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Nikolaus Neumaier, Redaktionsleiter BR-Landespolitik
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Nikolaus Neumaier, Redaktionsleiter BR-Landespolitik

Wer austeilt, muss auch einstecken können, sagt man. Und so ist es schon verwunderlich, wie dünnhäutig viele bayerische AfD-Abgeordnete offenbar sind. Weil ihnen während der Holocaust-Gedenkstunde des Bayerischen Landtags die Verharmlosung des Nationalsozialismus vorgehalten wurde, suchten sie beleidigt das Weite. Da fehlt es offenbar an dem, was als Resilienz bezeichnet wird, also psychischer Widerstandskraft.

AfD teilt gerne aus, tut sich aber selbst mit Kritik schwer

Dabei müsste eine Partei, die zulässt, dass ihre führenden Repräsentanten die NS-Diktatur als "Vogelschiss" bezeichnen und das Holocaust-Mahnmahl als "Denkmal der Schande", es doch eigentlich aushalten, wenn ihr Kritik entgegenschallt. Doch das, was Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde für München und Oberbayern, den AfD-Abgeordneten im Landtag zu sagen hatte, war für die meisten zu viel.

Knobloch berichtete von ihrem persönlichen Schicksal während der NS-Zeit und machte deutlich, wie sie über die AfD denkt. Es war ihre Meinungsäußerung, die vom Grundgesetz geschützt ist. Das fordert auch die AfD für sich ein, und unsere Demokratie gewährt das auch der AfD.

Als hätten sie auf das Stichwort gewartet

Doch bei Knoblochs Kritik standen die meisten der AfD-Parlamentarier von ihren Plätzen auf und verließen den Saal. Es wirkte, als hätten sie auf das Stichwort gewartet. Es entstand der Eindruck einer Inszenierung. Die AfD wollte Opfer sein. Wieder mal. Die Fraktionschefin Katrin Ebner-Steiner argumentierte sogar in der Tonalität der Opfer der NS-Herrschaft.

Nach der Gedenkstunde gab sich die Fraktionschefin betroffen, weil AfD-Politiker auf der Straße angegriffen und wegen ihrer Ansicht diffamiert würden. Ebner-Steiner nahm für ihre Partei das Gebot des "Nie wieder" in Anspruch und blendete aus, dass gerade die AfD Positionen vertritt, die ebenfalls nie wieder breite Zustimmung haben sollten.

Gesellschaft braucht ehrlichen, kritischen Diskurs

Dass solche Töne und solche Inszenierungen möglich sind, zeigt, wie gespalten die Gesellschaft inzwischen ist. Die Parlamente sind nichts anderes als ein Abbild der Bevölkerung und so ist auch nicht verwunderlich, dass in Landtagen und im Bundestag Mandatsträger sitzen, die von ethnisch-homogenen Nationalstaaten träumen.

Die Antwort auf diese Haltung kann nur ein offener, ehrlicher und kritischer Diskurs sein und die Schilderung dessen, was unbestreitbar geschehen ist. Beim Holocaust-Gedenktag taten das die geladenen Zeitzeugen. Else Höllenreiner in Vertretung ihres Mannes Herrmann als Repräsentant der Sinti und Roma, Abba Naor als Überlebender des Konzentrationslagers Dachau und auch Charlotte Knobloch berichteten eindrücklich davon, was ihnen persönlich widerfahren ist.

Darauf sollte es an so einem Gedenktag auch ankommen. Zuhören, was Zeitzeugen zu sagen haben. Hinhören, was geschehen ist. Inszenierungen haben da nichts zu suchen - und der Streit um Weltanschauung erst recht nicht.