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Klinik Friedberg: Seit November über 100 ungeklärte Corona-Fälle | BR24

© BR/René Kirsch
Bildrechte: Bayerischer Rundfunk 2021

Das Krankenhaus in Friedberg sorgt weiter für Schlagzeilen. Nach einem massiven Corona-Ausbruch zum Jahreswechsel läuft nun die notwendige Aufarbeitung.

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Klinik Friedberg: Seit November über 100 ungeklärte Corona-Fälle

Mehr als 100 Corona-Infektionen sind seit November im Friedberger Krankenhaus aufgelaufen. Die Infektionswege sind noch unklar. Das Gesundheitsamt arbeitet an einer Nachverfolgung. Die hohe Zahl überrascht jedoch nicht nur Außenstehende.

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Von
  • René Kirsch
  • Beate Mangold
  • Roswitha Polaschek

"Wir haben einen sehr großen Stapel Papier durchzuarbeiten", erklärt die gestresste Leiterin des für die Aufarbeitung zuständigen Gesundheitsamts in Aichach, Kirsten Höper. Die Frage nach einer genauen Zahl beantwortet sie erst auf Nachfrage des Bayerischen Rundfunks und nach tiefem Durchschnaufen: "Über 100."

Ungeklärte Fälle seit Corona-Ausbruch im November

Es sind mehr als 100 Corona-Infektionen, die im Krankenhaus Friedberg seit dem 11. November 2020 aufgelaufen sind und deren Infektionswege und -verläufe nun geklärt werden müssen. Mehr als 100 Fälle, bei denen noch unklar ist, ob die Patienten bereits mit Corona ins Krankenhaus eingeliefert wurden, oder ob sie sich erst dort mit dem Virus infiziert haben.

Klinik-Geschäftsführer: "Haben unsere Hausaufgaben gemacht"

Die von Höper genannte Zahl will Dr. Hubert Mayer nicht bestätigen. Er ist der Geschäftsführer des Klinikverbundes Kliniken an der Paar, zu dem auch das Krankenhaus Friedberg gehört, und sichtlich irritiert: "Die Aufarbeitung läuft weiter, wir haben unsere Hausaufgaben gemacht. Die genannte Zahl kann ich in der Form nicht nachvollziehen. Wir haben uns darauf geeinigt, keine Zahlen zu nennen und daran möchte ich mich zumindest halten."

Mitarbeiter und Patienten mit Corona infiziert

Bestätigen möchte Mayer die Zahl also nicht, wissen müsste er sie laut Kirsten Höper jedoch: "Also ich habe diese Fälle der Klinik übermittelt, damit wir auf dem gleichen Wissensstand sind. Das sind Fälle, die entweder Mitarbeiter sind, oder Leute, die in der Klinik waren und entweder in der Klinik oder nachdem sie in der Klinik waren, positiv geworden sind." Dabei sollen sich die Infektionen bei Mitarbeitern und Patienten in etwa die Waage halten.

Unklar bleibt die Zahl der Todesfälle

Unklar bleibt bislang, wie viele der im Krankenhaus Infizierten letztlich an oder mit Corona starben. In der vergangenen Woche hatte der BR über mindestens drei Fälle berichtet, in denen Patienten verstorben waren, nachdem sie sich möglicherweise im Krankenhaus Friedberg mit Corona infiziert hatten. Hierzu wollen Gesundheitsamt und Klinikleitung erst in ihrem Abschlussbericht Stellung nehmen.

Lage in Friedberg entspannt sich

Im Krankenhaus Friedberg scheint sich die Lage nach dem massiven Corona-Ausbruch mittlerweile jedoch zu beruhigen. Laut Gesundheitsamtsleiterin Höper habe "die Anzahl der positiven Fälle erfreulich abgenommen". So sei nach den Reihentestungen der vergangenen Woche nur ein weiterer Corona-Fall aufgetreten. Aktuell gebe es in Friedberg aber keine Positiv- und auch keine Verdachtsfälle mehr.

Mitarbeiter werden täglich auf Corona getestet

Die täglichen Schnelltests werden trotzdem mindestens bis Mitte kommender Woche weitergeführt, auch wenn diese laut Mayer zu einem "'Test-Ping-Pong' von falsch-positiven Schnelltests und danach negativen PCR-Tests" führten. Neun seiner Mitarbeiter seien auf diese Weise in den vergangenen Tagen zunächst positiv per Schnelltest, dann aber doch wieder negativ via PCR-Test getestet worden. Das könnte - neben der Problematik der Dienstplan-Gestaltung - auch heftige Folgen für die Psyche der Mitarbeiter haben.

Intensivstationen weiter fast voll

Insbesondere auf den Intensivstationen ist die Belastung weiterhin enorm. Die Intensivstation in Friedberg sei nahezu voll, die in Aichach sogar bis auf den letzten Platz belegt. Fünf Corona-Patienten würden hier derzeit rund um die Uhr beatmet. "Das Personal der Intensivstation arbeitet seit Anfang Oktober im Volllastbereich", so Mayer, zwei Mitarbeiter hätten deshalb mittlerweile "aus Angst vor Infektionen" gekündigt.

Bundeswehr unterstützt am Aichacher Krankenhaus

Da zwei weitere Mitarbeiterinnen wegen Schwangerschaften nicht eingesetzt werden dürften und andere krank seien, habe man sich vergangene Woche an das Kreisverbindungskommando der Bundeswehr gewandt. Der freie Arbeitsmarkt sei derzeit "leer gefegt", so Mayer. Drei ausgebildete Sanitäter der Bundeswehr haben daher am heutigen Mittwoch ihren Dienst in Aichach aufgenommen. Sie sollen nach Prüfung ihrer Qualifikation auf der Intensivstation eingesetzt werden.

Leitung nimmt Krankenhaus-Mitarbeiter in Schutz

Das Krankenhauspersonal nimmt der Geschäftsführer der Kliniken an der Paar jedoch ausdrücklich in Schutz. Diese hätten sich in kürzester Zeit an neue Arbeitsabläufe gewöhnen müssen, dürften beispielsweise Pausen nur noch allein und in festen Zeitfenstern nehmen.

Der Begriff "Hygiene-Fehler" im Zusammenhang mit der Aufarbeitung der bisherigen Corona-Fälle sei daher nicht korrekt: "Den Mitarbeitern jetzt Fehler vorzuwerfen, weil diese Krankheit neue Verhaltensweisen fordert, wird den Mitarbeitern nicht gerecht. Da möchte ich meine Mitarbeiter auch schützen", so Mayer.

Abschlussbericht lässt auf sich warten

Die Versäumnisse bei der Aufarbeitung der über 100 ungeklärten Infektionsverläufe im Krankenhaus in Friedberg stehen aber weiter im Raum. Und Amtsleiterin Höper ist sichtlich genervt, bei der Frage nach einem Zeitrahmen: "Ich hatte ja am Anfang gesagt, drei Wochen und musste letzte Woche sagen, dass wir dieses hehre Ziel nicht halten können. Also wir sind dran und ich glaube es ist in absehbarer Zeit machbar. Ich weiß es nicht - ein, zwei Wochen noch!“

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