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Kitas und Corona: Wie streng sollen die Regeln sein? | BR24

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Eine Mutter äußert sich zu der aktuellen Kita-Situation

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Kitas und Corona: Wie streng sollen die Regeln sein?

Kinder sind nach aktuellem Kenntnisstand keine Pandemie-Treiber. Auch deshalb belasten die Corona-Vorschriften in Kitas viele Eltern. Sind die Maßnahmen verhältnismäßig? Die Virologin Ulrike Protzer warnt: Jetzt ist nicht die Zeit für Lockerungen.

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Es geht los, wenn der erste Nebel kommt. Vom Herbst bis zum Frühling hat Stefanie Bergmeiers Tochter so gut wie durchgehend eine Schnupfennase. Das stellt die Familie aus Olching vor Probleme: Denn im Landkreis Fürstenfeldbruck gelten seit letzter Woche neue Regeln für den Kita-Betrieb. Selbst wenn Kinder nur leicht erkältet sind und kein Fieber haben, müssen sie einen negativen Corona-Test vorlegen. Absurd, findet Bergmeier: "Damit ich kontinuierlich nachweisen kann, dass sie kein Corona hat, müsste ich sie ja fast täglich testen lassen."

Weil die Kita die Gruppen verkleinern will, muss die Tochter wechselweise eine Woche zuhause bleiben. Dabei setzt ihr die Corona-Zeit ohnehin zu: Sie schläft wieder öfter bei den Eltern im Bett, hat Angst vor Veränderung. Stefanie Bergmeier, Vollzeit berufstätig, bringt das in ein Dilemma. "Auf der einen Seite möchte ich für meine Kinder da sein, auf der anderen habe ich eine Verantwortung meinem Arbeitgeber gegenüber", sagt sie. "Der Spagat ist auf lange Sicht nicht machbar."

Landrat verteidigt strenge Schnupfen-Regelung

Im Vorzimmer des Landrats Thomas Karmasin häufen sich die Papierstapel: Zuschriften wütender Eltern, die die verschärften Regeln nicht verstehen können. Für den Unmut hat er zwar Verständnis. Angesichts hoher Infektionszahlen sei es aber anders nicht möglich. "Die anderen Kinder und deren Eltern würden sich schön beklagen, wenn das dann doch Corona war. Es ist sehr umständlich, aber aus meiner Sicht infektionsschutzmäßig nicht anders zu verantworten." Er versichert, es gebe ausreichend Testmöglichkeiten: Kinder könnten noch am selben Tag ihre Ergebnisse erhalten. Die Regelung in Fürstenfeldbruck gilt vorerst bis Ende Oktober.

Ähnliche Regeln gelten etwa im Landkreis Starnberg und im Landkreis München – hier wird allerdings auch ein ärztliches Attest als Alternative zum Corona-Test akzeptiert. In den meisten Einrichtungen in Bayern sind die Maßnahmen lockerer. Es würden nicht flächendeckend negative Corona-Tests verlangt, heißt es vom bayerischen Sozialministerium – sondern nur dort, wo es die Gesundheitsämter für nötig halten.

Erzieher müssen in München Masken tragen

In der Stadt München, derzeit tiefrot, befindet man sich vorerst weiterhin auf Stufe 2. Das heißt, die Erzieher müssen Masken tragen und es sind feste Gruppen vorgesehen. Kinder ohne Fieber dürfen auch mit leichten Erkältungssymptomen weiter in die Kita. Viele Eltern kommen damit gut zurecht. Sie sind froh, dass der Betrieb überhaupt läuft und halten die Einschränkungen für zumutbar.

Gesundheitsökonom hält Vorgehen für "angstgetrieben"

Der Gesundheitsökonom Eckhard Nagel von der Uni Bayreuth hält die abgestuften Corona-Regeln in den Kitas prinzipiell für gut. Bei Schnupfen ohne Fieber gleich einen Corona-Test zu verlangen, sei aber unsinnig. "Das ist ein Stück angstgetrieben", sagt er. "Man kann durchaus sagen, dass es eine Verschwendung von Geld ist, wenn man Tests macht, die man nicht machen muss."

Der Epidemiologe Jon Genuneit vom Uniklinikum Leipzig sieht das anders. Angesichts steigender Infektionszahlen könne es notwendig sein, besonders vorsichtig zu sein. Zwar sei ein PCR-Test nur eine Momentaufnahme. "Aber es geht ja nicht um absolute Sicherheit, sondern um die Reduzierung von Infektionswahrscheinlichkeiten."

Kinder wohl keine Treiber der Pandemie – aber mehr Forschung nötig

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey sagte kürzlich, "dass die Kitas selbst keine Infektionsherde sind, und dass auch Kinder im Kita-Alter nicht die Infektionstreiber sind." In Bayern entdeckt man derzeit weniger Infektionsfälle bei Kindern als bei Teenagern und Erwachsenen. Laut LGL lag die Inzidenz bei 0-4-Jährigen kürzlich bei 40. Im Vergleich: Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen betrug sie über 130.

Doch die Zahlen könnten trügen, sagt die Virologin Ulrike Protzer. Weil Kinder oft nur wenig Symptome haben, fallen viele Fälle durchs Raster. "Deswegen ist es eigentlich sauberer, man guckt rückwärts und schaut, wie viele Kinder haben sich denn in der ersten Welle infiziert", sagt sie und verweist auf eine Antikörperstudie. "Da ist es so, dass sich doch 1,6 Prozent der kleinen Kinder infiziert haben, das sind genauso viel wie Erwachsene." Wie ansteckend Kinder selbst sind, dazu brauche es mehr Forschung, sagt Protzer. Jetzt sei nicht die Zeit für Lockerungen, warnt sie und kann die Vorsicht mancher Landkreise nachvollziehen.

Wie geht es mit der Kinderbetreuung weiter?

Angesichts steigender Infektionszahlen machen sich immer mehr Familien Sorgen um die Zukunft der Kinderbetreuung. Die Politik betont, die Kitas blieben so lang wie möglich offen. Im Landkreis Rottal-Inn müssen Kindergärten und Kindertagesstätten schließen. Im Berchtesgadener Land ist es schon dazu gekommen. Der Deutsche Kitaverband kritisierte das als "Aktionismus". Auch Anna Wildegger von "Familien in der Krise" hält das für unverhältnismäßig. "Wenn man sieht, dass sogar Spielplätze geschlossen sind, aber Gottesdienste weiterhin möglich sind, dann hat man nicht das Gefühl, dass sich Kitakinder auf Priorität Nummer 1 befinden", sagt sie. Die Initiative fordert, die Quarantänezeit zu verkürzen. Außerdem brauche es klarere Regeln für den finanziellen Ausgleich für Eltern im Quarantäne-Fall.

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