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Bei einem Corona-Fall in der Klasse sollen künftig Schüler weiter in den Unterricht gehen, bis das Gesundheitsamt sich meldet.

Lehrerin erklärt Grundschülerinnen und Grundschülern den Unterrichtsstoff.

Bildrechte: dpa-Bildfunk/Marcel Kusch
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    Kontaktnachverfolgung an Schulen: Kapitulation vor Omikron?

    Bei einem Corona-Fall in der Klasse sollen künftig Schüler weiter in den Unterricht gehen, bis das Gesundheitsamt sich meldet. Auch wenn die Schülerin davor oder der Schüler nebenan bereits erkrankt ist. Kritik hagelt es von Verbänden und Opposition.

    Von
    Katharina PfadenhauerKatharina PfadenhauerFlorian FalzederFlorian Falzeder
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    Wenn ein Corona-Fall in einer Schule auftaucht – wie gehen Schulen damit um? Positiv getestet, klar – aber was ist mit den Banknachbarn? Der Schülerin in der Reihe davor oder dem Schüler dahinter? Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) hatte am Dienstag nach der Kabinettssitzung nochmals bekräftigt: Quarantäneentscheidungen treffe immer das zuständige Gesundheitsamt, nicht die Schulen. Diese könnten zwar bei der Entscheidungsfindung mitwirken, etwa bei der Kontaktnachverfolgung oder mit Sitzplänen, aber eben nicht entscheiden.

    So steht es auch in den aktuellen Quarantäneregeln mit Stand 20. Januar: "Bis zu einer möglichen Quarantäneanordnung durch das Gesundheitsamt besuchen die übrigen Schülerinnen und Schüler der Klasse weiter den Unterricht. Nach einem Infektionsfall wird sicherheitshalber die Häufigkeit der Testungen in der Klasse erhöht." Von Verbänden und Opposition hagelt es Kritik.

    Realität an Schulen sieht anders aus

    "Völlig realitätsfern" nennt der ehemalige Landesschülersprecher und jetzige Landesvorsitzende der Schüler Union in Bayern, Nevio Zuber, diese Regelung: Sie ändere nichts an den Herausforderungen der Schulen, die mit positiv getesteten Schülerinnen und Schülern auf sich alleine gestellt seien. Die Gesundheitsämter kämen schon jetzt nicht mehr mit der Kontaktverfolgung hinterher, fügt Zuber hinzu.

    Ähnlich sieht es auch die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Martina Borgendale. Es komme regelmäßig vor, dass positive Schülerinnen und Schüler in den Klassenzimmern sitzen, weil die Gesundheitsämter es nicht schaffen, einzugreifen. "Obwohl positive Testergebnisse vorliegen, dauert es dann sehr lange, bis überhaupt Schülerinnen und Schüler in Quarantäne geschickt werden."

    Opposition: Pragmatische Lösung vom Tisch genommen

    Kritik kommt auch von der Opposition: "Wir rennen jetzt an den Schulen tatsächlich ins Chaos", warnt der bildungspolitische Sprecher der Landtags-Grünen, Max Deisenhofer. Oftmals wüssten Schulleitungen und Lehrkräfte vor Ort besser, wen man nach Hause schicken muss, Sitznachbarn etwa oder vulnerable Gruppen. "Diese pragmatische Lösung wird jetzt leider vom Tisch genommen und den Gesundheitsämtern aufgebürdet, die sowieso schon absaufen", so Deisenhofer.

    Der Oppositionspolitiker wirft der Staatsregierung vor, "schlecht vorbereitet" zu sein. Seine Hauptkritikpunkte: Mangelnde PCR-Tests, überforderte und überarbeitete Gesundheitsämter und noch immer nicht ausreichend vorhandene Luftfilter in den Klassenzimmern. Dass inzwischen siebzig Prozent der bayerischen Schulen mit Luftfiltern ausgestattet seien, wie es der Minister vorrechnete, glauben die Grünen nicht.

    Kinder im Zweifel unbürokratisch nach Hause schicken

    Der Vorsitzende der bayerischen Direktorenvereinigung, Walter Baier, findet, dass diese Regelung "grandios gescheitert ist." Baier, der selbst Schulleiter am Bruckmühler Gymnasium ist, habe bereits mit dem zuständigen Gesundheitsamt gesprochen und eine Absage erhalten: "Unser Gesundheitsamt hat sofort geschrieben, dass sie diese Maßnahme nicht umsetzen können."

    Wenn Schulleiterinnen und Schulleiter Kinder nicht in Quarantäne schicken dürfen, dann sollten sie sie wenigstens nach Hause oder in den Distanzunterricht schicken können, fordert Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV). "Wir sind die, die vor Ort alles tun, dass die Kinder sicher sind, wir sind im Team Vorsicht."

    Denn ein weiteres Problem sei, so Fleischmann, dass auch die Labore überlastet sind. Sie könnten die PCR-Pool-Tests, die es vor allem an Grund- und Förderschulen gibt, nicht rechtzeitig auswerten. In so einem Fall, findet Fleischmann, müssten Schulleiterinnen und Schulleiter schnelle Entscheidungen treffen, die sie jetzt eigentlich nicht mehr treffen könnten.

    Entlastung für Lehrer und Schüler gefordert

    Nevio Zuber von der Schüler Union und Max Deisenhofer von den Grünen sind sich einig, dass man künftig mehr Druck aus dem Schulunterricht nehmen müsse. Beispielsweise, indem "die ein oder andere Schulaufgabe" aus dem Lehrplan gestrichen würde.

    Das könnten Lehrkräfte schon jetzt flexibel handhaben, erwidert der Kultusminister. Zumindest teilweise: Zwar gebe es vorgeschriebene Leistungserhebungen für den Übertritt und bei Schulaufgaben an Gymnasien und Realschulen, sonst aber könnten Lehrerinnen und Lehrer flexibel reagieren.

    Hier setzt die Staatsregierung also auf die Eigenverantwortung der Schulen. Ganz im Gegensatz zur Quarantäne-Regelung.

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