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Knapp eine Million Analphabeten in Bayern | BR24

© BR/Karen Bauer

Knapp eine Million Erwachsene in Bayern können laut DGB Bayern nicht richtig lesen und schreiben. Die Staatsregierung hat die Finanzmittel für das Landesprogramm "Alpha+" erhöht. Aber die Mittel würden falsch eingesetzt, kritisiert der DGB Bayern.

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Knapp eine Million Analphabeten in Bayern

Knapp eine Million Erwachsene in Bayern können laut DGB Bayern nicht richtig lesen und schreiben. Die Staatsregierung hat nun die Finanzmittel für Alphabetisierungskurse erhöht. Und auch der DGB will Arbeitgeber für die Problematik sensibilisieren.

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Sein halbes Leben lang versuchte Marco Albert zu verbergen, dass er nicht richtig lesen und schreiben kann. Brille vergessen, kein Stift zur Hand - die Ausreden waren vielfältig, wenn er auf der Arbeit etwas dokumentieren sollte: "Das sind furchtbare Situationen gewesen." Bei Papierkram unterstützte ihn seine Familie, aber er schämte sich, denn:

“Wenn man das nicht perfekt kann, wie es in unserer Gesellschaft erwartet wird, dann wird man für minderwertig oder dumm abgestempelt.” Marco Albert

Handyvertrag, Beipackzettel: Problem mit zusammenhängenden Texten

Laut LEO-Studie 2018 sind deutschlandweit 6,2 Millionen Menschen im Alter zwischen 18 und 65 gering literalisiert. Das heißt, 12,1 Prozent aller Erwerbsfähigen können zwar Buchstaben, Wörter und einfache Sätze lesen und schreiben, haben aber Probleme, zusammenhängende Texte zu verstehen. Ob Handyvertrag, Arznei-Beipackzettel oder Arbeitsschutzanweisung: Wer nicht richtig lesen und schreiben kann, ist im Alltag oft außen vor. Die Zahl der gering Literalisierten oder sogenannten funktionalen Analphabeten ist von 7,5 (LEO-Studie 2011) auf 6,2 Millionen Menschen in der LEO-Studie 2018 gesunken. Dies sei aber vor allem auf den demografischen Wandel zurückzuführen, so Klaus Buddeberg von der Uni Hamburg.

Knapp eine Million Bayern können nicht richtig lesen und schreiben

In Bayern sind - heruntergerechnet auf die erwerbsfähige Bevölkerung - laut DGB Bayern knapp eine Million Menschen betroffen. Männer (60,3%) sind häufiger vertreten als Frauen (39,7%). Außerdem haben 76 Prozent der Betroffenen einen Schulabschluss, die meisten einen Haupt- oder Volksschulabschluss. Mit 62,3 Prozent ist die Mehrheit der gering Literalisierten erwerbstätig. Die meisten arbeiten in niedriger qualifizierten Jobs wie auf dem Bau, als Küchenhilfe oder als Reinigungskräfte. Renate Schiefer vom DGB Bildungswerk macht das Sorgen:

"Wir haben eine Arbeitswelt, in der unheimlich viel Bewegung ist. Da sind Leute, die nicht ausreichend lesen und schreiben können, absolut im Hintertreffen und müssen am meisten Angst haben, keinen oder keinen adäquaten Job mehr zu finden." Renate Schiefer, DGB-Bildungswerk

Mehrheit hat Deutsch als Herkunftssprache

Für die LEO-Studie wurden nur Personen befragt, die die deutsche Sprache mündlich beherrschen - nicht aber Zugewanderte ohne dafür ausreichende Deutschkenntnisse. Mehr als die Hälfte (52,6 Prozent) der sogenannten funktionalen Analphabeten sind laut LEO-Studie mit Deutsch als Herkunftssprache aufgewachsen.

"Es ist nicht so, dass Muttersprachler, Ur-Bayern da nicht dabei wären. Das ist ein Zeichen dafür, dass es an unseren Bildungsinstitutionen liegt." Renate Schiefer, DGB-Bildungswerk

Selektives Bildungssystem

Schiefer hat selbst jahrelang Alphabetisierungskurse geleitet, traf immer wieder auch junge Leute, die ohne gefestigte Kenntnisse im Lesen und Schreiben die Schule verlassen. Lehrer hätten nicht genügend Zeit, Kinder individuell zu fördern, bemängelt Renate Schiefer vom Bildungswerk Bayern. Außerdem sei das Bildungssystem selektiv.

"Das heißt, wir schaffen es leider nicht, die Bildungsunterschiede, die natürlicherweise da sind, auszugleichen." Renate Schiefer, DGB-Bildungswerk

Bayern erhöht finanzielle Förderung

Die Staatsregierung hat die jährliche Förderung des Landesprogramms "Alpha+ besser lesen und schreiben" im neuen Doppelhaushalt 2019/2020 erhöht: Pro Jahr sind nun 1,5 Millionen Euro vorgesehen, 2018 betrug die Förderung noch 1,2 Millionen Euro. Ziel sei es, Erwachsenenbildungs-trägern in Bayern einen finanziellen Anreiz zu bieten für die Durchführung von Alphabetisierungskursen, so Staatssekretärin Anna Stolz (Freie Wähler).

"Es ist unsere gesamtgesellschaftliche Aufgabe, Erwachsene zu unterstützen, die nicht richtig lesen und schreiben können. Wir müssen die Öffentlichkeit dafür sensibilisieren und wir müssen den Betroffenen Mut machen. Es ist wichtig, dass sie die vorhandenen Lernangebote auch annehmen." Anna Stolz, Freie Wähler

DGB Bayern: Warum wird gespart an der Erwachsenenbildung?

Die Erhöhung der Mittel für "Alpha +" sei erfreulich, findet Renate Schiefer vom DGB Bayern. Sie kritisiert aber die prekären Arbeitsbedingungen von Lehrern, die etwa an Volkshochschulen Kurse geben. Diese seien selbständig, leisteten oft Überstunden und zusätzlich sozialpädagogische Arbeit.

"Warum sind diese Lehrkräfte, die eine wichtige und schwere Arbeit machen, nicht genauso fest angestellt und bezahlt wie an den öffentlichen Schulen? Warum wird gespart an der Erwachsenenbildung?" Renate Schiefer, DGB Bayern

Hilfsangebote: Abendkurse, Lernwerkstätten

Hilfsangebote gibt es in Bayern viele. Die Volkshochschulen bieten Abendkurse an, außerdem gibt es in vielen Städten offene Lernwerkstätten. Und das DGB Bildungswerk versucht, mit dem Projekt "Mento" am Arbeitsplatz für die Problematik zu sensibilisieren. Marco Albert fing mit Mitte 40 wieder an zu lernen - und war begeistert: "Das war super! Ich hatte natürlich Angst vorher, aber dann habe ich gemerkt, die Lehrer sind locker drauf, die haben mir ganz schnell auf die Sprünge geholfen."

Inzwischen wirbt er für Alphabetisierungskurse, geht gemeinsam mit Renate Schiefer vom DGB Bildungswerk in Unternehmen und klärt Angestellte und Arbeitgeber auf. Seine Botschaft an Menschen, die nicht richtig lesen und schreiben können:

"Sie sollen sofort damit anfangen und sollen jede Hilfe in Anspruch nehmen, die man kriegen kann. Es geht um einen selbst und wenn man damit angefangen hat, ist das einfach super." Marco Albert