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Kirchenaustritte in Bayern 2019 rekordverdächtig | BR24

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2019 gab es in 72 bayerischen Städten und Gemeinden (über 20.000 Einwohner) knapp ein Fünftel mehr Kirchenaustritte als im Vorjahr. Bestätigt sich der Trend bayernweit, hätten im vergangenen Jahr so viele Menschen die Kirchen verlassen wie nie zuvor.

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Kirchenaustritte in Bayern 2019 rekordverdächtig

2019 gab es in 72 bayerischen Städten und Gemeinden (über 20.000 Einwohner) knapp ein Fünftel mehr Kirchenaustritte als im Vorjahr. Bestätigt sich der Trend bayernweit, hätten im vergangenen Jahr so viele Menschen die Kirchen verlassen wie nie zuvor.

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Mit einem vollen Kirchenhaus rechnet Christian Konecny von der katholischen Kirche in Roth in Mittelfranken schon lange nicht mehr. Seit drei Jahren ist er Pfarrer in Roth, hat frischen Wind in die Gemeinde gebracht und trotzdem sind alleine im vergangenen Jahr um die hundert Mitglieder aus seiner Gemeinde ausgetreten. "Es trifft mich schon, ich muss ja die Briefe unterschreiben. Und das Mitzählen, das tut mir schon weh."

Bereits ausgezählte Kirchenaustritte liegen ein Fünftel über dem Vorjahr

Protestanten und Katholiken zusammengezählt haben in Roth letztes Jahr 60 Prozent mehr Menschen die Kirchen verlassen als im Vorjahr (2018: 170 Austritte, 2019: 272 Austritte). Prozentual hat Roth damit den zweitgrößten Anstieg an Kirchenaustritten unter allen bayerischen Gemeinden mit über 20.000 Einwohnern.

Das ergaben BR-Recherchen bei den entsprechenden Standesämtern. Allein in diesen 72 Großgemeinden sind 2019 zusammengezählt 51.000 Menschen aus der Kirche ausgetreten, knapp ein Fünftel mehr als im Vorjahr. Würde das auch für alle restlichen Gemeinden zutreffen, könnte 2019 das Jahr mit den meisten Kirchenaustritten in der Geschichte Bayerns sein. Ob sich dies bestätigt, wird die offizielle Kirchenaustritts-Statistik für 2019 zeigen.

Hoher Austritts-Anstieg in Roth, Weiden und Fürstenfeldbruck

Besonders hoch ist der Anstieg der Kirchenaustritte neben Roth im oberbayerischen Fürstenfeldbruck. Hier sind die Austrittszahlen sogar um 69 Prozent gestiegen (2018: 192 Austritte, 2019: 325 Austritte). Auch Weiden in der Oberpfalz verzeichnet einen hohen Anstieg: Während es 2018 222 Kirchenaustritte gab, gab es 2019 350.

Gering war der Anstieg der Kirchenaustritte dagegen in Freising (+3,7 Prozent) und Vaterstetten (+2,9 Prozent). In Puchheim (-4,7 Prozent), Bad Kissingen (-7,2 %), und Lindau (-8,4 Prozent) sind die Austrittszahlen sogar zurückgegangen. Auch in Eichstätt (-6,4 Prozent), wo sich im letzten Jahr die Zahlen im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt hatten. In Weilheim in Oberbayern sind 2019 exakt genauso viele Menschen ausgetreten, wie 2018: 222 Personen.

Die meisten Austritte verzeichnet die Oberpfalz

Aufgeteilt in Regierungsbezirke gab es prozentual in der Oberpfalz im Schnitt den höchsten Anstieg (+23,16 Prozent). Hier sind 2019 in den Städten mit mehr als 20.000 Einwohnern laut der BR-Recherche 3.010 Menschen ausgetreten, 2018 waren es noch 2.444. In Mittelfranken (+20,7 Prozent), Unterfranken (+20,9 Prozent), Schwaben (+20,3 Prozent) liegt der Anstieg jeweils bei etwa 20 Prozent. Oberfranken (+18,4 Prozent), Niederbayern (+9,7 Prozent) und Oberbayern (+16 Prozent) haben einen geringeren Anstieg, wobei in Oberbayern die reine Zahl der ausgetretenen Menschen mit insgesamt 25.061 Personen am höchsten ist.

Gründe: Missbrauch, Ungleichbehandlung und Geld

Jeden, der austritt, schreibt Pfarrer Konecny aus Roth an, um die Beweggründe zu erfragen. Nur wenige antworten. Einer schrieb ihm: "Kirche ist für mich ein Menschenwerk und wie das bei Sterblichen immer so ist, sind in einem solchen Werk immer etliche Fehler drin. Etwas weniger abstrakt: Umgang mit Geld, Kindesmissbrauch und weitestgehender Ausschluss von Frauen."

Dr. Yasemin El-Menouar vom Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung beobachtet den Trend seit Jahren. Die Hauptgründe, dass Menschen aus der Kirche austreten, sind, dass Leute die Kirchensteuer einsparen wollen oder wenn sie sich langfristig von der Kirche entfremdet haben, oder auch wenn sie enttäuscht sind aufgrund von Skandalen, wie zum Beispiel der Missbrauchsfälle.

Auch evangelische Kirche betroffen

Obwohl zuletzt vor allem die Katholische Kirche für Skandale sorgte, trifft die Austrittswelle die Protestanten gleichermaßen. Allein in den vergangenen zehn Jahren haben in Bayern fast eine Viertel Million Menschen die evangelische Kirche verlassen. Tendenz steigend.

"Auf der einen Seite macht es mich traurig, auf der anderen Seite denke ich mir: Ja, das ist einfach die Realität und wir leben in einer Zeit, in der die Menschen die Freiheit haben, sich zu entscheiden, ob sie in der Kirche sein wollen oder nicht. Ich empfinde diese Freiheit als einen großen Schatz." Christiane Lehner, Pfarrerin, Dekanat Fürth

Kirchen wollen mit Angeboten für junge Leute gegensteuern

Wie lässt sich bei der jüngeren, individualistischen Generation wieder eine stärkere Bindung zur Kirche herstellen? In Fürth haben sich deshalb Pfarrer und Pfarrerinnen zusammengetan, um neue Angebote zu entwickeln - Christiane Lehner ist eine von ihnen. "Church to go" oder "Rise Up" heißen diese Veranstaltungen. Um zu erklären, wie "Rise Up" funktioniert, schleppt Frau Lehner eine große Flipchart in die Kirche, darauf in dicken Lettern die Überschrift: "Be Strong – Finde deine Kraft". Darunter können die Menschen ihre Fragen anbringen.

"Der Grundgedanke ist der, bei den Menschen zu sein, bei den Bedürfnissen der Menschen, die sich für den Glauben interessieren und ihnen nicht irgendetwas über zu stülpen, sondern ein Angebot zu machen." Christiane Lehner, Pfarrerin, Dekanat Fürth

Neuer Ansatz: Gesprächsangebote und moderne Musik

Die Kirche wieder zu einem Ort machen, an dem man persönliche Probleme aus einer religiösen Perspektive diskutieren kann, das ist der Ansatz von Christiane Lehner. Einmal im Monat gibt es diese offenen Gottesdienste - zusätzlich zum klassischen Angebot - und sie werden deutlich besser besucht. Lehner fordert deshalb weniger Analyse und mehr Experiment: "Man könnte zum Beispiel sagen, wir investieren in eine ganz neue Kirchenmusik. Wir schmeißen die Orgeln raus und haben stattdessen Bands."