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Kita-Wahnsinn in München: Erzieherinnen verzweifelt gesucht | BR24

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Eine Erzieherin kümmert sich um Kinder

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Kita-Wahnsinn in München: Erzieherinnen verzweifelt gesucht

Seit 2013 haben Familien in Bayern Anspruch auf einen Betreuungsplatz für ein- bis dreijährige Kinder. Ist aber eine Kita gefunden, fehlen Erzieher. Das hat eine Elterninitiative aus München erlebt. Auf ihre Anzeige meldete sich über Monate niemand.

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Erzieherin Claudia Popfinger sitzt mit drei Kindern auf der breiten Fensterbank des Kinderladens Perlach in München. Die Kinder spielen mit Puppen, Claudia Popfinger schaut ihnen zu. Seit 15 Jahren arbeitet die 47-Jährige in der Kindertagesstätte und sie liebt ihren Job, "weil ich hier alles verbinden kann, was ich gerne und gut mache".

Nun zieht die 47-Jährige zurück ins Allgäu, zu ihrer Familie. Im Oktober vergangenen Jahres hat sie den Eltern der Kita-Kinder angekündigt, dass sie im August dieses Jahres aufhört. Seitdem haben die Eltern eine Nachfolgerin gesucht. Bis vor drei Wochen ohne Erfolg. "Das war eine ganz furchtbare Situation", beschreibt Claudia diese Zeit.

"Man ist ganz hin und her gerissen, weil man weiß, wenn man niemanden findet, muss hier zugemacht werden und das möchte man nicht verantworten." Claudia Popfinger, Erzieherin

Ein Jahr Suche ohne Erfolg

Sabrina Wurzbacher findet es schade, dass Erzieherin Claudia die Kita verlässt. Schon ihr älterer Sohn wurde von Claudia betreut. Aktuell geht der dreijährige Theo in den Kinderladen Perlach.

Fast ein Jahr Zeit, um eine Nachfolge zu finden. Das sollten wir schaffen, dachte Sabrina Wurzbacher, "aber da kam wirklich schnell Ernüchterung auf." Denn es meldete sich monatelang niemand auf die Anzeige.

"Wir dachten: was machen wir im Herbst, wenn tatsächlich keiner auftaucht?" Sabrina Wurzbacher, Mutter

Die Eltern schalteten Anzeigen in der Zeitung, hingen die Stellenausschreibung im Supermarkt aus, verbreiteten sie über die sozialen Medien. Erst Anfang August fand sich dann doch eine Erzieherin, die den Aushang im Supermarkt gesehen hatte. Sie kam zum Vorstellungsgespräch und unterschrieb den Vertrag. "Das war wirklich eine große Erleichterung", sagt Sabrina Wurzbacher.

Familienministerium sieht keinen Mangel

Die Eltern in München hatten Glück. Denn bis 2023 fehlen in Bayern etwa 30.000 Erzieherinnen und Kinderpflegerinnen, schätzt das Familienministerium. Von einem Mangel möchte Ministerin Kerstin Schreyer aber nicht sprechen.

"Wenn man seriös recherchiert, haben wir in weiten Teilen Bayerns keinen Mangel. Wir haben Bedarfe im Großraum München und diese Bedarfe sind zurecht da und diesen müssen wir begegnen", erklärt die Ministerin.

Stadt und Land suchen Erzieherinnen

Doch auch auf dem Land fehlen Erzieherinnen, zum Beispiel in der Kindertagesstätte Unterroth im Landkreis Illertissen. Für Leiterin Sabrina Nather gestaltet sich die Suche nach einer Fachkraft als schwierig bis unmöglich. Zwar bewerben sich Frauen auf die offene Stelle, aber meistens sind sie fachfremd, sagt Sabrina Nather.

"Bei der letzten Bewerbungsrunde waren viele Grundschullehrerinnen aus Rumänien oder Ungarn dabei, die sich hier qualifizieren und weiterbilden wollen. Aber die können wir nicht als Erzieherinnen einstellen." Sabrina Nather, Leiterin Kindertagesstätte

Dafür fehlt ihnen die vorgeschriebene pädagogische Ausbildung. Diese Bewerberinnen könnten höchsten als Kinderpflegerin eingesetzt werden. Was aber vor allem gebraucht wird sind Erzieherinnen. Denn nur diese pädagogischen Fachkräfte dürfen eine Kindertagesstätte leiten.

Eine endlose Suche nach Erzieherinnen

Ab November haben die Eltern vom Kinderladen Perlach eine neue Leitung für ihre Kita. Zwei Monate müssen sie mit Aushilfen oder durch Elterndienste überbrücken. Sabrina Wurzbacher kann dank dieser Aussicht erst einmal aufatmen.

"Obwohl ein Stein vom Herzen fällt, ist einer noch da", sagt sie. Denn nächstes Jahr geht die aktuelle Kinderpflegerin weg. Sie lässt sich zur Erzieherin weiterbilden. "Was wir großartig finden und unterstützen. Aber das heißt, wir suchen im laufenden Jahr wieder eine Kinderpflegerin. Also, man ist nie so richtig entspannt, sondern es geht einfach immer weiter. Das ist echt zermürbend", beschreibt Sabrina Wurzbacher.

Und sie sieht noch ein Problem:

"Wir haben jetzt jemanden gefunden. Das heißt aber auch, dass an einer anderen Stelle wieder jemand fehlt. Also, sie geht ja woanders weg. Das Problem löst sich ja nicht nur, weil wir Glück hatten." Sabrina Wurzbacher, Mutter

Imagewechsel für den Beruf der Erzieherin

Um dem chronischen Mangel an pädagogischen Fachkräften entgegen zu wirken, wünscht sich Erzieherin Claudia Popfinger ein besseres Image für den Beruf.

"Die Gesellschaft soll aufhören diesen Beruf 'madig' zu reden. Früher hatte man keine Anerkennung. Man war die kaffetrinkende Basteltante, die den ganzen Tag bei Sonnenschein draußen genießen kann. Heute ist man das bedauernswerte Geschöpf, das sich mit verrückten Eltern und verhaltensauffälligen Kindern rumplagen muss. Das stimmt nicht!" Claudia Popfinger, Erzieherin

Es sei ein sehr vielfältiger Beruf, in dem man alle seine Talente einbringen könne, so Claudia Popfinger.

Sabrina Wurzbacher stimmt ihr zu: "Es mangelt bei uns an einer Wertschätzung für die Menschen, die unsere Kinder erziehen, also das finde ich verrückt und das muss sich ändern."

Denn wenn der Beruf attraktiver werde, meinen die beiden Frauen, er eine bessere Ausbildung, mehr Anerkennung und mehr Gehalt in Aussicht bekäme, würden sich vielleicht auch mehr dazu entscheiden, Erzieherin und Erzieher zu werden.

© picture alliance

Kind mit Gießkanne.