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Klimawandel: Die Alpen in Bedrängnis | BR24

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Die Hochalpen sind besonders vom Klimawandel betroffen: Gletscher und Permafrost schmelzen, dadurch steigen alpine Gefahren wie Steinschlag und Erosion. Das Paradoxe: Skigebiete werden immer mehr erschlossen und die Natur zurückgedrängt.

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Klimawandel: Die Alpen in Bedrängnis

Die Hochalpen sind besonders vom Klimawandel betroffen: Gletscher und Permafrost schmelzen, dadurch steigen alpine Gefahren wie Steinschlag und Erosion. Das Paradoxe: Skigebiete werden immer mehr erschlossen und die Natur zurückgedrängt.

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Der Rückgang von Gletschern und Permafrost ist ein Problem im gesamten Alpenraum. Auch an der Zugspitze zieht sich der Gletscher immer mehr zurück. In 20 Jahren wird er voraussichtlich ganz geschmolzen sein.

Zugspitze: Permafrost schmilzt

Deutschlands höchster Berg hat im Inneren eine sogenannte Permafrost-Linse. Das ist ein Kern, der stetig unter Null Grad liegt. Hier ist das Gestein seit Jahrtausenden gefroren und hält den Berg stabil. Doch durch den Klimawandel wird es in Bayern immer wärmer - die Permafrost-Linse taut immer weiter auf – so wird das umliegende Gestein porös.

Forscher der TU München messen regelmäßig im Inneren der Zugspitze. Nach dem Hitzesommer 2018 war der Rückgang des Permafrosts besonders stark. Professor Michael Krautblatter von der TU München, der die Forschungen seit 12 Jahren betreut, macht sich Sorgen: "Viele solche Wärmesommer hintereinander steht die Permafrostlinse nicht durch. Also die braucht jetzt wirklich mal einen langen Winter, dass die sich wieder etwas aufbauen kann. Wenn es mehrere warme Sommer hintereinander gibt, kann es auch sein, dass die in zehn Jahren weg ist."

Berghütte Hochwildehaus musste geschlossen werden

Aber nicht nur die Zugspitze ist in Gefahr. Das Hochwildehaus, erbaut vor 80 Jahren im Öztal, liegt auf gut 2800 Meter Höhe. Benjamin Böhringer vom Deutschen Alpenverein zeigt wie der Klimawandel hier seine Spuren hinterlässt. Er deutet auf das beliebte Ziel für Hochtourengeher. Kürzlich musste die Hütte dauerhaft schließen. Das Fundament ist auf Permafrostgebiet gebaut und der Permafrost schmilzt. Die Folge: Das Fundament der Hütte wird brüchig. Benjamin Böhringer erklärt: “Das ist das Fatale für das Hochwildehaus, dass der Permafrost auftaut im Gleichklang mit dem Rückzug der Gletscher.“

Die Gletscher gehen wie im Zeitraffer zurück

Im selben Tal – weiter unten: Das Langtalereckhaus - Ersatztreffpunkt für Alpinisten seit das Hochwildehaus geschlossen ist. Auch hier sieht man den Klimawandel. Der Gletscher, der hier noch vor Jahren war, ist verschwunden. Die Wanderer beobachten die Entwicklung seit Jahren: "Beeindruckend erschreckend, wenn man sieht wie im Zeitraffer die Gletscher zurückgehen und wenn man sieht, was der Mensch hier gerade anrichtet. Also nicht hier speziell, sondern weltweit gesehen."

Bondo: Hang stürzte ins Tal

Welche extremen Folgen es haben kann, wenn der Permafrost schmilzt – wurde in Bondo in der Schweiz, vor zwei Jahren sichtbar. Hier stürzte ein ganzer Hang des Piz Cengalo ins Tal – begrub ein Dorf. Acht Wanderer starben.

Eingriff zu Gunsten der Skifahrer

Auch der Pitztaler Gletscher zieht sich immer weiter zurück und das Gestein wird immer instabiler. Aus wirtschaftlichen Interessen wird hier die Natur den Bedürfnissen der Menschen angepasst. In diesem Fall denen der Skifahrer. Weil hier wegen des Gletscherrückgangs ein Teil eines Ziehwegs wegbrach, haben die Liftbetreiber einen ganzen Fels weggesprengt, um den Weg weiter zu nutzen. Tobias Hipp, Klimaschutzbeauftragter des DAV, findet: "Also wir sehen diese massiven Eingriffe in das Gelände sehr kritisch. Es ist einfach nicht angepasst, hier einfach wirklich große Bergflanken wegzusprengen. In diesem speziellen Fall war das auch eine vorzeitige Maßnahme, die noch nicht genehmigt war."

Tourismus profitiert vom Ausbau des Skigebiets

Nun soll zusätzlich auch noch in die unberührte Natur am Pitztaler Gletscher eingegriffen werden. Der linke Fernerkogel soll als Skigebiet erschlossen und mit dem Ötztal verbunden werden. Deutscher und Österreichischer Alpenverein kämpfen gemeinsam gegen dieses Projekt. Liliana Dagostin vom ÖAV befürchtet eine unwiederbringliche Zerstörung der Gletscherlandschaft:

"Sobald ein Skigebiet in einem Gelände errichtet wird, hast du Zufahrtsstraßen, Seilbahnstützen, Berg- und Talstationen, die Wasserfassungen für die Speicher, die Beschneiungsteiche. Dann bleibt nur eine komplett vom Menschen geformte Landschaft, die eigentlich mit der ursprünglichen nicht mehr viel gemein hat." Liliana Dagostin, ÖAV

Hoteliers und Bürgermeister im Tal kämpfen trotzdem für eine Verbindung zwischen Ötz- und Pitztal. Die Hotelierstochter Jasmin Walser erklärt: "Man sieht da schon die Initialzündung für die Zukunft. Das ist absolut der nächste Schritt und den brauchen wir, dass wir einfach im internationalen Wettbewerb vorankommen. Man sieht einfach, was rundherum abgeht." Auch der Bürgermeister von St Leonhard, Elmar Haid verteidigt den Zusammenschluss: "Wir leben zu 100 Prozent vom Tourismus. Wir versuchen Alternativen aufzubauen, wir versuchen den Sommer stark aufzubauen. Aber in erster Linie leben wir vom Winter."

Für Tobias Hipp vom DAV ist hochalpine Landschaft in Gefahr. Das neue Gebiet bedeutet mehr Anfahrten, mehr Schneekanonen, mehr Lifte. Unberührte Natur wird zurückgedrängt:

"Momentan wird mit der Gletscherfläche geplant, 2030 wird sie weg sein, das heißt, es wird neues Gelände zum Vorschein kommen, wo ständig, jedes Jahr erneut mit der Planierraupe Pisten verbessert und angelegt werden müssen. Das heißt, es ist jedes Jahr ein erneuter Eingriff in die Natur." Tobias Hipp, DAV