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Gleichgeschlechtliche Trauung in Berlin. (Archivfoto von 2016)
© pa/dpa/Wolfram Kastl

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Barbara C Schneider
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Gleichgeschlechtliche Trauung in Berlin. (Archivfoto von 2016)

Heinz-Günther Ernst ist Pfarrer in der Paul-Gerhardt-Kirche in München. In der konservativ geprägten Gemeinde lehnt der Kirchenvorstand eine Segnung gleichgeschlechtlicher Paare ab. In einer Stellungnahme hat sich der Kirchenvorstand gemeinsam mit dem Pfarrer deutlich positioniert. Eine Segnung von lesbischen oder schwulen Paaren in einem öffentlichen Gottesdienst soll es demnach in ihrer Gemeinde nicht geben.

"Uns im Kirchenvorstand ist wichtig, dass das biblische Zeugnis der Schöpfung, die Eheschließung von Mann und Frau, auch im Alltag unserer Kirchengemeinde umgesetzt wird. Und das war der Hauptgrund, warum wir es ablehnen, gleichgeschlechtliche Partnerschaften in einem Gottesdienst zu segnen." Heinz-Günther Ernst, Pfarrer in der Paul-Gerhardt-Kirche in München

Kirchenvorstand gegen Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften

Der Kirchenvorstand der Münchner Gemeinde hatte die Stellungnahme kurz vor der Synodentagung im Frühjahr dieses Jahres veröffentlicht. Damals machte das evangelische Kirchenparlament den Weg für die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare in einem öffentlichen Gottesdienst frei. Mit einer Gewissensklausel wurde dabei den konservativen Kreisen in der Landeskirche Rechnung getragen. Demnach dürfen Pfarrer oder Pfarrerinnen, die eine Segnung gleichgeschlechtlicher Paare ablehnen, nicht dazu verpflichtet werden. Es ist eben diese Gewissensklausel, die derzeit für Diskussion sorgt. Der Kirchenvorstand der Gemeinde Trogen in Oberfranken hat deshalb eine Eingabe an die Synode formuliert.

"Aus unserer Sicht darf ein Beschluss der Landessynode nicht nur die Gewissensentscheidung von Pfarrern und Pfarrerinnen berücksichtigen, sondern muss auch den Kirchenvorständen eine geistliche Verantwortung und ein Entscheidungsrecht bei dieser umstrittenen Praxis geben. Bei einem mehrheitlichen Nein eines Kirchenvorstandes zur öffentlichen Segnung gleichgeschlechtlicher Paare sollten in dieser Gemeinde keine öffentlichen Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare stattfinden, auch wenn ein Pfarrer oder eine Pfarrerin nach eigener Gewissensentscheidung eine solche öffentliche Segnung durchführen würde." Auszug aus der Eingabe an die Synode des Kirchenvorstands der Gemeinde Trogen

Wer darf über Segnung Homosexueller entscheiden?

Letztlich geht es dabei um die Frage: Wer darf in einer Gemeinde entscheiden, ob der Pfarrer ein lesbisches oder schwules Paar in einem öffentlichen Gottesdienst segnet - der Pfarrer oder der Kirchenvorstand? Der evangelische Kirchenvorstand leitet gemeinsam mit Pfarrerinnen und Pfarrern die Geschicke der Gemeinde - "auf Augenhöhe", wie es heißt. Kann daher auch ein Kirchenvorstand festschreiben, dass in einer Gemeinde kein Segnungsgottedienst für Homosexuelle stattfinden darf? Oder anders formuliert: Darf ein Kirchenvorstand auf diese Weise Fakten schaffen, selbst wenn der Ortspfarrer ein gleichgeschlechtliches Paar im Gottesdienst segnen will? Michael Martin, Leiter der Abteilung Ökumene und kirchliches Leben im Landeskirchenamt, sieht das kritisch. "Die individuelle Gewissensentscheidung kann nicht auf ein Gremium delegiert werden", so Martin.

"Wenn der Pfarrer oder die Pfarrerin sagt, wir können das machen, dann können sie das machen, wenn nicht, dann machen sie es nicht. Der Kirchenvorstand hat nicht zu entscheiden. Es ist eine seelsorgerliche Entscheidung des Pfarrers oder der Pfarrerin." Michael Martin, Leiter der Abteilung Ökumene und kirchliches Leben im Landeskirchenamt

Viel Zustimmung für die Segnung von Homosexuellen

Bei der Tagung des evangelischen Kirchenparlaments vor einem halben Jahr gab es viel Zustimmung für den Vorschlag, homosexuelle Paare künftig in einem öffentlichen Gottesdienst zu segnen. Die Mehrzahl der Synodalen stimmte für eine Öffnung. Auch für die Pfarrerin Jacqueline Barraud-Volk aus Marktbreit in Unterfranken ist der öffentliche Segnungsgottesdienst ein wichtiger Schritt. Gott habe die Welt unterschiedlich geschaffen, so Barraud-Volk: "Dazu gehören auch ein Mann, der sich in einen Mann verliebt, und eine Frau, die sich in eine Frau verliebt. Und wenn die sagen, wir wollen gemeinsam durchs Leben gehen, dann dürfen wir uns als Kirche nur freuen, dass sie dafür den Segen Gottes wollen."

Gegner der Segnung in der Minderheit

Der Beschluss ist in den meisten Gemeinden gut aufgenommen worden. "Ich habe überwiegend positive Rückmeldungen", sagt Oberkirchenrat Michael Martin. "Ich weiß, dass aus zwei Kirchenvorständen auch Leute ausgetreten sind, also zwei von 1.500 Gemeinden, die wir haben."

"Es ist eine kleine Minderheit, die sich ganz stark an dieser Öffnung reibt. Wir dachten, dass das mit dem Beschluss der Gewissensfreiheit auszuhalten ist. Die Frage berührt nicht die Verkündigung des Evangeliums, sondern die Lebensführung. Es ist keine Frage, an der die Kirche steht oder fällt." Michael Martin, Oberkirchenrat

Wer entscheidet: Pfarrer/-in oder Kirchenvorstand?

Im Kirchenvorstand in Trogen ist man gegen die Öffnung. Genauso auch in der Münchner Paul-Gerhardt-Gemeinde. Und doch stehen längst nicht alle Gemeindemitglieder von Paul-Gerhardt hinter dem Entschluss. Fabian Dietz-Vellmer, Gemeindemitglied in Paul-Gerhardt, stört sich an der "einseitigen Positionierung" seines Kirchenvorstands, "der unseres Erachtens nur einen Teil der Gemeinde wiederspiegelt." Es sei nur schwer nachvollziehbar, dass ein Mehrheitsbeschluss der Synode auf dem Level der Gemeinden in Frage gestellt wird. Damit, dass ein Pfarrer individuell entscheidet, ob er ein homosexuelles Paar im Gottesdienst segnet oder nicht, kann er leben. Dass ein Kirchenvorstand die Entscheidungs- und Gewissensfreiheit eines Pfarrers einschränkt, hält Fabian Dietz-Vellmer allerdings für problematisch.

Bis zum Donnerstag noch trifft sich evangelische Landessynode zu ihrer Herbsttagung in Garmisch-Partenkirchen. Auch die Nachlese der Entscheidung vom Frühjahr wird dort ein Thema sein.