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Photovoltaik und Naturschutz - Konflikt oder Chance?

Bildrechte: pa/dpa/Florian Gaertner
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Photovoltaik und Naturschutz - Konflikt oder Chance?

Der Ausbau der erneuerbaren Energien kommt immer wieder mit dem Naturschutz in Konflikt. Bei der Windkraft ist das so – und bei Biogas und Wasserkraft. Auch über Photovoltaik wird gestritten. Doch die kann auch Vorteile für die Natur bringen.

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Anton RauchAnton Rauch
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Photovoltaikanlagen können auf freien Flächen ihre Stärken voll ausspielen. Wenn sie im richtigen Neigungswinkel auf den Sonnenstand ausgerichtet werden, dann bringen sie durchschnittlich 30 bis 50 Prozent mehr Strom als kleine Anlagen auf Hausdächern. Seit Module günstiger geworden sind, suchen Investoren Flächen und bieten teilweise hohe Pachten.

Im oberbayerischen Donaumoos gibt es schon Bayerns größte Photovoltaikanlage. Der Betreiber will sie vergrößern und es gibt weitere Anträge. Bei einem Ortstermin im Januar ist jedoch klargeworden, dass das nicht so einfach werden wird.

Bei Mooren geht es vor allem um die Wiedervernässung

Denn die PV-Anlage im Donaumoos erzeugt zwar grünen Strom, aber eben im trockengelegten Moor. Christine Margraf vom Bund Naturschutz kritisiert, dass 95 Prozent der bayerischen Moore entwässert sind und damit ihren Wert verloren haben als CO2-Speicher. Das sei für Artenvielfalt und Klima geradezu eine Katastrophe: "Diese entwässerten Moore stoßen Treibhausgase aus, darum ist es das A und O für die Moore, dass wir den Grundwasserstand wieder anheben." Oberstes Ziel sei es, den Grundwasserstand zu erhöhen. Erst in zweiter Linie könne man dann daran denken, Photovoltaik zu erzeugen.

Photovoltaikanlagen auf Moorflächen sind schwierig

Auf nassen Moorflächen eine Freiflächen-Photovoltaik-Anlage zu installieren – das sei absolut machbar, sagt Landschaftsökologe Markus Reinke. Dann sei aber auch klar, dass die Anlage über weite Zeiten mit Fahrzeugen unzugänglich ist. "Auf so etwas wie eine geschotterte Zuwegung muss man verzichten, einfach reinfahren, wann man will, das ist unmöglich" sagt Reinke. Es seien dann Anlagen, die man vielleicht erst im Herbst, wenn der Grundwasserstand sehr niedrig ist, befahren kann – oder im Winter, wenn der Boden gefroren ist.

Kartierung von Flächen für Photovoltaik

Reinke ist Professor für Landschaftsökologie an der Hochschule Weihenstephan. Er untersucht mit Studierenden Flächen im Landkreis Freising und klassifiziert mit Punkten, inwieweit sie geeignet sind, um dort Photovoltaik zu installieren. Denn der Bedarf ist groß im Landkreis Freising für solche Anlagen.

Der Landkreis und die Energieversorger schätzen, dass rund 800 Hektar Photovoltaikflächen nötig sind in den nächsten Jahren. Das entspricht etwa einem Prozent der Gesamtfläche des Landkreises Freising. Es gehe darum, diese 800 Hektar Photovoltaik möglichst umweltverträglich zu bauen. Dazu gehöre etwa die Prüfung, ob das etwa auch in wiedervernässten Flächen des Freisinger Mooses sinnvoll wäre.

Photovoltaik ist schlecht für Wiesenbrüter

Geeignete Flächen sind eher nicht im Niedermoor, meint Christine Margraf vom Bund Naturschutz. Denn große Teile des Freisinger Moores sind als europäisches Vogelschutzgebiet streng geschützt, es gebe dort viel mehr Arten als beispielsweise im oberbayerischen Donaumoos. Gerade weil im Vogelschutzgebiet Freisinger Moos noch Wiesenbrüter leben. Das sind Vögel, die ihr Nest am Boden bauen, es sichern und sehen müssen, wenn ein Fuchs sich nähert.

"Der große Brachvogel, der Kiebitz und einige andere Vogelarten, die brauchen Überblick, die brauchen große freie offene Flächen, wie es früher in den Mooren auch so war, sonst verschwinden sie und brüten dort nicht mehr", ist sich Margraf sicher.

