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Als ursprünglich natürlicher See dient der Walchensee seit 1924 auch als Wasserspeicher.

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"Klima-Resilienz": So könnte Bayern der Erderwärmung trotzen

Wetterextreme nehmen zu. Daher müssen Städte widerstandsfähiger gegenüber dem Klimawandel gemacht werden. Wissenschaftler suchen nach Lösungen: Künftig könnten Straßenfarben, Klimavorhersagen und Bäume mit Wasserbecken eine ganz neue Rolle spielen.

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Von
  • Katharina Pfadenhauer

Flüsse und Bäche treten über die Ufer, Sturzfluten setzen Städte und Dörfer unter Wasser. Hitzeperioden stressen Gesundheit und Umwelt und sorgen für Dürren. BR24 hat mit drei Klimaexperten über künftige Probleme, neueste Forschungsansätze und innovative Lösungen gesprochen.

Klima-Resilienz-Forschung: Das sind die Experten

Klimaforscher empfehlen, Städte und Gemeinden "klimaresilienter" zu gestalten, sie also widerstandsfähiger gegenüber Hitze und Überschwemmungen zu machen. In der Bildergalerie stellen wir die drei Experten vor.

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Georg Johann ist Hydrologe und Meteorologe sowie Geschäftsführer des Deutschen Hochwasser-Kompetenz-Centrums.

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Prof. Helmut Grüning ist Institutsleiter für Wasser, Umwelt und Infrastruktur an der FH Münster.

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Prof. Harald Kunstmann ist stv. Institutsleiter Klimaforschung am Campus Alpin d. KIT & Direktor des Zentrums für Klimaresilienz d. Uni Augsburg.

Aktuelle Forschung: Kombination aus Hochwasser- und Dürreschutz

In der Vergangenheit habe man vor allem versucht, Wasser aus Städten, Feldern und Wäldern fernzuhalten, es also schnellstmöglich abzuleiten, sagt Professor Kunstmann vom Zentrum für Klimaresilienz der Uni Augsburg. Bei Hitzeperioden fehle dieses Wasser dann aber. Mit einem interdisziplinären Team arbeitet er deshalb an Kombinationslösungen aus Hochwasser- und Dürreschutz.

Hierbei forschen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einerseits an Wasserspeicher- und Versickerungsideen, andererseits an einer besseren Klimavorhersage. Solche Wasserspeicher könnten hohe Pegelstände abfedern, Wasser sammeln und es während Hitzeperioden wieder abgeben.

Bessere Voraussagen für die Entwicklung des Wetters

Für ein derart kombiniertes "Niedrigwasser-Hochwasser-Management" brauche es aber auch bessere Klima-Prognosen, sagt Hydrologie-Professor Kunstmann. "Genau daran arbeiten wir aktuell: Wie viel Niederschlag erwartet man in mittelfristiger Zukunft oder wie lange könnte eine Trockenphase dauern."

Ein Problem sei nämlich, dass viele Berechnungen aufgrund des sich sehr stark ändernden Klimas nicht mehr aktuell seien. "Weil wir eine laufende Erwärmung haben." Kunstmann möchte über die klassische 10-Tages-Wettervorhersage hinaus die saisonalen Vorhersagen verbessern. Nur die erlauben es, Wetterextreme Wochen bis Monate im Voraus zu erkennen.

Solche Vorhersagen sollen laut Kunstmann vor allem Planungssicherheit geben: "Ich muss ja steuern: Soll ich Wasser ablassen, weil ich eine anormal feuchte Periode erwarte oder soll ich Wasser speichern aufgrund einer anormal trockenen Periode".

Schwammstädte halten Wasser zurück und speichern es

Ähnliches versuchen Wissenschaftlerinnen und Städteplaner bereits mit sogenannten Schwammstädten zu realisieren. Ein Konzept, bei dem Retentionsräume, eine Art Wasserspeicher, angelegt werden, erklärt Georg Johann vom Hochwasser-Kompetenz-Centrum.

"Das sind Räume, in denen das Wasser gestaut und zurückgehalten wird, zum Beispiel kleine Teiche, Seen oder Muldensysteme hinter Häusern und Bushaltestellen." Denn aufgrund der Bodenversiegelung durch Häuser, Straßen und Parkplätze habe das Wasser immer weniger Möglichkeiten abzufließen.

Professor Grüning von der FH Münster plädiert in diesem Zusammenhang für multifunktionale Flächen wie kleine Parks, Sportanlagen, Spielplätze oder Parkplätze. "Dort kann man das Wasser gezielt hinleiten", empfiehlt Grüning, "da richtet es keinen großen Schaden an und nach dem Regen leitet man es wieder ab."

