Szene aus der Kinderkrippe "Insel Titiwu".
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Der Fachkräftemangel in Kindertagesstätten hält weiter an.

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Kita-Streik: Warum es nicht nur um Geld geht

Weil sich Verdi und die kommunalen Arbeitgeber noch nicht auf einen neuen Tarifvertrag einigen konnten, streiken heute Erzieherinnen und Erzieher. Doch ihnen geht es nicht nur um Geld – sondern vor allem um bessere Arbeitsbedingungen.

Über dieses Thema berichtet: Frankenschau aktuell am .

Vormittags in der Nürnberger Kinderkrippe "Insel Titiwu". Die Einrichtungsleiterin Daniela Dommer sitzt auf dem Boden in der Bauecke, um sie herum drei Krippenkinder. Gemeinsam lassen sie eine Murmel durch eine Kugelbahn rollen. Es ist vergleichsweise ruhig – das liegt aber auch daran, dass ein Großteil der Kinder gerade draußen unterwegs ist.

Berufspraktikanten werden rarer

Tag für Tag sind in der kleinen Einrichtung bis zu 25 Kinder, manche von ihnen haben Integrationsbedarf. Deshalb umfasst das Krippen-Team insgesamt zehn Mitarbeiter – Berufspraktikanten mit eingerechnet. Hier läuft es gut, sagt die Chefin. Das Team ist zusammengewachsen und die Praktikanten von früher sind die festen Kolleginnen von heute. Doch auch sie merkt, dass es schwieriger wird, Nachwuchs zu finden, sagt Daniela Dommer. "Es bewerben sich weniger Berufspraktikanten, es scheint weniger auf dem Markt zu sein. [...] Die nächste Kollegin, die schwanger wird, können wir nicht so nachbesetzen, wie wir es ansonsten immer machen konnten", sagt sie.

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Bis zu 30 Prozent aller BRK-Einrichtungen in Bayern haben Personalprobleme.

30 Prozent der BRK-Kitas mit Personalproblemen

Manuel Wohlrab ist für mehr als 60 Kitas des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) in Mittel- und Oberfranken zuständig – die "Insel Titiwu" ist eine davon. Insgesamt unterhält das BRK in Bayern 333 Kitas, in denen etwa 2.300 pädagogische Fach- und Ergänzungskräfte arbeiten.

Laut Wohlrab gibt es zahlreiche Einrichtungen, die sogar vor noch größeren Problemen stehen als die "Insel Titiwu". "Ich würde sagen, dass gut 25 bis 30 Prozent überhaupt ein Thema haben, ihre Gruppen konstant mit den richtigen Betreuern, die auch den entsprechenden Fachkräfteschlüssel gewährleisten, so voll zu bekommen, dass es passt. Man muss viel improvisieren", sagt er. Das heißt: Stunden anpassen, Gruppen zusammenlegen – und wenn es richtig schwierig wird, muss die Kita schon mal schließen.

Geld alleine reicht nicht

In den Einrichtungen des BRK wird heute nicht gestreikt. Denn dort ist schon passiert, wofür heute viele Erzieherinnen und Erzieher kommunaler Kitas auf die Straße gehen: Der Wohlfahrtsverband hat mit den Gewerkschaften bereits im Dezember einen Tarifabschluss erzielt. Einer der zentralen Punkte: sechs Prozent mehr Gehalt. Doch Geld allein reicht nicht aus, sagt Wohlrab. "Eine monetäre Wertschätzung ist ja auch nur eine Momentaufnahme, solange bis der nächste Anbieter oder der nächste Träger auch seine Kosten anhebt."

Rahmenbedingungen müssen verbessert werden

Viel mehr müssten auch die Rahmenbedingungen verbessert werden. Er zählt auf: "Es muss eine gute Work-Life-Balance da sein, [...] eine bessere Planbarkeit und und und." Doch herzaubern kann man das nicht. Immer höhere Qualitätsansprüche, eine für den Ausbildungsgrad unterdurchschnittliche Bezahlung und ein stetiger Personalmangel: Man weiß gar nicht, an welcher Stellschraube man zuerst drehen soll. Für Wohlrab liegt ein möglicher Ansatz darin, die schönen Seiten des Berufs aufzuzeigen. "Was sind die schönen Seiten des Berufs, was kann ich dort alles erreichen und wem helfe ich dadurch – das wäre ein erster guter Schritt", sagt er.

