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Wohnsiedlung mit dem Kraftwerk Bergkamen, NRW

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    Klimawandel: Was müssen Städte und Gemeinden jetzt tun?

    Der Klimawandel stellt auch Städte und Gemeinden vor gewaltige Herausforderungen. Starkregen, Hochwasser, Hitze, Trockenheit und steigende Durchschnittstemperaturen verlangen nach Antworten bei Energie, Stadtplanung, Mobilität und beim Bauen.

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    Von
    • Michael Kraa

    Der Klimawandel mag noch sehr ein Thema der "großen", gar der internationalen Politik sein. Unmittelbar zu spüren ist er in Städten und Gemeinden. Ob beim verheerenden Hochwasser vom Juli dieses Jahres, in den Hitzesommern 2018 und 2019 oder bei Überflutungen und Sturzfluten wie der von Simbach: Immer sind es die Kommunen, die Gefahren abwehren, Schäden beseitigen und Vorsorge treffen müssen.

    Dabei geht es längst nicht mehr nur um bauliche Schutzmaßnahmen wie Dämme, sondern um ganzheitlichen Klimaschutz und um Schutz vor den Folgen des Klimawandels. Städte und Gemeinden stellt das vor enorme Aufgaben.

    Kommunale Energiegewinnung

    Woher kommt unsere Energie? Das ist nicht nur, wie bei der beschlossenen Energiewende, eine nationale Frage, sondern, wenn eine Stadt oder Gemeinde selber Energie produziert, auch eine kommunale.

    Tatsächlich erzeugen kommunale Unternehmen in Deutschland jährlich 66 Milliarden Kilowattstunden Strom, beheizen 20 Millionen Haushalte mit Gas und Fernwärme und unterhalten 808.000 Kilometer Stromverteilernetze. Laut dem Verband Kommunaler Unternehmen investieren viele Städte und Gemeinden in erneuerbare Energien und Kraft-Wärme-Kopplung, um Haushalte klimafreundlich mit Strom und Wärme zu versorgen.

    Ökostrom, Speicher und Nahwärme: Das Beispiel Fuchstal

    Wie so etwas ausschauen kann, zeigt das Beispiel der Gemeinde Fuchstal im oberbayerischen Landkreis Landsberg am Lech. Mit vier Windrädern, zwei Freiflächen-Photovoltaik-Anlagen und einem Biomassekraftwerk setzt die Gemeinde auf lokal erzeugten Ökostrom.

    Neue Speicher wie ein Wärmespeicher, eine "Power-to-Heat"-Anlage (P2H) und ein Batteriespeicher sowie drei weitere Windräder, eine dritte Freiflächen-Photovoltaik-Anlage und der weitere Ausbau des Nahwärmenetzes sollen die 4.000-Einwohner-Gemeinde bis 2030 energieautark machen.

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    Wind- und Sonnenenergie in Wildpoldsried

    Das "Energiedorf": Wildpoldsried

    Zu einer Vorzeigegemeinde in Sachen Energie wurde auch Wildpoldsried im schwäbischen Landkreis Oberallgäu, das sich stolz als "Energiedorf" bezeichnet und alles daran setzt, zum "Klimadorf" zu werden. Mehrere Biogasanlagen, eine Vielzahl von Pelletheizungen, ein Nahwärme-Netz, Solar- und Photovoltaik-Anlagen auf allen öffentlichen Gebäuden sowie rund 300 Anlagen auf Privathäusern versorgen die Bürger mit Energie.

    Hinzu kommen Energiesparmaßnahmen. So reduziert allein die Umrüstung der Straßenbeleuchtung auf LED den Stromverbrauch nach Angaben der Gemeinde um 75 Prozent und senkt die Stromkosten um 8.000 Euro jährlich - bei einer CO2-Ersparnis von 20.000 Kilogramm pro Jahr.

    Hausbesitzern wird seitens der Gemeinde seit 2008 eine Thermographie angeboten, bei der mit einer Wärmebildkamera ermittelt wird, an welchen Stellen eine Dämmung sinnvoll ist. 210 ungeregelte Heizungspumpen in Privathaushalten wurden gegen Hocheffizienzpumpen ausgetauscht. Darüber hinaus bietet die Gemeinde Energieberatungen an.