Grüne Städte schützen vor extremer Hitze

Um Hitze-Inseln vor allem in den Städten zu vermeiden, sollten auch wieder mehr Pflanzen und Bäume in den Siedlungsgebieten wachsen, fordert Grüning. "Wir müssen wieder mehr den Wert eines Baumes erkennen, der ja auch CO₂ bindet und Sauerstoff abgibt, aber auch Städte kühlen kann." Fassaden- und Dachbegrünungen sowie Parkplatzbepflanzungen wären eine Lösung, schlägt Grüning vor.

An seinem Institut entwickelt er gerade spezielle Baumrigolen, eine Kombination aus Baum, Wasserrückhaltebecken und Bewässerungssystem: "Wenn man einen Baum pflanzt, baut man gleich den Speicher drum herum und kann dadurch schon mal die Überflutungsspitze reduzieren." Bei Hitzeperioden könnten diese Speicher dann Pflanzen bewässern.

Baumrigolen ließen sich Grüning zufolge sehr gut auf Parkplätzen anordnen. "Denn über den Rigolen liegt ein Gitter, das heißt, dass sie theoretisch mit dem Auto bis an den Baum heranfahren können, dann haben sie keinen großen Verlust an Parkplatzfläche." Positiver Nebeneffekt: Durch Verdunstungsprozesse und Beschattung würden die Bäume zusätzlich für Kühlung in den Städten sorgen.

Hochwasserpass: Eigenvorsorge für Häuser

Georg Johann vom Deutschen Hochwasserkompetenz-Centrum rät Hausbesitzerinnen und Hausbesitzern, sich einen Hochwasserpass zuzulegen. "Um zu schauen, wie ist mein Haus durch Überflutungen gefährdet - durch Starkregen, Grundwasser, Flusshochwasser oder Kanalrückstau."

Der Hochwasserexperte rät darüber hinaus, das Haus bei Bedarf umzurüsten und hochwassersicher zu machen: "Gibt es eine bodennahe Tür, gibt es Kellerfenster, Lichtschächte. Das müssten Sie versuchen, mit druckdichten Türen oder Fenstern abzudichten." Keller ließen sich mit speziellen Wannen oder Folien auskleiden.

Außerdem sollten Zugänge zum Haus möglichst im Hochparterre angelegt werden, damit das Wasser weg und nicht zum Haus fließe, gibt Johann zu bedenken. Um das Haus herum lieber Versickerungsflächen anlegen statt Steingärten.

Straßen und Schienen: Blow-ups und Deformierungen

Bahntrassen seien oftmals viel zu nah an Gewässern gebaut, kritisiert Georg Johann zudem. "Man hat halt nicht daran gedacht, dass das Wasser Bahntrassen überschwemmen kann und die Standsicherheit ins Wanken bringt." Auch müssten Gleise so konzipiert werden, dass sie sich bei großer Hitze nicht verformen.

Bei Straßen seien vor allem sogenannte Blow-ups und Spurrillen ein Problem. Man müsse sich überlegen, Straßen heller zu gestalten, schlägt Professor Grüning von der FH Münster vor. Denn während dunkle Oberflächen Licht absorbieren, würden helle Flächen es reflektieren. "Deshalb sind die Gebäude im Mittelmeerraum oft weiß gestrichen."

Dunkler Asphalt heize sich also schnell auf, speichere die Hitze und gebe sie zeitverzögert ab. Eine Lösung könnte sein, Split aus hellerem Gestein in die Fahrbahndecken zu mischen.

Klimawandel verstehen: "CO₂-Ausstoß für drei Erden"

Grundsätzlich werde es in Zukunft häufiger und stärker regnen, aber auch immer wieder längere Trockenphasen und Hitzeperioden geben, sagen die Experten. Grund dafür sei die Erderwärmung. Und die hänge mit der inzwischen sehr hohen CO₂-Konzentration in der Atmosphäre zusammen.

Denn das Klimagas CO₂ sorge dafür, dass "die Wärme von der Erde nicht zurück ins Universum abgestrahlt werden kann", erklärt Umwelt-Professor Helmut Grüning. Gemessen werde die CO₂-Konzentration in "parts per million" (ppm) und die sei in unserer Atmosphäre von 280 ppm der vorindustriellen Zeit auf inzwischen 400 ppm gestiegen.

In der westlichen Welt nutzen wir aktuell so viele Ressourcen, dass wir über drei Erden bräuchten, bilanziert Grüning. "Wir im mitteleuropäischen Raum leben auf Kosten anderer, damit können wir uns doch nicht zufriedengeben." Nur wenn wir unsere Städte und Landschaften fit machen und wenn wir dauerhaft umdenken, können wir uns Grüning zufolge gegen die Auswirkungen des Klimawandels schützen.

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