Photovoltaik braucht im Vergleich zu Biogas wenig Fläche

Entsprechend sind Wiesenbrütergebiete ausgeschlossen für Photovoltaik, ebenfalls besonders gute Ackerflächen. Wenn zur Photovoltaik ein Zusatznutzen kommt, sei es für seltene Arten oder für Bauern, die unter den Modulen Schafe grasen lassen können, dann ist sie anderen Ökostromquellen voraus. Denn um ein Megawatt Strom in einer Biogas-Anlage zu erzeugen sind 50 Hektar Energiemais nötig. Bei Photovoltaik genügt ein Hektar.

Wissenschaftler Reinke plädiert dafür, jede Fläche genau anzuschauen. Manchmal kann eine Flächen–PV-Anlage direkt zu mehr Natur- und Artenschutz beitragen. Wenn ein sehr fruchtbarer Maisacker an einem Hang zu einer Wiese unter Photovoltaik wird, kann entsprechend viel Solarstrom erzeugt werden, und gleichzeitig ist die Bodenerosion gestoppt. Denn nach Gewitterregen wird viel guter Boden aus so einem Maisacker am Hang einfach weggeschwemmt.

Bestehende Photovoltaikanlagen lassen sich aufwerten

Es ist auch denkbar, die einzelnen Zeilen einer Freiflächen-PV-Anlage etwas weiter auseinanderzusetzen. So könnte ein Lebensraum für Eidechsen entstehen, die Sonne brauchen. Wichtig sei die Gewissheit, dass Natur und Landschaft trotz der Energieproduktion geschützt werden.

Bisher haben die Forschenden in Weihenstephan unter der Leitung von Professor Reinke bestehende Photovoltaikanlagen unter die Lupe genommen. Auch da lässt sich noch etwas für mehr Artenschutz tun, zum Beispiel indem man weniger oft mäht. Dann fühlen sich auf einmal mehr Insekten dort wohl. Wichtig sei auch der Kontakt zu den Bauern und eine gute Planung.

Photovoltaik über Autobahnen und Parkplätzen

Experten sind sich einig: Es gibt viele Flächen, wo der Aufbau von Photovoltaik einen Zusatznutzen bieten kann: etwa auf Brachflächen oder an Lärmschutzwänden. In der Westschweiz gibt es Pilotprojekte mit Solardächern für Autobahnen. Die Schweiz untersucht, ob sie mehrere hundert Kilometer Autobahn mit Photovoltaik abdecken kann, um so die Stromversorgung langfristig zu sichern.

Christine Margraf fallen Parkplätze ein, die im Sommer gut mehr Schatten vertragen können. Das sei in Innenstädten interessant. Potential dafür gibt laut Margraf auch im Landkreis Freising. Sie nennt den Park and Ride-Parkplatz am Bahnhof in Freising und Parkplätze in Moosburg oder anderswo im Landkreis: "Diese Riesenparkplätze gibt es auch in Gewerbegebieten. Wenn man da zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen kann, alle mit Photovoltaik überdachen, dann habe ich gleichzeitig noch einen Schatten für diese Riesenflächen, die sich dann nicht so aufheizen." Margraf sieht so gute Chancen, dass der Landkreis Freising es schaffen kann, auf einer Fläche von 800 Hektar Photovoltaik einzurichten.

Photovoltaik über Hopfengärten

Auch Sonderkulturen wie Hopfen, Obst- oder Beerenplantagen könnten von aufgeständerten Anlagen besonders profitieren, sagt Markus Reinke. Während die Module bei einer herkömmlichen Freiflächen-PV-Anlage leicht auf etwa 80 cm Höhe montiert werden können, braucht die sogenannte AGRI-PV aber aufwändige Konstruktionen, die stabil sein müssen, denn die Solarmodule kommen dort auf eine Höhe von mehr als vier Meter. Denn Traktoren und Mähdrescher müssen darunter durchfahren können.

Das sei für Sonderkulturen durchaus geeignet, so der Landschaftsökologe Markus Reinke. Für Obst oder Hopfen sei AGRI-PV denkbar, weil man bei diesen Kulturen sowieso Konstruktionen für den Hagelschutz brauche, etwa Hagelnetze an Hopfenstangen. “Wenn man diese Konstruktionen verstärkt, damit man eine stabile Unterkonstruktion für Photovoltaik hat, dann wird eine Win-Win-Situation daraus."

Hohe Akzeptanz für Freiflächen-PV-Anlagen erwartet

Eine Karte für den Landkreis, mit einer klaren Kennzeichnung, wo Flächen-Photovoltaik gut passt, wo sie unter bestimmten Bedingungen möglich ist und wo sie ausgeschlossen ist, die wollen Professor Reinke und die Studierenden nach dem Sommersemester vorlegen. Und sie sind sicher, dass auch die Akzeptanz von Solardächern höher sein werde als bei Windrädern oder Energiemaisfeldern, wenn klar ist, dass sie doppelten ökologischen Nutzen bringen.

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