    Energieeinsparung als kommunale Aufgabe

    Dass Energieeinsparung zu den wichtigen kommunalen Aufgaben beim Klimaschutz zählt, sieht man auch beim Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) so. Das Institut, das 1973 auf Initiative des Deutschen Städtetages gegründet wurde und Kommunen bei allen Zukunftsaufgaben berät, hält vor allem die Zusammenarbeit von Bund, Ländern, Kommunen, Unternehmern und Bürgern für entscheidend.

    Das gelte auch für die Energieeinsparung und die Umsetzung des Zieles Klimaneutralität, so Jens Hasse, Teamleiter im Forschungsbereich Umwelt am Difu: "Viele Lösungen liegen vor, werden von Vorreiterkommunen in ganz Deutschland umgesetzt und müssen nun von jeder Kommune aufgegriffen werden." Nur wenn wir es schafften, die Klimaerwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, so Hasse, werde es gelingen, uns an negative Klimafolgen anzupassen.

    Robust und anpassungsfähig bauen und planen

    Städte, Gemeinden, Wohn- und Gewerbegebiete, Gebäude und Infrastrukturen müssten zudem zügig robuster und anpassungsfähiger werden, sowohl gegen Starkregen als auch gegen Hitze. Dies gelte für Neubauten ebenso wie für den Bestand. Bei jedem Planungsprozess und bei jeder Baugenehmigung sei es wichtig, Folgendes mitzudenken, so Jens Hasse: "Mehr Grün und Verschattung in stark verdichteten öffentlichen Räumen. Platz und Raum schaffen - auch im Bestand - für den Rückhalt von Starkregen, für Wasserwege und -plätze und an Gewässern auch für Hochwasser.

    Gebäude klimagerecht bauen und mit sommerlichem Wärmeschutz nachrüsten." Städte und Gemeinden, aber auch soziale Einrichtungen können sich zu allen Fragen der Klimaanpassung beraten lassen. So betreibt das Deutsche Institut für Urbanistik seit Juli gemeinsam mit dem Forschungs- und Beratungsinstitut adelphi das "Zentrum KlimaAnpassung".

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    Simbach am Inn nach der Sturzflut 2016

    Böden als Kohlenstoffspeicher

    Eine wichtige Rolle spielen Städte und Gemeinden auch beim Thema Flächenverbrauch. Böden sind der größte terrestrische Speicher für Kohlenstoff und gleichzeitig eine der wichtigsten natürlichen Quellen für CO2 in der Atmosphäre.

    Durch den Aufbau von Humus wird die Speicherfähigkeit des Bodens erhöht, denn er enthält viel Kohlenstoff aus Kohlendioxid, das Pflanzen einst für ihr Wachstum aus der Luft aufgenommen haben. Wieviel CO2 ein Boden speichern kann, hängt auch von der Landnutzung ab. Ein Zusammenhang, den das Thünen-Institut in einer jahrelangen Zustandserhebung landwirtschaftlich genutzter Böden untersucht hat.

    So speichern etwa Viehweiden doppelt so viel Kohlenstoff wie Ackerböden. Den meisten Kohlenstoff fanden die Wissenschaftler aber in landwirtschaftlich genutzten Moorböden. Nähme man diese Böden auch noch aus der Nutzung, wäre der Effekt natürlich noch größer.

    Humusaufbau gezielt fördern

    Dass Bauern durch gezielten Humusaufbau zusätzlich beitragen können zum Klimaschutz, zeigt ein Projekt der Andechser Molkerei Scheitz. Sie berät ihre Vertragslandwirte bei der Auswahl der Maßnahmen - zum Beispiel Unter- und Zwischensaaten, längere Verweildauer der Kühe auf den Weiden oder Anpflanzung von Hecken. Bei 32 untersuchten Milchlieferanten der Molkerei wurde so eine CO2-Einsparung von 42 Tonnen pro Jahr und Betrieb erzielt.

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    Einfamilienhäuser im Landkreis Freising

    Flächenverbrauch reduzieren

    Anstatt die Böden auf dem Gemeindegebiet zu erhalten und ihre Speicherfähigkeit zu erhöhen, werden sie vielerorts aber immer noch bebaut und versiegelt. Aktuell werden in Deutschland pro Tag noch immer 56 Hektar für neue Siedlungs- und Verkehrsflächen verbraucht. In Bayern ist der Flächenverbrauch zudem nicht gesunken, wie es die Staatsregierung nach der letzten Landtagswahl versprochen hatte, sondern sogar noch weiter gestiegen - von 10,0 auf 10,8 Hektar pro Tag. Und selbst vor Staatswäldern macht der Bauboom im Freistaat nicht halt - allen Protesten zum Trotz.

