, dass wir unterfinanziert sind. Etwa jedes zweite bayerische Krankenhaus macht seit Jahren Defizite, die von den Trägern ausgeglichen werden, was keine Selbstverständlichkeit ist. Das sind oftmals auch die Kommunen.

Im Jahr 2020 gab es eine gute Unterstützung auch aus Bundesgeldern in der Covid-Versorgung. Dies sah lange Zeit in 2021 nicht so aus. Erfreulicherweise ist am Freitag (09.04.2021) eine Regelung in Kraft getreten, die einen sogenannten Ganzjahresausgleich vorsieht. Also eine Budgetabsicherung für die Krankenhäuser im Jahr 2021. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber es ist das, was den Krankenhäusern für dieses Jahr erst einmal die Sicherheit gibt.

Es bleibt aber die Frage: Wie geht es in den Folgejahren weiter, denn die Kommunen werden weniger Geld haben und werden Defizite ihrer Krankenhäuser nicht mehr ausgleichen können. Und deswegen ist es dringend notwendig, dass wir dann auch für die folgenden Jahre eine stabile Finanzierung bekommen. Die muss dafür sorgen, dass ein ganz normales Krankenhaus auch auskömmlich finanziert werden kann.

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