BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Kommentar: Keine rechtliche, aber moralische Pflicht zur Impfung | BR24

© BR24
Bildrechte: BR24

Tilmann Kleinjung, Leiter der Redaktion Religion & Orientierung

10
Per Mail sharen

    Kommentar: Keine rechtliche, aber moralische Pflicht zur Impfung

    Ministerpräsident Söder hat eine Impfpflicht für Pflegekräfte ins Spiel gebracht - Berufsverbände lehnen das ab. Eine rechtliche Pflicht zur Impfung kann es nicht geben, gleichwohl sollte man sich aber verpflichtet fühlen, meint Tilman Kleinjung.

    10
    Per Mail sharen
    Von
    • Tilmann Kleinjung

    Die Debatte, die Markus Söder angezettelt hat, scheint etwas verfrüht: Noch gibt es nicht genug Impfstoff für alle. Wer geimpft wird, darf sich in diesen Tagen privilegiert fühlen und nicht staatlich bevormundet.

    Und noch wissen wir bisher nur, wie sehr die Geimpften selbst vor Covid-19 geschützt sind, nicht, ob dadurch auch die Übertragung des Virus verhindert wird. Generell gilt natürlich: Durch jede Impfung wird eine Infektion weniger wahrscheinlich, Covid-19 weniger gefährlich. Und in einigen Wochen oder Monaten wird es hoffentlich ausreichend Impfstoff geben, um jeden, der das will, zu immunisieren.

    Gut, wenn wir dann schon eine Antwort auf die Frage haben, ob eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen zumutbar, zulässig ist. Also führen wir die Debatte. Jetzt.

    Impfen ist keine reine Privatangelegenheit

    Jede Impfung ist ein Eingriff in die körperliche Unversehrtheit eines Menschen und bedarf dessen Zustimmung. Es kann also keine verordnete Impfpflicht geben. Die Vorstellung, dass Menschen mit staatlichem Zwang Impfdosen verabreicht bekommen, ist mit unserem Rechtsempfinden unvereinbar.

    Die dazu passenden Bilder mag ich mir gar nicht ausmalen. Der deutsche Ethikrat hat aber in einer Stellungnahme zur Masernimpfung vor zwei Jahren unterschieden: zwischen einer strengen Rechtspflicht und einer "Tugendpflicht". Das klingt unpopulär, nach Moral, nach Gruppendruck. Es geht darum, das Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen zu stärken: Impfen ist eben keine reine Privatangelegenheit. Wer sich impfen lässt, schützt auch andere, handelt solidarisch. Dazu können und sollten sich alle verpflichtet fühlen, nicht nur Pflegekräfte und Mediziner.

    Mehr Informationen gegen diffuses Unbehagen

    Einem weit verbreiteten diffusen Unbehagen gegenüber Corona-Schutzimpfungen muss mit Information und Argumenten begegnet werden. Bevor Politiker überhaupt über eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen nachdenken, müssen sie Überzeugungsarbeit leisten: Der Impfstoff wurde unter Einhaltung der gängigen fachlichen Standards und rechtlichen Vorgaben entwickelt und erprobt. Die Risiken und Nebenwirkungen einer Impfung sind marginal im Vergleich zu den Chancen. "Wer sich nicht Rechenschaft darüber ablegt, wie proportional gering das eigene Risiko im Verhältnis zu dem von anderen und der Gesellschaft ist, handelt fahrlässig und unsolidarisch", so bringt der Erlanger Ethiker Peter Dabrock die moralische Impfpflicht auf den Punkt.

    Das wird eingefleischte Impfskeptiker und Verschwörungstheoretiker nicht überzeugen. Aber Pflegerinnen und Pfleger, Ärztinnen und Ärzte können sich doch nicht aus ideologischen Gründen über wissenschaftliche Erkenntnisse hinwegsetzen, die schließlich die Grundlage ihres Tuns sind. Sie leisten gerade Großartiges, oft Übermenschliches in Pflegeheimen, Krankenhäusern und Arztpraxen. Sie haben sich für diesen Beruf entschieden, weil sie anderen Menschen helfen wollen. Dazu gehört in Zeiten einer Pandemie auch die Verantwortung, sich und andere zu schützen.

    Ein Kommentar von Tilmann Kleinjung, Leiter der Redaktion Religion und Orientierung

    "Darüber spricht Bayern": Der BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!