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Tilmann Kleinjung.

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    Kommentar: Zurück auf Null – Missbrauch und evangelische Kirche

    Die evangelische Kirche muss bei der Aufarbeitung des Missbrauchs in den eigenen Reihen wieder von vorne anfangen. Der Vertrauensverlust ist enorm. Den Schaden hat allein die evangelische Kirche zu verantworten, kommentiert Tilmann Kleinjung.

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    Von
    • Tilmann Kleinjung

    Zurück auf null: Die evangelische Kirche muss bei der Aufarbeitung des Missbrauchs in den eigenen Reihen praktisch wieder von vorne anfangen. Der Vertrauensverlust ist enorm, nachdem die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) mitgeteilt hat, nach nur sieben Monaten die Arbeit des Betroffenenbeirats bis auf weiteres auszusetzen. Die Gründe für das Scheitern sind komplex. Einseitige Schuldzuweisungen werden der Sache kaum gerecht. Den Schaden allerdings hat allein die evangelische Kirche zu verantworten.

    Ehrgeiziger Elf-Punkte sollte Skandal aufarbeiten

    Sie wollte im November 2018 mit einem ehrgeizigen Elf-Punkte-Plan den Skandal des Missbrauchs in ihren Gemeinden und Einrichtungen konsequent aufarbeiten. Dazu zählte auch die Beteiligung Betroffener bei diesem Prozess. Ein Betroffenenbeirat wurde gegründet. Klingt gut und sieht auch gut aus. Doch welche Rolle, welche Rechte die Mitglieder dieses Gremiums haben, wie sie unterstützt werden, fachlich und finanziell, das war von Anfang an nicht klar. Fünf von ihnen haben sich wieder zurückgezogen. Ein Alarmsignal, das die Verantwortlichen in der EKD offenbar ignoriert oder falsch interpretiert haben.

    Scheitern wurde Betroffenen zugeschoben

    Im Vorfeld der Entscheidung, den Beirat auszusetzen, wurde vor allem auf "interne Konflikte" hingewiesen und damit wurde der schwarze Peter für das Scheitern den Betroffenen zugeschoben. Und in der Pressemitteilung der EKD heißt es: Der Antrag auf Auflösung sei "aus dem Gremium heraus" gestellt worden. Eine Darstellung, der die verbliebenen Mitglieder im Beirat widersprechen. Ihre Botschaft: Wir würden gern weiterarbeiten, die EKD lässt uns nicht. Wie Hohn muss ihnen da die Ankündigung der Kirche vorkommen, nun erst einmal die Arbeit des Betroffenenbeirats extern auswerten zu lassen. So als lägen die Gründe für das Scheitern bei den anderen.

    Betroffene setzen sich Gefahr der Retraumatisierung aus

    Damit ist der Versuch der Kirche, die Opfer von Missbrauch und sexueller Gewalt auf Augenhöhe zu beteiligen, erst einmal gescheitert. Welcher Betroffene, welche Betroffene wird nach dieser Vorgeschichte noch einmal die Kraft, die Lust und den Optimismus aufbringen, sich einzubringen? Das ist kein Gremienjob wie jeder andere. Wer Missbrauch, Gewalt und Vergewaltigung erlebt hat, setzt sich immer wieder der Gefahr der Retraumatisierung aus. Betroffene haben jedes Recht verletzlich zu sein, subjektiv, einseitig. Damit müssen die Vertreter der EKD (also der Täterorganisation) umgehen können.

    Viele Betroffene haben keine Zeit mehr

    Hat die evangelische Kirche das Thema Missbrauch unterschätzt? Lange hatten es sich Landesbischöfe und Synoden im Windschatten des katholischen Missbrauchsskandals bequem gemacht. Auch in dem Glauben, so schlimm wie in der katholischen Kirche ist es bei uns sicher nicht. Natürlich gab es auch in evangelischen Gemeinden und Einrichtungen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen. Doch erst vor zweieinhalb Jahren hat sich die Evangelische Kirche in Deutschland dazu durchgerungen, ihre eigene Missbrauchsgeschichte umfassend aufzuarbeiten. Mit unabhängigen Anlaufstellen und Studien. Warum so spät? Es wird noch Jahre dauern, bis Ergebnisse vorliegen. Viele Betroffene haben keine Zeit mehr. Und jede weitere Verzögerung bei der Aufarbeitung, schadet der Glaubwürdigkeit der Institution. Zumindest diese Lektion hätte die evangelische Kirche von den katholischen Geschwistern lernen können.

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