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Kinderschutzambulanz: "Menschen aufmerksamer" | BR24

© pa/dpa/Julian Stratenschulte

Kind auf einem Klettergerüst

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Kinderschutzambulanz: "Menschen aufmerksamer"

Misshandlung, Vernachlässigung oder Missbrauch von Kindern gehen durch die Medien, Jugendämter stellen immer öfter Gefährdungen des Kindeswohls fest. Auch die Leiterin der Münchner Kinderschutzambulanz bestätigt: Sie hat immer mehr zu tun.

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Hinter den Namen von Kevin, Anakin und Jessica verbergen sich Schicksale, die in den letzten Jahren Menschen in ganz Deutschland berührt und entsetzt haben. Misshandelt, vernachlässigt, missbraucht und sogar an Pädophile vermietet. Die Medienberichte über das, was die Kinder in ihren Familien erdulden mussten, sind aber leider nur ein winziger Ausschnitt einer grausamen Realität, die sich hinter dem allgemeinen Begriff "Kindeswohlgefährdung" verbirgt.

Die Statistik zeigt, dass die Fälle, in denen bayerische Jugendämter akute Gefährdungen des Kindeswohls feststellten, im vergangenen Jahr um rund 34 Prozent angestiegen sind.

Auch Prof. Elisabeth Mützel, Leiterin der Kinderschutzambulanz an der Rechtsmedizin in München, stellte eine Zunahme der medizinischen Anfragen fest:

Prof. Elisabeth Mützel: "Wir haben einen Anstieg gehabt im letzten Jahr bei den Anfragen zur Kindeswohlgefährdung, vor allem über unser Telemedizinportal www.remed-online.de aber auch bei den körperlichen Untersuchungen, die direkt zu uns ins Institut gebracht worden sind."

"Die Bevölkerung ist sensibler"

Frage: "Woher kommt der Anstieg?"

Prof. Elisabeth Mützel: "Meiner persönlichen Meinung nach liegt das daran, dass die Bevölkerung sensibler auf das Thema eingeht. Es wird in den Medien mehr über Fälle berichtet, dadurch reagieren manche Menschen aufmerksamer auf ungewöhnliche Vorfälle mit Kindern in ihrer Umgebung."

Geschütztes Portal für Verdachtsfälle

Frage: "Welche Hilfe bietet die Kinderschutzambulanz Ärzten oder anderen Therapeuten, wenn diesen bei der Untersuchung eines Kindes der Verdacht auf Misshandlung, Vernachlässigung oder Missbrauch kommt?"

Prof. Elisabeth Mützel: "Wenn die Kinder nicht persönlich zu uns gebracht werden können, weil die Wege zu lang sind, dann besteht die Möglichkeit, den Fall über unser Telemedizinportal zu präsentieren, das ist kostenlos für Ärzte und Jugendämter, und da kann ein Fall geschildert werden, es können Bilder eingestellt werden, es können auch Röntgenbilder eingestellt werden, dann wird der Fall an uns geschickt, das Ganze ist datengeschützt, wir schauen uns den Fall an, besprechen ihn intern und dann kriegt der Anfragende eine Einschätzung auf Grund dessen, was er uns geschildert hat. Das ist ein Informationsaustausch über Internet, der aber besonders datengeschützt ist."

Frage: "Ein Arzt oder eine Ärztin haben eine Schweigepflicht. Dürfen sie die Daten einfach weiterleiten?"

Prof. Elisabeth Mützel: "Wenn gewichtige Anhaltspunkte vorliegen, dass eine Kindeswohlgefährdung vorliegt, dann ist er verpflichtet, nach Gesundheitsdienst und Verbraucherschutzgesetz verpflichtet, die Daten zu melden, dann sollte er tatsächlich auch handeln. Aber auch da hat er die Möglichkeit, die Eltern ganz offen in diesen Prozess mit einzubeziehen."

Diffizile Verletzungsbilder

Frage: "Wie gehen Ärzte gegenüber den Eltern mit dem Verdacht um? Die werden eine Misshandlung ja nicht offen zugeben."

