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Klimawandel: Städte ohne Grün als überhitzte Glutöfen | BR24

© picture-alliance / imageBROKER / Klaus Wagenhäuser

Moderne Architektur auf der Theresienhöhe in München.

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    Klimawandel: Städte ohne Grün als überhitzte Glutöfen

    Schon jetzt ist Hitze in vielen Städten und Gemeinde unerträglich, weil Steine und Beton die Wärme speichern. Und die Zahl der heißen Tage im Jahresdurchschnitt steigt rasant. Trotzdem wird vielerorts so weitergebaut und geplant wie bisher.

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    Auch wenn es in diesem Sommer noch keine richtige Hitzewelle gegeben hat, der Trend ist eindeutig: In Würzburg beispielsweise hat sich in den vergangenen 30 Jahren die Zahl der heißen Tage mit über 30 Grad verdoppelt. Von sieben Tagen im langjährigen Durchschnitt bis 1990, auf heute 14 Tage. Vor allem in bebauten Gebieten, Städten und Ortschaften staut sich oft die Hitze. Asphalt, Mauern und Beton werden zu regelrechten Wärmespeichern.

    Bis zu vier Grad Unterschied zwischen Platz und Park

    Christopher Busch, Experte für Stadtnatur beim Bund Naturschutz, steht mit einem röhrenförmigen Gerät, so groß wie eine Bierflasche, auf einem gepflasterten Platz und misst die Umgebungstemperatur. Er nutzt dieses so genannte Aspirations-Psychrometer, um nicht die unmittelbare Wirkung von aufgeheiztem Asphalt, einer hellen Hauswand oder dem Schatten eines Baumes zu bestimmen, sondern die Lufttemperatur der gesamten Umgebung.

    Die Unterschiede sind bemerkenswert: Um drei bis vier Grad ist die Temperatur im kleinen Stadtpark niedriger als auf dem Platz. Draußen im Grünen kann die Differenz sogar acht Grad betragen. Und jeder einzelne Baum macht einen Unterschied: "Da gibt es einen Versuch aus Würzburg und eine einzige 60-jährige Linde wirkt da so wie 140 Kühlschränke", sagt Busch.

    Unterschätzte Rolle von Bäumen in der Stadtplanung

    Bäume spenden nicht nur Schatten, sondern verdunsten bis zu 400 Liter Wasser am Tag. So erzeugen sie Verdunstungskühle und wirken wie eine natürliche Klimaanlage. In der Stadtplanung und insbesondere bei der Ausweisung von Neubaugebieten spielen vorhandene Bäume oder gewachsene Strukturen aber meistens keine Rolle, stellt Busch fest.

    Es sei häufig so, dass Baufirmen der Meinung sind, es müsse alles weg und begradigt werden, erklärt Busch. "Aber vorhandene Strukturen, die über Jahrzehnte gewachsen sind, die kann man nicht herstellen und sowas muss in die Planung mit einbezogen werden", fordert er.

    Schottergärten speichern zusätzlich Hitze

    Doch die offizielle Planung ist nicht alleine Schuld, wenn die Hitze in bebauter Umgebung steigt und steigt. Viele Privatleute haben mit ihrer Gartengestaltung einen negativen Anteil an der Entwicklung. Erst im März dieses Jahres hat die Stadt Erlangen als erste Kommune in Bayern die derzeit modischen Stein- und Schottergärten verboten, Städte wie Würzburg folgten. "Freiflächengestaltungssatzung" ist der sperrige Titel dieses Planungsinstruments, mit dem mehr Grün vor und um jedes neue Haus gepflanzt werden soll.

    Wie die Gartenplanung das Stadtklima beeinflusst, zeigt Lena Jakob, die Klimabeauftragte von Erlangen, vor einer Hauswand, an der Kletterpflanzen hochranken. "Man merkt es auch schon, wenn man an so einer begrünten Wand vorbeigeht, es strahlt viel weniger Hitze ab an heißen Tagen. "Wichtig sei ein kühleres Klima vor allem für ältere Menschen oder Kleinkinder. "Es hilft gerade den verwundbaren Bevölkerungsgruppen, den ganz jungen und den ganz alten."

    Büsche, Bäume und Moos als Kühlaggregate

    In dem auf einem ehemaligen Kasernengelände entstandenen Röthelheimpark wurde das Konzept flächendeckend umgesetzt: Bäume, Büsche und Stauden wachsen überall um und zwischen den Neubauten. Sogar auf den kleinen Flachdächern der Mülltonnenhäuschen finden sich Pflanzen. Die moosige Auflage fühlt sich schwammig und feucht an.

    Verdunstungskälte statt Klimaanlage

    "Solange Wasser da ist, kühlt es aktiv", erklärt Jakob. "Das hilft sogar der Energieeffizienz im Sommer." Statt elektrischer Klimaanlagen und Ventilatoren sorge zum Beispiel eine Moosschicht auf dem Dach dafür, dass es im Haus kühler bleibt. Und sobald es regnet, ist sie wieder vollgesogen: Schwammstadtprinzip nennt sie das, denn wie ein Schwamm nehmen die grünen Flecken bei Regenfällen Wasser auf. Wenn es heftig regnet, entlastet das zusätzlich die Kanalisation.

    Erst der Schottergarten - dann die Klimaanlage

    Doch gerade beim Neubau auf dem Land spielen die Grünstrukturen bisher kaum eine Rolle. Nur rund fünf Prozent der Gemeinden in Bayern haben Baumschutzverordnungen. Und überall wuchern statt Büschen und Bäumen Schotter, sterile Mauern und mit Steinen gefüllte Drahtgitter, die so genannten Gabionen - allesamt Hitzespeicher.

    Infolgedessen steigt der Absatz an Klimaanlagen, die ihrerseits wieder Energie verbrauchen und Abwärme produzieren. Genau der falsche Weg, sagt Busch: "Der Tipp wäre, dass man mehr auf Fassadenbegrünung setzt." Vielleicht sollte man, so meint er, sogar Grünordnungspläne in den Gemeindeordnungen verankern, um dem Bauen mit Schotter und Kies in den Vorgärten entgegenzuwirken. Auch deswegen, weil mehr Grün das Bienen- und Insektenleben fördert.

    Grün ist freundlicher als grau

    Neben der effektiven Auswirkung auf das Stadtklima habe mehr Grün auch einen emotionalen Wert, betont Jakob, die Klimabeauftragte in Erlangen: "Oft ist auch ein psychologischer Effekt dabei - wenn ich ins Grüne sehe, geht es mir besser."

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