Manches hat sich in Sachen Klimaneutralität schon getan in Bayern: Die Kirche von Röthlein vor dem ehemaligen Kernkraftwerk Grafenrheinfeld, das 2015 stillgelegt wurde (Archivbild)
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Bayerische Städte und Gemeinden sollen in den kommenden Jahren klimaneutral werden (Archivbild)

    Klimaneutralität: Eine Herkulesaufgabe für bayerische Städte

    Viele bayerische Städte haben bereits einen Klimaplan und wollen in den nächsten Jahren ihren Ausstoß an Treibhausgasen drastisch reduzieren. Aber: Wirklich klimaneutral – geht das überhaupt?

    Der Freistaat will bis 2040 seine Treibhausgase auf null senken. Das ist das erklärte Ziel der Staatsregierung. Gelingen kann das nur, wenn auch die 2.000 bayerischen Städte, Gemeinden und Landkreise mitziehen. Erlangen zum Beispiel will das sogar schon 2030 schaffen. Feuchtwangen, ebenfalls in Mittelfranken, möchte bis 2035 klimaneutral werden – wie auch München, das sogar zu den neun deutschen Vorzeigekommunen der EU-Kommission gehört.

    Treibhausgase radikal reduzieren

    Das Bundesverfassungsgericht hat bereits 2019 festgestellt, das deutsche Klimaschutzgesetz greife langfristig zu kurz. Damit hat das Gericht die Regierung zum Nachbessern gezwungen. Es geht längst nicht mehr nur um ein bisschen weniger Treibhausgase - die Null ist das neue Klimaziel.

    Methan, Stickstoff und eben Kohlendioxid werden bei der Berechnung zu so genannten CO2-Äquivalenten zusammengefasst, um den Eintrag beziffern zu können, den Treibhausgase zur weltweiten Erderwärmung beitragen. Und genau diesen CO2-Ausstoß, erzeugt durch Heizen, industrielle Produktion oder auch Autoverkehr, wollen einige Städte so drastisch reduzieren, dass sich durch Kompensation an anderer Stelle – rein rechnerisch – sogar Klimaneutralität herstellen lässt.

    CO2-Ausstoß: Ausgleich nur mit Hilfe der Natur

    Im Schnitt verursacht jeder Deutsche knapp 11,2 Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr (2021). Das ergeben die Zahlen des Umweltbundesamtes (UBA) in Berlin. Hier sind auch alle deutschen Exporte sowie Importe von Gütern und Produkten eingerechnet. Betrachtet man nur den CO2-Ausstoß, der durch Heizen, Verkehr oder Konsum entsteht, sind es in der Bundesrepublik durchschnittlich 7,5 Tonnen pro Kopf (2019). Im Vergleich viermal mehr als jeder Inder. Im Freistaat liegt laut dem Bayerischen Landesamt für Umwelt, der persönliche CO2-Eintrag bei etwa sechs Tonnen pro Kopf.

    Um überhaupt ein ungefähres Gleichgewicht zwischen CO2-Emissionen und der Aufnahme von Kohlenstoff aus der Atmosphäre herstellen zu können, braucht es die Natur. Gewässer, Moore – ganz wichtig – und auch Wälder sind so genannte "Kohlenstoffsenken", die CO2 binden können. Es gibt mittlerweile zwar auch Versuche, CO2 künstlich aus der Atmosphäre zu entnehmen und zu speichern. Aber die Verfahren sind längst nicht ausgereift und verbrauchen noch viel Energie.

    Herkulesaufgabe für die Kommunen

    Städte und Gemeinden, die bereits einen konkreten Klimaplan verfolgen, müssen vor allem schnell die kommunale Energiewende einleiten. Zum Beispiel mit Photovoltaikanlagen auf den Dächern oder auch der energetischen Sanierung städtischer Gebäude. Letzteres sei vielleicht die wichtigste Maßnahme, sagt Hans Hertle vom Institut für Energie- und Umweltforschung (IFEU) in Heidelberg, der beispielsweise auch Erlangen in Sachen Klimaneutralität beraten hat.

    "Eigene Gebäude verursachen meistens zwei Drittel der ganzen CO2-Emissionen", erklärt Hertle. Dann kommt die ganze Beschaffung, Mobilität, bis hin zur Frage, wie kommen die Leute zur Arbeit et cetera. Es wird dann immer filigraner und komplizierter."

    Nahverkehr, Fuhrpark, Recyclingpapier

    Vom Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs über die Elektrifizierung des städtischen Fuhrparks bis hin zum Recyclingpapier in der kommunalen Verwaltung: Alles zählt, wenn der CO2-Ausstoß drastisch reduziert werden soll. Auch in Ingolstadt, das erst im Sommer 2022 mit einem fast einstimmigen Stadtratsbeschluss den Weg politisch freigemacht hat, bis 2035 klimaneutral zu werden.

    "Die, die interessiert sind, müssen einfach nachvollziehen können: Was macht die Stadt? Was bringt welche Maßnahme?", sagt Petra Kleine (Grüne), die dritte Bürgermeisterin von Ingolstadt. "Dazu werden wir nächstes Jahr einen Klimarat einrichten, in dem die Bürgerinnen und Bürger, Wissenschaft und Wirtschaft uns sagen, 'da hätte noch was passieren können' oder 'wir sind auf einem guten Weg'." Vorher soll bereits eine "Energiekarawane" durch die Stadt ziehen und die Bürgerinnen und Bürger ganz konkret beraten, mit welchen einfachen Maßnahmen sich vorrangig fossile Energien und damit auch CO2 einsparen lassen.