Prof. Elisabeth Mützel: "Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie der Arzt reagieren kann. Er kann den Fall ganz offen mit den Eltern ansprechen und sagen: 'Ich kann bestimmte Verletzungen nicht gut beurteilen, ich hätte gern noch einen Kollegen hinzugezogen, um die Verletzungen mit ihm zu besprechen.' Wenn die Eltern einverstanden sind, dann kann er das auch ganz offen machen. Er kann aber auch sagen: 'Mir gefällt das nicht, ich hätte das Kind gern nochmal einbestellt, um die Verletzungen nochmal zu kontrollieren' - und dann überprüfen, wie gehen die Eltern damit um. Er kann auch sagen: 'Ich habe hier ein Verletzungsbild, dass zu den Angaben, die sie gemacht haben, nicht passt.' Wichtig ist: Er darf keine Bilder machen, ohne dass die Sorgeberechtigten damit einverstanden sind. Er kann uns aber ohne deren Einverständnis konsiliarisch hinzuziehen."

Hilfen für belastete Familien

Frage: "Wie gehen Sie mit den vielen, wahrscheinlich schlimmen, geschilderten Fällen um?"

Prof. Elisabeth Mützel: "Da machen wir uns natürlich ab und zu Gedanken, was tatsächlich das Motiv gewesen sein könnte, ein Kind zu schädigen. Und Gott sei Dank ist es dann nicht mehr an mir, zu schauen, welche Motivation hatte der Täter oder die Täterin, das Kind zu schädigen. Aber wir erleben durchaus Familien mit einer erheblichen Belastung, sei es, weil es finanzielle Probleme gibt, sei es, weil psychische Probleme vorhanden sind, sei es, weil es Drogenprobleme gibt, sei es, weil zu viele Kinder da sind, so dass eine Mutter nicht mehr klar kommt. Völlig egal, in welche Richtung es geht, wir merken, dass Belastungen da sind und wir haben mittlerweile auch eine Sozialpädagogin bei uns im Haus, die hier bei uns versucht, mit den Familien die Belastungssituationen herauszuarbeiten, um entsprechend Hilfen anbieten zu können, beziehungsweise dann den Weg zum Jugendamt zu ebnen und zu sagen, passt auf, es gibt eine Institution, die kann sie sehr gut unterstützen und da versuchen wir jetzt hinzugehen."

"Wir sind nicht parteiisch"

Frage: "Konnten sie Misshandlungen auch schon ausschließen?"

Prof. Elisabeth Mützel: "Natürlich hatten wir auch Fälle, wo wir für Eltern entlastend beigetragen haben, wo Vorwürfe im Raum gestanden sind. Wir sind eine Stelle, die objektiv arbeitet, neutral arbeitet und nicht parteiisch in eine Richtung reingeht. Wir sind da, um Verletzungen festzustellen und diese Verletzungen dann in einen Kontext zu bringen, zu einem Unfallmechanismus, der uns präsentiert wird oder auch zu einem Tatablaufgeschehen. Und zu sagen: 'Passt oder passt nicht dazu.""

Mehr Mediziner müssten einbezogen werden

Frage: "Was wünschen sie sich in der Zukunft für Ihre Arbeit?"

Prof. Elisabeth Mützel: "Was ich mir für meine Arbeit wünsche ist, dass sich tatsächlich mehr medizinische Professionen mit dieser Thematik auseinandersetzen. Gynäkologen zum Beispiel, bei jungen Mädchen, die von ihren Müttern in die Praxis gebracht werden, wegen eines Problems. Wir müssen die niedergelassenen Hausärzte mit einbeziehen und wir dürfen auf keinen Fall die ganzen Therapeuten vergessen, Kinder- und Jugendpsychotherapeuten, aber auch Psychologen."

© BR

Immer öfter müssen bayerische Jugendämter wegen Kindeswohlgefährdung tätig werden. Experten werten das jedoch auch positiv. Denn es deute darauf hin, dass die Aufklärungsarbeit langsam greifen würde.