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Zu Spitzenzeiten sind 30 Corona-Patienten gleichzeitig im Wertinger Krankenhaus behandelt worden. Eine Herausforderung, für das kleine Krankenhaus. Finanziell – wie auch für die Mitarbeiter.

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Kleine Krankenhäuser: Corona sorgt für höhere Defizite

Zu Spitzenzeiten sind 30 Corona-Patienten gleichzeitig im Wertinger Krankenhaus behandelt worden. Eine Herausforderung für das kleine Krankenhaus. Sowohl finanziell als auch für die Mitarbeiter. Und noch ist die Pandemie nicht vorbei.

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Von
  • Judith Zacher

Es komme ihm vor, als sei es sehr, sehr lange her – als das angefangen habe mit Corona, sagt Werner Schauer, Krankenpfleger im schwäbischen Wertingen. Er hält kurz inne: "Es ist so viel passiert in der Zeit." Seine erste Corona-Patientin war eine Frau, die vom Skiurlaub aus Ischgl zurückgekommen ist. Eigentlich sei es ihr zunächst recht gut gegangen, dann über Nacht habe sie Atemnot bekommen. "Sie musste auf die Intensivstation. Das ist typisch für Corona, diese plötzliche Verschlechterung. Wir haben große Angst gehabt, aber sie hat es geschafft", erzählt Werner Schauer.

"Die haben uns überrollt"

Seit 45 Jahren arbeitet Schauer im Wertinger Krankenhaus. Ein "Urgestein" – wie er sich selbst bezeichnet. Seit 37 Jahren leitet er die Pflege auf Station zwei, auf der Inneren. In den vergangenen Monaten war das die Corona-Station. "Das hätte ich mir nie vorgestellt, dass ich das mitmachen muss – eine Pandemie. Aber eine Pandemie gibt es eben alle 100, 150 Jahre. Uns hat es halt erwischt, wir sind mittendrin. Es hat sich viel verändert – für alle", sagt der 62-Jährige.

Anfangs hat man die Patienten in Einzelzimmern untergebracht. Für die Pflegerinnen und Pfleger hieß das: Vor und nach Betreten jedes Zimmers komplett die Schutzkleidung zu wechseln. Als es immer mehr Patienten wurden, ging das nicht mehr. "Die haben uns überrollt", sagt Schauer. "Wir haben dann Schleusen eingebaut." Es gab eine "reine Seite", dort hat das Personal Schutzkleidung angezogen, ist auf die "Corona-Seite", wo zeitweise bis zu 30 Patientinnen und Patienten gleichzeitig behandelt wurden. Dafür wurde der Altbau des Wertinger Krankenhauses reaktiviert. 49.000 Euro hat der Umbau gekostet. Zum Glück habe der Förderverein des Krankenhauses 20.000 Euro davon übernommen, sagt Pflegedienstleiterin Susanne Marpoder. Denn Corona hat das Defizit des kleinen Wertinger Krankenhauses noch vergrößert.

Wegen Corona: Viele verschobene Operationen

Wie groß das Defizit genau sein wird, das steht derzeit noch nicht fest. Die Berechnungen gestalten sich komplex. Da sind zum einen die Zahlungen, die für die Behandlung der Covid-Patienten geleistet werden. Zum anderen Ausgleichszahlungen für die Betten, die freigehalten werden mussten und für die verschobenen oder abgesagten Operationen. Bis Mai 2021 waren das allein in Wertingen 772, im dazugehörigen Dillinger Krankenhaus mehr als 1.000.

Die Zahlungen, die geleistet wurden, waren von verschiedenen Faktoren abhängig – das Berechnungsverfahren wurde während der Pandemie auch mehrfach geändert. Ob eine Klinik überhaupt Anspruch darauf hatte, war zeitweise abhängig von der Inzidenz und der Auslastung der Intensivbetten. Die Höhe der Zahlungen wurde auf Basis der Einnahmen von 2019 berechnet. Deshalb bekämen kleine Krankenhäuser, die vor allem der Grundversorgung dienten, weniger Geld als spezialisierte Häuser, bei denen teurere Operationen durchgeführt würden, so Pflegedienstleiterin Marpoder.

