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Kindesmissbrauch: Urteil im Würzburger Logopädenprozess erwartet | BR24

© dpa-Bildfunk/Daniel Karmann

Ein Würzburger Logopäde soll über Jahre hinweg Jungen missbraucht haben. Nun wird ein Urteil erwartet.

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    Kindesmissbrauch: Urteil im Würzburger Logopädenprozess erwartet

    Der Fall gilt als einer der größten Missbrauchsprozesse Bayerns. Am Würzburger Landgericht könnte nun das Urteil gegen einen Logopäden fallen, der mehrere Jahre lang Jungen missbraucht haben soll. Die Staatsanwaltschaft fordert knapp 14 Jahre Haft.

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    Die Verteidiger des wegen schweren sexuellen Missbrauch von kleinen Jungen angeklagten Logopäden haben für eine Freiheitsstrafe von neun Jahren und acht Monaten plädiert. Das sagte ein Sprecher des Landgerichts Würzburg. Das Urteil für den 38 Jahre alten Angeklagten will die Große Jugendkammer am Montagnachmittag verkünden.

    Das Entsetzen ist noch immer groß in Würzburg und darüber hinaus. Im März 2019 stürmt ein Sondereinsatzkommando der Polizei ein Haus im Würzburger Stadtteil Rottenbauer. Der damals 37 Jahre alte Logopäde surft im sogenannten Darknet auf kinderpornografischen Seiten. Die Polizei sichert Beweismaterial. Nach und nach stellt sich heraus: Der Tatverdächtige hat mutmaßlich über mehrere Jahre hinweg behinderte Jungen missbraucht. Nun soll voraussichtlich ein Urteil fallen.

    Staatsanwaltschaft hofft auf Urteil von fast 14 Jahren Haft

    Die Staatsanwaltschaft hat ihre Forderungen bereits gestellt: Sie fordert 13 Jahre und 9 Monate Haft sowie ein lebenslanges Berufsverbot. Die Anklage wirft dem Logopäden vor, sich in 64 Fällen des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern strafbar gemacht zu haben. Außerdem soll er Kinderpronografie angefertigt haben.

    Nebenklage fordert anschließende Sicherungsverwahrung

    Die Nebenklage, also die Familien der missbrauchten Buben, schließt sich der Forderung der Staatsanwaltschaft an. Allerdings wollen die Nebenkläger auch eine sogenannte Sicherungsverwahrung für den Angeklagten erwirken. Sie erhoffen sich davon, dass dass der Angeklagte nach Haftentlassung nicht wieder straffällig wird.

    Zwischen 2012 und 2019 soll sich der Logopäde immer wieder an Buben in zwei Kindertagesstätten und in zwei Praxen vergangen haben. Die Beschäftigten der Kindertagesstätten haben nach Erkenntnissen der Ermittler von den Taten nichts bemerkt. Die Buben waren zum Tatzeitpunkt zwischen zwei und sechs Jahre alt. Als Opfer soll der 38-jährige Logopäde gezielt Kinder mit einer schweren Sprechbehinderung missbraucht haben, bei denen nicht zu erwarten war, dass sie sich an Betreuer oder Eltern wenden können.

    Würzburger Logopäde gilt als "voll schuldfähig"

    Beim nicht-öffentlichen Prozessauftakt im März hat der Logopäde seine Taten "unter Tränen" gestanden, so ein Gerichtssprecher damals. Ausschlaggebend für das Urteil dürfte auch das Gutachten eines psychiatrischen Sachverständigen sein: Er hält den Angeklagten für "voll schuldfähig", unter anderem weil er in der Lage sei, seine pädophile Seite zu kontrollieren. Außerdem attestierte er dem Angeklagten ein geringes Rückfallrisiko, vorausgesetzt dieser erhalte während seiner Haftstrafe eine Therapie. Der Sachverständige würde deshalb von einer anschließenden Sicherungsverwahrung absehen.

    Bei den Nebenklägern stieß das auf Widerstand. Im Verlauf des Prozesses berichteten Eltern teils sichtlich gezeichnet, wie die Taten ihr Leben erschüttert hätten. Eine kinderpsychologische Sachverständige bestätigte in einem Gutachten, dass die körperliche und geistige Entwicklung der Buben durch den sexuellen Missbrauch geschädigt oder zumindest gefährdet sei.

    Missbrauchsskandal führt Ermittler auf weitere Spuren

    Der Angeklagte sitzt seit seiner Festnahme in Untersuchungshaft. Die Polizei war bei Ermittlungen in einem anderen Kinderporno-Fall in Niedersachsen auf seine Spur gekommen. Angestoßen durch den Würzburger Missbrauchsfall hat die Polizei weitere 44 Verdächtige ermittelt: Viele von ihnen kommen aus Deutschland, andere aus der Schweiz, Österreich, Frankreich, Belgien und Italien. In den Fällen geht es etwa um die Verbreitung kinderpornografischer Schriften und sexuellen Missbrauch. Zudem seien Ermittlungen gegen weitere 20 Verdächtige in Amerika, Afrika, Asien und Europa geführt worden. Die mutmaßlichen Täter sind den Angaben zufolge aber noch nicht identifiziert worden.

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