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Kontaktnachverfolger spricht von "katastrophalen" Zuständen | BR24

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Die Gesundheitsämter und ihre Contact-Tracing-Teams (CTT) sollen laut Bundesregierung ein zentrales Mittel beim Kampf gegen Corona sein. Eine Umfrage des BR ergab nun: Die meisten Gesundheitsämter in Bayern sind massiv überlastet und überfordert.

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Kontaktnachverfolger spricht von "katastrophalen" Zuständen

Seit einem halben Jahr arbeitet Claus in einem Contact-Tracing-Team (CTT). Dem BR schildert er seine Arbeitsbedingungen: Schlechte Ausstattung, keine einheitlichen Vorgaben, Hilfskräfte werden ständig neu eingelernt.

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Von
  • Katharina Pfadenhauer

Claus sitzt mit einem Kapuzenpullover da, er will nicht erkannt werden. Claus, der seinen richtigen Namen nicht nennen möchte, arbeitet in einem Contact-Tracing-Team an einem bayerischen Gesundheitsamt.

Wenn er versucht, etwas zu kritisieren oder zu verbessern, erzählt er, werde er auf seine Beamtenvereidigung hingewiesen und darauf, seine Kompetenzen nicht zu überschreiten: "Wir dürfen gar nichts sagen, aber irgendwann muss man auch mal Zahlen und Fakten auf den Tisch legen."

Ausstattung im Gesundheitsamt: "Technik katastrophal"

Dem Bayerischen Rundfunk möchte Claus einen Einblick geben, wie er und seine Kollegen derzeit arbeiten.

"Unsere EDV, unsere Bildschirme, unsere Technik: katastrophal. Da tust du dich natürlich unheimlich schwer effektiv zu arbeiten. Wir sind in einer Räumlichkeit untergebracht - es ist undicht, es ist feucht, wir haben abgeranzte Stühle. In einem anderen Gesundheitsamt sitzen sie auf Holzstühlen und wir reden von acht oder neun Stunden." Claus, Mitarbeiter in einem bayerischen Gesundheitsamt

Bei der Kontaktnachverfolgung gibt es laut Claus keine klare Strategie unter den Ämtern. Er wünscht sich ein einheitlicheres Vorgehen in Bayern.

Vorgaben innerhalb von Ämtern nicht einheitlich

"Das ist alles 'do it yourself'", sagt er. "Wir sitzen teilweise nebeneinander und fragen: Wie würdest du das machen? Wir haben unterschiedliche Formblätter, wie ich die Leute abtelefoniere, alleine bei uns im Amt. Es ist, Entschuldigung, eine Frechheit, bei der Wichtigkeit, die wir haben, dass sich da keiner Zeit nimmt, eine Regelung für alle Gesundheitsämter zu finden."

Aus Quellenschutzgründen konnten wir das Gesundheitsamt mit den Aussagen unseres Informanten nicht konfrontieren, ohne ihn dadurch möglicherweise zu gefährden. Eine Umfrage des BR zur Situation an den Gesundheitsämtern konnte das Amt mit Verweis auf die hohe Arbeitsbelastung nicht beantworten.

Unterschiedliche Quarantänevorgaben sorgen für Chaos

Auch in der Kommunikation nach außen knirscht es. Der BR hat Eltern getroffen, die die Quarantäne-Verordnungen der Gesundheitsämter als teilweise extrem chaotisch erlebt haben. Eine Mutter berichtet, dass ihre Tochter als "Kontaktperson 1" in Quarantäne geschickt wurde - allerdings nicht vom Gesundheitsamt, sondern von der Schule.

An einer oberbayerischen Schule, die genau zwischen einem Landkreis und einer Stadt liegt, seien laut einer Mutter unterschiedliche Quarantänemaßnahmen angeordnet worden: "Mein Kind musste trotz Negativtest in Quarantäne bleiben, seine Mitschüler (aus dem anderen Landkreis, Anmerkung d. Red.) gingen in die Schule, ohne Test. Das habe ich nicht verstanden."

Von offizieller Seite teilte man uns mit, dass der Fall inzwischen überarbeitet wurde und nun ein Landkreis für alle Schüler zuständig sei. Zudem befolge man nun eine bayernweite Quarantäne-Regel, die seit November für alle Schulen gelte.

Robert Koch-Institut gibt Richtlinien vor

Um die Gesundheitsämter bei der Kontaktnachverfolgung zu entlasten, hat der Freistaat ihnen knapp 2.000 Hilfskräfte zur Seite gestellt. Kontaktnachverfolger Claus erzählt allerdings, sie würden nie lange bleiben: "Irgendwann fragst du dich: Wie weit musst du dem das jetzt noch erklären, der ist ja sowieso gleich wieder weg."

Das Problem kennt man auch in Garmisch-Partenkirchen: Es mache wenig Sinn, so ein Sprecher des Landratsamts, Hilfskräfte "immer nur für einen Monat dazuhaben und sie dann wieder abzuziehen, weil genau dann sind wir vor dem Problem, dass man sie immer wieder einarbeiten muss."

Experte: Brauchen Beamte "in stiller Reserve"

Dirk Rieb vom Berufsverband Bayerischer Hygieneinspektoren (BBH) findet auch die Verantwortung zu groß: "Die haben wenig Hygienekenntnis und dann muss einer immer nochmal drüber schauen und Fehler oder Falschauskünfte korrigieren, das nimmt sehr viel Zeit in Anspruch."

Rieb zufolge habe die Krise vor allem eines gelehrt: Man brauche "Verwaltungsbeamte in stiller Reserve, die man ausbildet im Infektionsschutz, damit man sie bei Katastrophenlagen abrufen kann." Auch Claus findet, man habe genug Zeit gehabt, einen "wirklichen Pool an Hilfskräften aufzubauen und nicht nur Bundeswehrler von links nach rechts zu schieben."

Huml verteidigt Hilfskräfte-Strategie

Der bayerischen Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) zufolge ist die Hilfskräfte-Strategie jedoch sinnvoll: "Wenn sie dann da sind, sind sie auch unterstützend." Zudem bekämen sie vorab Schulungen. Auch in der BR-Umfrage haben einige Gesundheitsämter betont, die Polizisten und Soldaten würden sie entlasten.

Für Claus ist klar: Er wird nicht ewig am Gesundheitsamt bleiben. In der Pandemie will er jedoch seine Kollegen nicht im Stich lassen. "Mein Wunsch wäre einfach: Klare Vorgaben, strukturierte Abläufe und einfach, dass wir alle am gleichen Strang ziehen können, von oben bis unten."

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