Seit Juli gebe es gar keine Erstattungen mehr – dabei könne das Krankenhaus wegen der immer noch geltenden Abstandsregeln nicht alle Betten belegen. Die Erlösausfälle seien während Corona nicht aufgefangen worden und die Einnahmen würden so bald nicht zunehmen: Es sei illusorisch zu glauben, dass die stationären Patientenzahlen mittelfristig wieder auf das Niveau von 2019 steigen würden, so die Geschäftsführerin der Kreiskliniken Dillingen-Wertingen, Sonja Greschner.

Kleine Krankenhäuser mit großer Bedeutung

Dabei wäre es ohne die kleinen Krankenhäuser schwierig gewesen, alle Covid-Patienten unterzubringen, die eine stationäre Behandlung brauchten. Das Wertinger Krankenhaus hat auch Patienten umliegender Krankenhäuser aufgenommen, wenn es dort keine Kapazitäten mehr gab, etwa des Augsburger Uniklinikums. 250 Covid-Patienten wurden seit Beginn der Pandemie im Wertinger Krankenhaus behandelt: bis zu 30 gleichzeitig, in einem Haus mit insgesamt 117 Betten.

Auch für das Pflegepersonal war das eine Herausforderung. "Es war unglaublich anstrengend", sagt Werner Schauer. Zum einen physisch: "Heiß war es in der Schutzkleidung, das viele An- und Auskleiden hat Zeit gekostet." Und natürlich: psychisch. "Erst waren es viele Ältere, die ins Krankenhaus kamen." Viele hat Schauer gekannt, viele waren ehemalige Patienten von ihm. Er hat sie gepflegt – oft bis zum Tod. "Das war sehr traurig, sie zu begleiten. Wir mussten eine zusätzliche Kühlzelle für die Toten anschaffen."

Auch jüngere Patientinnen und Patienten

Die Sterberate im Krankenhaus sei um 25 Prozent gestiegen. Im Wertinger Altenheim ist etwa die Hälfte der Senioren an oder mit Corona gestorben. "Man kann jetzt sagen, die wären sowieso gestorben. Aber die waren 80, 90 Jahre alt und die hätten noch einige Jahre vor sich gehabt," sagt Pfleger Schauer. Ein Patient sei "total fidel" gewesen, oft mit dem Rad gefahren. "Der war richtig gut beieinander!" Dann sei er auf die Corona-Station gekommen mit hohem Fieber. Schnell und ganz plötzlich sei er dann gestorben.

Aber es gab auch Jüngere: Schauer erinnert sich an einen 17-Jährigen, der auf die Intensivstation musste. "Zum Glück hat er es geschafft, genauso wie ein anderer junger Mann. Der musste auch künstlich beatmet werden." Dem sei es sehr schlecht gegangen. Am Schluss sei er mit dem Rollator aus dem Krankenhaus gegangen. "Das ist auch Corona, ganz furchtbar." Oder eine Frau, 48 Jahre alt: "Die griff auf dem Weg zur Intensivstation zum Handy und rief ihren Mann an, um sich zu verabschieden. Sie wusste nicht, ob sie ihn wiedersehen würde. Es durfte ja kein Besuch kommen ins Krankenhaus."

Langsam geht es jetzt Richtung Normalität

Die Schleusen im Krankenhaus sind wieder abgebaut – die Erinnerungen aber bleiben. Trotz allem ist Werner Schauer froh, dass sie es alle gut überstanden haben. Etwa jeder Dritte in seiner Abteilung war Corona-positiv, trotz aller Vorsichtsmaßnahmen. "Wenn man vier, fünf Stunden in den Patientenzimmern gewesen ist, war die Viruslast wohl zu hoch", vermutet Schauer. Er selbst war wegen einer Covid-19-Erkrankung vier Wochen zuhause, ihm ging es sehr schlecht. Das Schlimmste sei für ihn aber gewesen, dass er an Weihnachten an Corona erkrankt war: Seit 30 Jahren macht er an Heiligabend Dienst, das liebt er. Vergangenes Jahr ging das nicht.

Schauer würde sich wünschen, dass sich die Rahmenbedingungen in den Kliniken verbessern: Weniger Bürokratie und mehr Personal, das wäre gut. Falls wieder Covid-Patienten ins Wertinger Krankenhaus eingeliefert würden, seien sie bereit. Denn er ist sich sicher: "Vorbei ist die Pandemie noch nicht."

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