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Kontroverse um verurteilten Priester: Opferschutzverbände empört | BR24

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Bildrechte: BR - Julia Müller

Verbände von Opfern sexuellen Missbrauchs haben heute auf die klare Aussage von Würzburgs Bischofs Franz Jung reagiert. Er will einen nach Missbrauch verurteilten katholischen Priester nicht mehr als Seelsorger arbeiten lassen.

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Kontroverse um verurteilten Priester: Opferschutzverbände empört

Bischof Jung hat gestern die Unterstützeraktion von Mitgliedern der Pfarreiengemeinschaft "Heiliges Kreuz Bad Bocklet" für einen wegen Kindesmissbrauchs verurteilten Priester scharf verurteilt. Auch Opferschutzverbände reagieren nun mit Empörung.

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Von
  • Ralph Wege
  • Norbert Steiche
  • BR24 Redaktion

Verbände von Opfern sexuellen Missbrauchs haben heute auf die klaren Worte von Würzburgs Bischof Franz Jung reagiert, der die Unterstützeraktionen für einen wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern verurteilten katholischen Priester im Raum Bad Kissingen scharf verurteilt hatte.

Diskussion für Opfer beschämend und quälend

Wie berichtet, wollen zwei Initiativen mit Unterschriften erreichten, dass der Mann weiterarbeiten kann. Elisabeth Kirchner von Wildwasser Würzburg e. V., einer Fachberatungsstelle gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen, reagiert nach der Medienberichterstattung über den sexuellen Missbrauch eines Priesters an einer Minderjährigen: Ein Kind trage niemals und in keiner Weise die Verantwortung für den sexuellen Missbrauch. Hinzu komme die öffentliche Bewertung ihres Verhaltens, die für die betroffene junge Frau vermutlich "beschämend und quälend" sei. Außerdem erklärte Elisabeth Kirchner: "Durch die Dynamik der Verantwortungsumkehr steht plötzlich sie am Pranger. Das alles nimmt kein Ende, und sie wünscht sich vielleicht nur, dass das alles aufhört."

Der "Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs", Johannes-Wilhelm Rörig, schreibt auf BR24-Anfrage wörtlich: "Ich rate den Initiatoren der Unterschriftenliste dringend, darüber nachzudenken, was sie hier anstreben. Es geht um einen verurteilten Straftäter, der sexuelle Gewalt gegenüber einem 12-jährigen Kind ausgeübt hat. Der Bischof hat gute Gründe, den Täter vom Dienst zu suspendieren. Diese Unterschriftenaktion empört mich regelrecht, weil sie die Rechtslage und die Gefahren, die von einem verurteilten Missbrauchstäter ausgehen, völlig ignoriert. Um es nochmal klar zu sagen: Es kann keine Einvernehmlichkeit zwischen einem Erwachsen und einem Kind unter 14 geben, das ist die Rechtslage."

Eckiger Tisch verurteilt "bizarre" Unterschriftenaktion

Der Sprecher der Initiative "Eckiger Tisch", Matthias Katsch, vertritt die Interessen der Betroffenen von sexuellem Missbrauch im Bereich der katholischen Kirche bundesweit. Er schrieb auf Anfrage von BR24: "Die Unterschriftenaktionen sind tatsächlich bizarr und zeigen, wie es pädokriminellen Persönlichkeiten immer wieder gelingt, ihr Umfeld zu blenden und zu täuschen." Bischof Franz Jung habe dankenswerterweise sehr klar Stellung bezogen. Die Vorstellung, dass Kinder in sexuelle Handlungen mit Erwachsenen wirksam einwilligen können, sei offenbar immer noch vorhanden. Aufklärung, Information und Prävention seien dringend notwendig

Bischof verurteilte die Unterschriftenaktion

Unterdessen sammeln Mitglieder der Pfarreiengemeinschaft "Heiliges Kreuz Bad Bocklet" weiter Unterschriften für den verurteilten Geistlichen. Nach BR-Recherchen wollen die Gemeindemitglieder damit erreichen, dass sich Bischof Franz Jung für den verurteilten Priester einsetzt. Jung selbst hatte das Begehren scharf zurückgewiesen. Er hatte betont, dass die Aktionen "in bizarrer und skandalöser Weise" das Bemühen des Bistums Würzburg um Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs konterkarieren und schwersten Schaden für Pfarrei, Bistum und Kirche insgesamt verursachen würden.

Gemeindemitglieder: Pilgerreisen und Exerzitien möglich

Ein Mitglied des Pfarrgemeinderats in Bad Bocklet, das namentlich nicht genannt werden will, sagte heute BR24, dass der verurteilte Priester eine zweite Chance bekommen solle. Das Urteil sei für ihn "nicht ganz nachvollziehbar gewesen, im Zweifelsfall hätte für den Angeklagten geurteilt werden müssen".

Der Vorsitzende des Pfarrgemeinderats, Bernd-Theo Hansen, sagte auf BR24-Anfrage, dass er mit dem Bischof konform gehe. Missbrauch müsse bestraft werden. Er wolle dem Pfarrer aber die Chance geben, als Seelsorger weiterzuarbeiten. "Nicht bei uns, aber woanders," sagte er wörtlich. Bei Verfehlungen – und das sei für ihn die christliche Botschaft – müsste dem Pfarrer vergeben werden. Er könne sich die Begleitung von Pilgerreisen oder Exerzitien vorstellen, so Hansen. Er habe bereits in seiner Sache für den Pfarrer 200 und mehr Unterschriften gesammelt.

Ulla Dempsey, die Initiatorin, die den Pfarrer weiterhin für unschuldig hält, sagte heute auf BR-Anfrage, dass weiter Unterschriften gesammelt würden. Es seien nach ihrer Schätzung bislang in und um Bad Bocklet, und sogar bis Bad Kissingen und Münnerstadt, zwischen 400 und 500 Unterschriften zusammengekommen. Die Listen wolle sie diese Woche noch an den Würzburger Bischof Franz Jung schicken.

Pfarrer ist nach Missbrauch rechtskräftig verurteilt

Der sexuelle Missbrauch durch den Priester an einer Minderjährigen wird durch die Urteilsgründe detailliert belegt. Das haben BR-Recherchen nochmals bestätigt. Das Amtsgericht Bad Kissingen hatte den Priester im August 2020 zu einem Jahr und vier Monaten auf Bewährung verurteilt. Staatsanwaltschaft und Verteidigung legten zunächst Berufung ein, nahmen diese aber im Februar zurück, wodurch das Urteil rechtskräftig wurde.

Das Bistum Würzburg teilte dem BR zudem mit, dass der Priester am 25. Februar 2021 nach der rechtskräftigen Verurteilung auf die Pfarreien der Pfarreiengemeinschaft "Heiliges Kreuz Bad Bocklet" verzichtet habe. Das bedeutet, dass er sein Amt als Priester dort nicht mehr ausübt. Bischof Franz Jung habe den Amtsverzicht angenommen. Die Stelle sei auch bereits neu ausgeschrieben worden.

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