    Städte und Gemeinden müssten diesen gewaltigen Bodenverbrauch dringend reduzieren, rät deshalb auch das Deutsche Institut für Urbanistik. Statt weiter, wie bisher, flächen- und ressourcenintensiven Wohnungsbau zu forcieren, sollten lieber Baulücken genutzt, Brachflächen recycelt, Leerstände und mindergenutzte Flächen qualifiziert werden, rät Jens Hasse vom Difu. Das sei Klimaschutz und Schutz vor Starkregen sowie Hochwasser zugleich.

    "Doppelte Innenentwicklung"

    Dass dies vor allem in bereits dicht bebauten Großstädten nicht einfach ist, liegt auf der Hand. Um sie nicht immer weiter ins ländliche Umland hineinwachsen zu lassen, wodurch weiterer Boden verloren ginge, empfiehlt der Naturschutzbund Deutschland (NABU) die "doppelte Innenentwicklung": Die Bebauung mit Gebäuden im Inneren der Städte anstatt auf wertvollen Flächen am Stadtrand.

    Um dabei aber nicht die noch bestehenden Grünflächen zu opfern, die für die Klimaanpassung dringend notwendig sind, sollen unbebaute, aber bereits erschlossene Flächen verwendet werden. Dabei muss laut NABU in jedem Einzelfall geprüft werden, wie sehr sich das Grundstück als Baufläche eignet und wie wertvoll es andererseits als Frei- und Grünfläche wäre. Eine weitere Option ist laut NABU auch, bestehende Gebäude aufzustocken, etwa durch den Dachausbau.

    In stark wachsenden Städten wären auch deutlich höhere Neubauten eine Möglichkeit, auch wenn diese, wie im Fall von München, nicht immer unumstritten sind.

    Besserer ÖPNV - vor allem auf dem Land

    Eine alte Forderung der Umweltverbände für mehr Klimaschutz betrifft den Verkehr - immerhin verantwortlich für knapp ein Fünftel der CO2-Emissionen. Vor allem auf dem Land gelte es, attraktive Alternativen zum Auto zu schaffen. So forderte erst diese Woche ein breites Bündnis aus bayerischen Oppositionsparteien und Umweltgruppierungen, Orte mit mehr als 1.000 Einwohnern müssten zwischen 6 und 23 Uhr stündlich mit dem Bus erreichbar sein.

    Die Schwierigkeit dabei ist, dass der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) in Bayern nicht aus einer Hand kommt. So sind Landkreise und kreisfreie Städte als kommunale Aufgabenträger für die Bestellung des allgemeinen ÖPNV zuständig. Hinzu kommt jedoch der schienengebundene Verkehr, den die Bayerische Eisenbahngesellschaft bestellt.

    Schließlich muss dieser noch mit dem Personenverkehr der Deutschen Bahn koordiniert werden. Darauf weist Bayerns Verkehrsministerin Schreyer (CSU) hin. Ihr Ministerium hat mit dem "Zukunftsrat ÖPNV" ein Gremium berufen, dass bis zum nächsten Jahr eine Strategie für eine bayernweite "ÖPNV-Strategie 2030" entwerfen soll. Eine Aufgabe, an der die Kommunen mitwirken können, die sie aber keinesfalls alleine lösen können.

    Beratung und Förderung nutzen

    So vielfältig die Möglichkeiten sind, mit denen Städte und Gemeinden Klimaschutz und Klimafolgenschutz betreiben können, so unübersichtlich sind oft die richtigen Maßnahmen und auch die finanziellen Fördermöglichkeiten durch die Länder, den Bund und die EU. Hier soll das neue Zentrum KlimaAnpassung ganz konkrete und praktische Hilfe bieten.

    Mitarbeiter von Kommunen, aber auch von sozialen Einrichtungen können sich hier über eine Hotline, in Online-Sprechstunden, bei einer persönlichen Beratung sowie in Workshops konkrete Hilfe holen bei der Planung und Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen. Im Auftrag des Bundesumweltministeriums soll die Beratungseinrichtung dafür sorgen, dass den inzwischen zahlreichen guten Beispielen zum kommunalen Klimaschutz möglichst viele weitere folgen.

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