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Kitas in der Corona-Krise: Kritik am Drei-Stufen-Plan | BR24

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Was macht es mit Kindern, wenn Erzieherinnen und Erzieher in der Kita Maske tragen? Solange es dort weiterhin körperliche Nähe und Zuwendung gibt, sieht die Entwicklungspsychologin Margarita Stolarova darin keine allzu große Gefahr.

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Kitas in der Corona-Krise: Kritik am Drei-Stufen-Plan

Die Corona-Regeln stellen den Betrieb in vielen Kitas auf den Kopf. Welche Probleme sich für Erzieher, Eltern und Kinder ergeben – und was besonders umstritten ist.

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Was ist schwierig daran, in der Kita eine Maske zu tragen? Theresa Leissle fällt sofort ein Beispiel ein. Erst vor kurzem habe sich ein Kind beim Spielen verletzt und sei auf sie zugelaufen, erzählt die Erzieherin aus der "Kukita" in Milbertshofen. "Als ich die Maske aufgesetzt habe, ist das Kind abrupt stehengeblieben und war sofort verunsichert. So konnte ich nicht richtig gut trösten." Gerade in der Eingewöhnungsphase sei es nicht leicht, eine gute Beziehung zu den Kindern aufzubauen, wenn diese Mimik und Emotionen schlechter deuten können. Noch dazu wird in der Kita nicht mehr gesungen, aus Infektionsschutzgründen.

Der Drei-Stufen-Plan: Ein Ampelsystem für Kitas

Die Corona-Pandemie hat den Kita-Alltag verändert. Seit 1. September gilt der Drei-Stufen-Plan. Er soll den Kita-Betrieb am Laufen halten, aber gleichzeitig das Risiko für Infektionen senken und mögliche Ansteckungsketten nachvollziehbar machen. In Stufe grün gilt der normale Betrieb. In Stufe gelb sind feste Gruppen vorgesehen und die Erzieher müssen Mund-Nasen-Schutz tragen. In Stufe rot gelten verschärfte Regeln, je nach Vorgabe auch eine Notbetreuung. Abstand zu den Kindern halten müssen die Erzieher in keinem Fall, und Kinder bis sechs Jahre müssen auch keine Maske tragen. Für die Eingewöhnung dürfen die Eltern vor Ort sein, wenn auch mit Mund-Nasen-Schutz. Eine lokale Schließung von Einrichtungen kommt laut Familienministerium nur als letzte Möglichkeit in Betracht.

Familien kritisieren, es werde zu wenig ans Wohl der Kinder gedacht

Für viele sind die neuen Kita-Regeln nicht leicht. Manche Kinder verstehen die Erzieher wegen der Masken nur noch schwer. In einigen Kitas müssen Mütter und Väter ihre Kinder an der Tür abgeben, statt sie hineinzubegleiten. Eigentlich dürfen Kinder mit Schnupfennase weiter in die Kita, solange sie kein Fieber haben: Manche berichten, dass die Regeln sehr streng ausgelegt und Kinder nach Hause geschickt werden, wenn sie unter dem Fahrradhelm auf dem Weg zur Kita geschwitzt hätten.

Die Initiative "Familien in der Krise" sieht den Drei-Stufen-Plan kritisch. Infektionsschutz sei zwar wichtig, aber die Maßnahmen in Kitas unverhältnismäßig. "Bisher hat sich gezeigt, dass die Kinder eben nicht die Infektionstreiber sind", sagt Esther März, Mutter zweier Kinder. Trotzdem würde stark in die Rechte der Kinder eingegriffen, verglichen mit Regeln für Restaurants oder private Feste. Sie fordert eine Abschaffung der Maskenpflicht für Erziehende in Kitas oder zumindest Masken mit Sichtfenster.

Entwicklungspsychologin plädiert für mehr Gelassenheit

Was macht es mit Kindern, wenn Erzieherinnen und Erzieher in der Kita Maske tragen? Solange es dort weiterhin körperliche Nähe und Zuwendung gibt, sieht die Entwicklungspsychologin Margarita Stolarova darin keine allzu große Gefahr. Kinder würden sehr unterschiedlich auf die Maske reagieren – abhängig sei das etwa vom Alter, aber auch vom Charakter und der Vertrautheit mit der Kita. "Kinder, die generell weniger ängstlich und lockerer sind, werden damit weniger Probleme haben als ängstlichere, vorsichtigere Kinder", sagt sie. Gut sei am Drei-Stufen-Plan, dass eine Eingewöhnungsphase mit Eltern vorgesehen ist und weiter Körperkontakt möglich ist. Außerdem biete der Plan genug Spielraum für individuelle Regelungen – etwa, die Bring- und Abholzeiten zu entzerren oder bei manchen Kindern Übergaben im Freien zu ermöglichen.

Neuinfektionen als Orientierung – aber kein Automatismus

Als Richtwert für den Drei-Stufen-Plan gilt, wie viele neue Infektionen über die letzten sieben Tage pro 100.000 Einwohner in einem Landkreis oder einer kreisfreien Stadt hinzugekommen sind, die sogenannte 7-Tage-Inzidenz. Stufe 2 kann ausgerufen werden, wenn über 35 neue Fälle auftreten, Stufe 3 bei über 50 Fällen. Allerdings passiert das nicht automatisch, die Entscheidung über Maßnahmen trifft das jeweilige Gesundheitsamt. Stufe 2 war im neuen Kita-Jahr etwa bereits in München, Würzburg, Landshut und Memmingen in Kraft.

Verschiedene Städte haben die kritische Marke für Corona-Neuinfektionen in letzter Zeit geknackt – allerdings, ohne gleich die dritte Stufe einzuleiten. Etwa in der Stadt Würzburg: Dort gilt Stufe 2 in den Kitas, das Infektionsgeschehen befinde sich "derzeit nicht in der Gruppe der Kinder und Jugendlichen", so das Landratsamt. Auch in der Stadt Rosenheim gilt ab heute nur Stufe 2. Da unter den Neuinfizierten viele Reiserückkehrer seien, bräuchte es keine übermäßigen Beschränkungen.

Eltern verzweifelt: "Wir hängen gerade in der Luft"

"Familien in der Krise" hält die 7-Tage-Inzidenz für das falsche Kriterium. Die Initiative fürchtet, dass die Gesundheitsämter zu pauschal vorgehen und lieber mehr als weniger Einschränkungen verhängen, um auf der sicheren Seite zu sein. In München sind die Kitas heute zwar noch offen. Einige bereiten sich aber schon auf eine plötzliche Schließung vor. Wird der Grenzwert überschritten, können die zuständigen Ämter Maßnahmen ergreifen. Esther März hat Angst, dass ihr die Kinderbetreuung bald erneut wegbricht. Die Großeltern wohnen nicht in München, die Urlaubstage sind längst aufgebraucht. "Wir hängen gerade in der Luft", sagt sie.

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