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Schon lange wurde vermutet, dass Kindeswohlgefährdungen während der Pandemie stark zugenommen haben.

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    Kindeswohlgefährdungen in Bayern: Mehr Einsätze für Jugendämter

    Die Jugendämter in Bayern sind 2020 deutlich mehr Fällen von Kindeswohlgefährdung nachgegangen als im Jahr zuvor. Das zeigen Zahlen des Landesamts für Statistik in Fürth. Ein direkter Zusammenhang zur Corona-Pandemie ließe sich aber nicht nachweisen.

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    Von
    • Inga Pflug
    • Jonas Miller

    Schon lange wurde vermutet, dass Kindeswohlgefährdungen während der Pandemie stark zugenommen haben. Nun hat das Landesamt für Statistik in Fürth Zahlen für das Corona-Jahr 2020 vorgelegt: Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 21.347 Fälle gemeldet, teilt das Landesamt in Fürth mit. Das sei ein Plus von neun Prozent gegenüber 2019.

    Vernachlässigung und Misshandlung von Kindern

    Betroffen waren demnach 11.059 Jungen und 10.288 Mädchen. In zwei Dritteln der Fälle, in denen die Jugendämter überprüfen mussten, ob das Wohl von Kindern und Jugendlichen in Gefahr war, wurde eine Kindeswohlgefährdung oder Hilfebedarf festgestellt.

    Bei rund 3.000 Fällen ergab sich der Statistikbehörde zufolge eine akute Kindeswohlgefährdung. In fast 3.400 Fällen stellten die Jugendämter eine latente Kindeswohlgefährdung fest. Dabei waren Anzeichen für eine Vernachlässigung, eine psychische oder körperliche Misshandlung die häufigsten Gründe, heißt es aus Fürth.

    Die meisten Fälle wurden von Behörden gemeldet

    Insgesamt ergaben 30 Prozent der Einschätzungen eine akute (14 Prozent) oder latente (16 Prozent) Gefährdung. In 36 Prozent der Fälle sei das Kindeswohl zwar nicht gefährdet aber eine Unterstützung durch die Kinder- und Jugendhilfe notwendig gewesen. Darunter fallen den Statistikern zufolge Maßnahmen wie Erziehungsberatung oder eine Schutzmaßnahme.

    Weder eine Gefährdung noch ein weiterer Hilfebedarf wurde demnach in 7.304 Fällen festgestellt – also in 34 Prozent der Fälle. Wie das Landesamt mitteilt, wurden die meisten Fälle zur Überprüfung von der Polizei, Gerichten oder der Staatsanwaltschaft gemeldet, außerdem von Bekannten oder Nachbarn der Minderjährigen.

    Volle Kinder- und Jugendpsychiatrien: Ärzte schlagen Alarm

    2.210 Fälle wurden anonym angezeigt, 1.871 durch ein Elternteil oder andere Sorgeberechtigte, 1.772 durch die Schule. Einen Zusammenhang mit der Corona-Pandemie stellt das Statistikamt in seiner Mitteilung nicht her: Ein direkter Zusammenhang zwischen Corona und der Zahl der Gefährdungseinschätzungen könne nicht nachgewiesen werden. Somit könne das Landesamt keine entsprechende Aussage treffen, so ein Sprecher.

    Allerdings gab es in der Vergangenheit zu wenige Plätze in bayerischen Kinder- und Jugendpsychiatrien: Wenn ein Kind nicht suizidgefährdet ist, wird es nicht aufgenommen. Eine Situation, die sich mit Corona nochmals zugespitzt hat. Corona wirkt dabei wie ein Brennglas und verstärkt die Problematik. Homeschooling, die fehlenden sozialen Kontakte und überlastete Eltern setzen den Kindern mental zu. Kinder- und Jugendpsychologen sind deshalb alarmiert: Es müsse dringend mehr getan werden.

    Wie man bei Verdacht reagieren sollte

    Wer im Privaten, etwa bei den Nachbarskindern einen Verdacht schöpft, dem raten Experten erst einmal ruhig zu bleiben und nicht dem ersten Impuls zu folgen. Wenn möglich, könne man zunächst mit den Eltern sprechen: "Mehr mit einer Haltung 'Mir ist da etwas aufgefallen', und nicht mit einem Vorwurf. Aber man sollte schon deutlich machen, dass man hinschaut und etwas bemerkt hat." Bei einer schweren Misshandlung empfehlen Experten dagegen, sofort das Jugendamt einzuschalten. Das sei auch anonym möglich.

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