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Kirchen und Social Media: Keine Zeit für Twitter und Co. | BR24

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Die meisten Pfarrerinnen und Pfarrer posten nur ab und zu in ihrer Freizeit auf Facebook oder Instagram - mehr lassen die Stellenprofile des Kirchenpersonals nicht zu. Und das im Zeitalter der Digitalisierung. Oft mangelt es nicht nur an der Zeit.

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Kirchen und Social Media: Keine Zeit für Twitter und Co.

Die meisten Pfarrerinnen und Pfarrer posten nur ab und zu in ihrer Freizeit auf Facebook oder Instagram - mehr lassen die Stellenprofile des Kirchenpersonals nicht zu. Und das im Zeitalter der Digitalisierung. Oft mangelt es nicht nur an der Zeit.

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Der digitale Wandel ist auch bei den Kirchen angekommen – irgendwie. Eine eigene Internetseite haben die meisten Gemeinden. Doch Digitalisierung bedeutet mehr, als über die Gottesdiensttermine im Netz zu informieren.

Jahrzehnte nach der Erfindung des Internets sehen die Stellenbeschreibungen der kirchlichen Angestellten noch immer so aus wie zu analogen Zeiten. Zwar nutzen immer mehr Pfarrerinnen und Pfarrer Instagram, Facebook und Twitter für ihre Botschaft - doch das hauptsächlich in ihrer Freizeit.

Zahl der Geistlichen in Social Media relativ überschaubar

Immerhin: Der Papst twittert regelmäßig. Seine neun Twitterkanäle - für neun Sprachen jeweils einen Kanal - haben zusammengenommen 43 Millionen Follower, und auf Facebook folgen Franziskus 18 Millionen Gläubige. Auch der bayerische Landesbischof und Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, ist auf Facebook aktiv und wird in den Medien gerne als "Facebook-Bischof" bezeichnet. Dort hat er mehr als 12.000 Follower und postet regelmäßig von seinen Terminen, bietet Live-Chats an und veröffentlicht auch schon mal ein politisches Statement – etwa zuletzt zur Seenotrettung im Mittelmeer. Er betont regelmäßig, dass er jedes Wort selbst schreibe.

Trotz des Engagements jener Kirchenoberen: Eine Strategie, wie die großen christlichen Kirchen im Zeitalter der sozialen Medien ihre Botschaft auf breiter Basis verkünden wollen, fehlt bislang.

Bei den anderen großen Glaubensgemeinschaften, den jüdischen und muslimischen Gemeinden, sieht es nicht anders aus.

Für Facebook und Instagram bleibt meist keine Zeit

Die Aktivitäten hängen hauptsächlich vom persönlichen Interesse und Engagement der jeweiligen Pfarrerinnen und Pfarrer ab. Getreu dem Motto: Schön, wenn es jemand in seiner Freizeit macht.

Den Facebook-Account der evangelischen Landeskirche in Bayern betreuen beispielsweise neben dem Social-Media-Beauftragten der Landeskirche drei Pfarrer ehrenamtlich - zusätzlich zu ihrem ohnehin schon vollen Arbeitsalltag in den Gemeinden. Kein Einzelfall.

Die meisten Pfarrerinnen und Pfarrer sind aufgrund von Gemeindezusammenlegungen und Stellenkürzungen oft so mit der klassischen Gemeindearbeit so beschäftigt - Beerdigungen, Trauungen, Taufen, Gottesdienste, Konfirmandenunterricht - dass sie für aufwendige Social-Media-Arbeit schlicht keine Zeit haben.

Stellenprofile noch genauso wie zu analogen Zeiten

Genau darin sieht der Social-Media-Beauftragte der Evangelischen Landeskirche in Bayern, Christoph Breit, das Problem: "Warum nicht einen ambitionierten Pfarrer dafür befreien, wenn er Social Media kann?"