    Weg zur Klimaneutralität ist holprig

    In Erlangen hat ein Bürgerrat für den "Fahrplan Klima-Aufbruch" bereits 41 konkrete Vorschläge gemacht. Dass der Stadtrat Ende Oktober nur 14 konkrete Maßnahmen und einen eher symbolischen "Stadtvertrag Klima" verabschiedet hat, geht vielen Klimaaktivisten nicht weit genug.

    Oder München: Hier steht das ausgemachte Klimaziel 2035 ganz auf der Kippe. Wie ein Fachgutachten offengelegt hat, geht der klimaneutrale Stadtumbau nicht schnell genug voran. Darin steht klipp und klar, dass es kaum möglich sein wird, innerhalb von zwölf Jahren, ausschließlich auf erneuerbare Energien zurückgreifen zu können. Auch die Dämmung und Sanierung von Gebäuden sei bis dahin kaum möglich, weil es an genügend qualifizierten Klima-Handwerkern fehle.

    Handwerker: Dringend gesucht

    Im oberbayerischen Ingolstadt ist die dort ansässige Industrie für etwa die Hälfte der gesamten CO2-Emissionen auf dem Stadtgebiet verantwortlich. Auch die viel befahrene A9 schlägt negativ zu Buche. Dennoch sieht die Stadtregierung, beispielsweise den Automobilhersteller Audi als konstruktiven Partner, schließlich möchte das Unternehmen selbst schon 2026 klimaneutral werden. Innovationsbedarf gibt es nach eigenen Angaben eher bei den ansässigen kleinen und mittelständischen Betrieben. Hier soll durch intensive Beratung nachgeschärft werden.

    Auch wenn die Stadtgesellschaft bis 2030 etwa 1,5 Milliarden Euro in den klimaneutralen Umbau von Ingolstadt investieren muss, ist Geld nicht das zentrale Problem. Ein konkretes Klimaziel könne auch Jobmotor sein, sagt Bürgermeisterin Kleine. Aber auch hier hänge alles von qualifizierten Klima-Technikern ab. "Da sind dann die Bauwirtschaft und das Handwerk gefragt. Im Grunde ist das der Flaschenhals, durch den wir unsere Klimaschutzziele kriegen müssen."

    Der Bedarf an solchen Fachkräften sei bei der Umsetzung kommunaler Klimaziele nicht zu unterschätzen, mahnt auch Hertle vom Heidelberger IFEU-Institut, der 2022 einen Leitfaden zur klimaneutralen Kommunalverwaltung erstellt hat. Entsprechende Ausbildungsschwerpunkte müssen also Teil des Klimafahrplans sein.

    Beratung für bayerische Kommunen: LENK

    Ob eine Kommune die Klimaneutralität 2030, 2035 oder noch später erreicht - eine Urkunde gibt es Stand jetzt am Ende nicht und auch keinen Klima-TÜV, der ein Siegel vergeben könnte. In Bayern erfolgt das Controlling über die Landesagentur für Energie und Klimaschutz (LENK). Hier können sich Städte, Gemeinden und Landkreise mit Informationen sowie Zahlen eindecken und sich vernetzen. Alles freiwillig, denn Klimaschutz ist immer noch keine Pflichtaufgabe für die jeweiligen Stadtregierungen.

    Erlaubt, aber umstritten: CO2-Kompensation

    Auch wenn die Reduzierung von CO2 konsequent umgesetzt wird, könnte es am Ende für viele Kommunen trotzdem nicht reichen, um rechnerisch bei null zu landen. Gerade Großstädten fehlt es an üppigen Wäldern, die als "Kohlenstoffsenken" (um CO2 zu binden) genutzt werden müssten.

    Während sich Unternehmen allzu oft durch CO2-Kompensation ihre Klimaneutralität erkaufen, dürfen Kommunen ihre Bilanzen nicht so einfach mit CO2-Zertifikaten schönrechnen. "Kompensationsmaßnahmen sind nur dann gestattet, wenn alle technischen anderen Möglichkeiten ausgenutzt worden sind, um die Treibhausgasemissionen zu senken", sagt Barbara Metz von der Deutschen Umwelthilfe (DUH).

    Tatsächlich ist beispielsweise die Aufforstung als schnelle Kompensationsmaßnahme höchst umstritten, da Bäume erst nach zehn Jahren damit beginnen, CO2 wirklich zu binden, und es vorher sogar über die Wurzeln ausleiten. Außerdem bleibt immer fraglich, wie viele der gesetzten Bäumchen tatsächlich überleben. Hertle vom IFEU-Institut hat die Möglichkeit der Kompensation gar nicht erst in seinen kommunalen Leitfaden aufgenommen: "In bis zu zehn, 15 Jahren alle Gebäude auf null [zu] bringen, das ist eine Riesenaufgabe und die Kompensation lenkt dann nur ab."

    Besser: Regionale CO2-Zertifikate

    In Ingolstadt hat sich die Stadtregierung diese Option zumindest mal offengehalten. Sollte CO2-Kompensation tatsächlich stattfinden, möchte man allerdings nicht – wie üblich – durch gekaufte Zertifikate im globalen Süden kompensieren, sondern die regionale Variante wählen.

    "Da ist die Moor-Renaturierung, hier in der Region, ein ganz, ganz großes Thema", sagt Bürgermeisterin Kleine, "und da entwickeln wir gerade gemeinsam mit Landkreisen Zertifikate für ein CO2-Kompensationsprojekt." Der Fokus – und das gilt für alle klimaneutralen Ziele bayerischer Stadtverwaltungen – muss aber nach wie vor auf der drastischen Reduzierung von klimaschädlichen Treibhausgasen vor Ort liegen.

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