Verband: Anstellungsschlüssel sollte geändert werden

Ein weiterer Wunsch, den man immer wieder hört: Der Anstellungsschlüssel müsse verbessert werden – das fordert unter anderem der Verband Kita-Fachkräfte Bayern. Dieser Schlüssel bestimmt, wie viel Personal in einer Einrichtung beschäftigt und staatlich gefördert werden kann. Aktuell beträgt er 1 zu 11 – also eine Arbeitsstunde eines Mitarbeiters pro 11 Stunden, die von Eltern für ihre Kinder gebucht werden.

Wäre der Schlüssel niedriger, könnten die Einrichtungen mehr Personal vorhalten, was wiederum die Mitarbeiterinnen entlastet und die Qualität verbessert. Doch Bayerns Sozialministerin Ulrike Scharf (CSU) sieht dafür keine Veranlassung. "Tatsache ist, dass wir in Bayern einen Durchschnitt von 9,16 haben. Das ist wesentlich niedriger als unsere gesetzliche Vorgabe ist. Und an diesem Schlüssel werden wir in diesem Moment nichts verändern", sagte sie im BR-Interview. Der Verband Kita-Fachkräfte Bayern argumentiert allerdings, dass der Schlüssel derzeit über die ganze Einrichtung hinweg berechnet wird. Gruppen, die aufwändiger zu betreuen sind und mehr Personal benötigen, könnten so nicht berücksichtigt werden.

Ausbildung reformiert

Die Staatsregierung sieht den generellen Handlungsbedarf natürlich auch – und hat ihren metaphorischen Schraubendreher bei der Ausbildung angesetzt und umfangreiche Reformen durchgesetzt. Im Jahr 2022 wurde die ehemals fünfjährige Ausbildung zur Erzieherin um ein Jahr verkürzt. Zusätzlich gibt es Programme für Quereinsteiger, wie etwa die "Praxisintegrierte Ausbildung", die sogar nur drei Jahre dauert. Das Ziel: Schneller mehr Menschen ausbilden.

Bleibt die Praxiserfahrung aus?

Doch an dieser beschleunigten Ausbildung gibt es auch Kritik: Innerhalb dieser Zeit könne natürlich nicht jeder so viel praktische Erfahrung sammeln wie noch in der fünfjährigen Ausbildung. Aber andererseits geht es auch nicht anders. "Das Problem ist, ich brauche ja mehr Leute gerade. [...] Ich brauche mehr Leute, aber ich brauch auch die Qualität. Die Familien und die Kinder verdienen qualitativ gute Mitarbeiter und Kollegen – aber ich brauch halt auch einfach mal die Leute in der Kita", so Wohlrab.

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"Die Nachfrage ist zu groß", sagt Bayerns Familienministerin Ulrike Scharf zum Bedarf an Betreuungsplätzen.

Scharf: "Die Nachfrage ist zu groß"

In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Beschäftigten um mehr als 70 Prozent gestiegen. Doch es reicht noch lange nicht. Laut einer älteren Erhebung von 2017 fehlen in Bayern rund 30.000 Erzieherinnen und Kinderpflegerinnen. Neue Zahlen werden gerade erhoben – und die dürften sicher noch höher sein.

Die Zeit drängt: Ab dem 1. August 2026 gilt ein rechtlicher Anspruch auf Ganztagesbetreuung von Grundschulkindern. Und dafür werden noch mehr Erzieherinnen und Erzieher gebraucht. "Wir haben nach wie vor eine große Nachfrage. Die Ausbildungsplätze sind erweitert worden und wir sehen hier ganz klar auch bei den Abgängerinnen, bei den Schulabgängerinnen, dass wir genügend Personal haben in der Ausbildung. Aber die Nachfrage ist zu groß", sagt Bayerns Familienministerin Ulrike Scharf (CSU).

Klar ist: Für den anhaltenden Personalmangel gibt es keine einfachen Lösungen. Für den Moment brauchen alle Beteiligten – Politik, Träger, Erzieher, Eltern und Kinder – vor allem einen langen Atem.

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