Die erste und einzige Pfarrstelle, die in ihrem Stellenzuschnitt den Bereich Soziale Medien einschließt, gibt es seit diesem Jahr in der evangelischen Berlin-Brandenburger-Kirche. Mit ihrem Account "Theresa liebt" erstellt die 32-jährige Pfarrerin Theresa Brückner ergänzend zur klassischen Gemeindearbeit auch Youtube-Videos, Instagram-Storys und -Posts, Facebook- und Twitter-Einträge.

"Das Modell wurde mehrfach deutschlandweit diskutiert", berichtet der Digitalisierungsbeauftragte Breit. Bislang habe sich innerhalb der Synode, also dem Kirchenparlament, noch keine Mehrheit für dieses Modell gefunden.

Viele Gläubige stehen den sozialen Medien skeptisch gegenüber

Unter konservativen Gläubigen ist eine Skepsis gegenüber den sozialen Medien weit verbreitet. Nicht nur aus Datenschutzgründen, sondern auch wegen der Befürchtung, das Digitale könnte den echten, zwischenmenschlichen Kontakt ablösen. So äußerte sich zuletzt etwa der bekannte frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, kritisch gegenüber den "digitalen Trends". Auf seinem Twitter-Account warnte Huber vor der "Twitter-Falle".

Auch Papst Franziskus betonte in seiner jüngsten Medienbotschaft Anfang des Jahres: "So, wie es sich momentan darstellt, ist jedem klar, dass Social Network Community nicht automatisch dasselbe bedeutet wie Gemeinschaft."

Jüngere: Internet statt Gottesdienst

Trotz der kritischen Stimmen: Die Entwicklungen im digitalen Bereich und die Kirchenaustrittszahlen zwingen die Kirchen zum Handeln.

Die Zahl der Kirchenmitglieder im Freistaat wird sich bereits bis 2035 um 20 Prozent und bis 2060 um rund 45 Prozent verringern. Das zeigen die Prognosen des Freiburger Forschungszentrums Generationenverträge. Vor allem in der Altersgruppe der heute 25- bis 35-Jährigen sind die Austrittszahlen überproportional hoch.

Diese Altersgruppe geht häufiger ins Internet als in den Gottesdienst, wenn es um Sinnfragen geht. Die aktuellsten Nutzungszahlen einer Studie zur sogenannten "Generation Z" von "Business Insider Deutschland" zeigen, dass mehr als jeder zweite mehrmals täglich Instagram und Youtube nutzt. In den oft millionenfach geklickten TED Talks präsentieren Influencer ihre Antworten auf die großen Fragen.

Vor allem Influencer haben als digitale Meinungsführer und Vorbilder großen Einfluss auf die Gruppe der unter 25-Jährigen, wie zuletzt der Youtuber und Pfarrerssohn Rezo mit seiner Kritik an den Volksparteien bewiesen hat.

Digitaloffensiven von katholischer und evangelischer Seite

Zwar gibt es Schulungen und Handreichungen für Kirchengemeinden und Hauptamtliche zu Social Media, und sogenannte Digitalisierungsbeauftragte sind zunehmend in den Bistümern und in den evangelischen Landeskirchen verbreitet. Pfarrstellen mit eigenem Social-Media-Zuschnitt auf Gemeindeebene sind jedoch sowohl bei katholischer als auch evangelischer Kirche vorerst nicht geplant. Es wird auf freiwilliges Engagement sowohl auf haupt- als auch ehrenamtlicher Seite gesetzt.

Anfang des Jahres hat die evangelische Kirche erstmals einen Social-Media-Preis in Höhe von 1.000 Euro ausgelobt, um damit einen Anreiz für mehr Engagement auf Ebene der Gemeinden zu schaffen.

Auf ihrer jüngsten Synode in Würzburg Ende 2018 hat die EKD eine Digitalisierungsoffensive beschlossen. Für 2019 gibt es einen Innovationsfonds mit rund einer Million Euro.

Zwei Projekte stehen schon fest: Ein digitaler Kirchen-Finder, der Nutzer überall in Deutschland zu der zu ihren Bedürfnissen passenden Kirche führt, und eine Medienplattform, die alle Gemeinden nutzen können.

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