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Vier Jahre lang hat eine Kommission Biografien von einst angesehenen Würzburgern studiert. Ziel war es, ihre Rolle während der NS-Zeit zu bewerten. Jetzt legte die Kommission dem Stadtrat ihre Ergebnisse vor.

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Kommission empfiehlt Straßenumbenennungen

Vier Jahre lang hat eine Kommission Biografien von einst angesehenen Würzburgern studiert. Ziel war es, ihre Rolle während der NS-Zeit zu bewerten. Jetzt legte die Kommission dem Stadtrat ihre Ergebnisse vor.

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Von
  • Frank Breitenstein

Hermann Zilcher, Komponist und Begründer des Mozartfestes, hat in Würzburg seine eigene Straße. Heiner Dikreiter, Gründungsdirektor der Städtischen Galerie, gibt einem Weg seinen Namen. Beide hatten ihre Verdienste, aber auch eine „braune“ Vergangenheit. Eine Würzburger Kommission von Historikern und Mitgliedern des Stadtrats hat vier Jahre überprüft, ob diese und andere "großen" Würzburger auch weiterhin Namensgeber für Wege, Plätze und Straßen sein sollten.

Kommission sammelte historische Fakten

Achim Könneke, Kulturreferent der Stadt, leitete das Gremium. Er hält die Neubewertung für dringlich geboten. Gerade in einer Zeit, in der wieder vermehrt rechte Gruppierungen und Parteien das NS-Unrechtsregime relativierten, indem sie es beispielsweise als "Fliegenschiss der Geschichte" bezeichneten, sei es politisch geboten, "genauer hinzugucken", so Könneke. Den Empfehlungen der Kommission liegen gesicherte historische Fakten zugrunde, so Achim Könneke. "Mitläufertum" reiche nicht - Straßen sollten umbenannt werden, wenn die bisherigen Namensgeber in eine dieser Kategorien fallen:

  • Personen, die sich aktiv in den Dienst des NS-Regimes gestellt haben - etwa durch Propaganda
  • Personen, die vom NS-Unrechtsstaat profitiert haben
  • Personen, die an Menschenrechtsverletzungen teilgenommen haben – also Täter waren.

Mindestens vier Umbenennungen empfohlen

Konkret stellt die Kommission neun Straßennamen in Frage.

Vier davon sollten gänzlich ausgetauscht werden:

  • Heiner-Dikreiter-Weg (Maler und Gründungsdirektor der Städtischen Galerie)
  • Nikolaus-Fey-Straße (Mundartdichter und Schriftsteller)
  • Schadewitzstraße (Carl Schadewitz, Komponist und Dirigent)
  • Hermann-Zilcher-Straße (Musiker, Komponist und Begründer des Mozartfestes)

Drei Straßennamen sollten in historischen Kontext gesetzt werden, etwa durch ergänzende Erläuterungsschilder oder QR-Codes:

  • Armin-Knab-Straße (Komponist)
  • Peter-Schneider-Straße (Mitbegründer des Frankenbundes)
  • Richard-Strauss-Straße (Komponist)

In einem Fall empfiehlt die Kommission eine Kontextualisierung oder eine Umbenennung:

  • Karl-Ritter-von-Frisch-Weg (Zoologe und Nobelpreisträger)

In einem weiteren Fall empfiehlt die Kommission eine öffentliche Veranstaltung, an der Wissenschaftler und Experten über Umbenennung oder Kontextualisierung diskutieren:

  • Kardinal-Faulhaber-Platz (Würzburger Bischof und Kardinal)

Auf Grundlage der Kommissionsempfehlung wird der Stadtrat über die Straßenumbenennungen entscheiden. Eine Entscheidung vor Herbst 2021 wird nicht erwartet. Auch die Bürger sollen bei den Entscheidungen mitreden. Vor allem für die Anwohner der betreffenden Straßen bringt eine Adressänderung auch viel Bürokratie mit sich.

Anwohner: Umbenennung "wie ein Umzug"

Franz Hürter lebte vor fünf Jahren noch in der Würzburger Helmuth-Zimmerer-Straße. Als eine rassistische Veröffentlichung des Nachkriegs-OB bekannt wurde, wurde die Straße umbenannt in Angermaierstraße. Die Umbenennung zog Behördengänge nach sich "wie bei einem Umzug", erinnert sich Hürter: Personalausweis, Anschriftsänderungen bei Versicherungen oder Stadtwerke, neuer Telefonbucheintrag – alles musste geändert werden. Dabei sei die Stadt aber "sehr zuvorkommend" gewesen, alle kommunalen Angelegenheiten seien "schnell, unbürokratisch und vor allem gebührenfrei" über die Bühne gegangen, lobt Hürter. Der Lengfelder ist inzwischen froh, in der Angermaierstraße zu wohnen. Seine neuen Adresse ist benannt nach einem lokalen Widerstandskämpfer: "Das ist mir deutlich lieber.“"

Straßen von "Anti-Demokraten" kurzzeitig umbenannt

Eine Künstler-Gruppe sieht sogar über die Nazinamen hinaus Handlungsbedarf: In einer nächtlichen Aktion überklebten sie im Vorfeld der Stadtratssitzung einige Straßenschilder, auf denen aus ihrer Sicht "Anti-Demokraten" geehrt werden. Würzburgs Kulturreferent Achim Könneke zeigt sich beeindruckt von der Aktion beeindruckt: Es sei durchaus eine Überlegung wert, den Blick "auch auf andere Verfehlungen unserer Geschichte zu richten. Ob Widerstandskämpfer oder Frauenrechtlerinnen – die Vorschläge der Künstlergruppe sind eine kreative, wenn auch nicht ganz legale Intervention, die ich aber inhaltlich grundsätzlich begrüße."

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Schon bald wird es die Hermann-Zilcher-Straße und drei weitere in Würzburg wohl nicht mehr geben. Sie sollen umbenannt werden. Das schreibt die Straßennamenkommission in ihrem Bericht, über den der Stadtrat heute diskutiert.

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