Die Kindertagespflege Brezen-Bande in München. Zehn Kinder werden hier von drei qualifizierten Fachkräften betreut, auch Tagesmütter genannt.
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Die Kindertagespflege Brezen-Bande in München. Zehn Kinder werden hier von drei qualifizierten Fachkräften betreut, auch Tagesmütter genannt.

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Kinderbetreuung: Tagesmütter nicht erwünscht?

Kinderbetreuung: Tagesmütter nicht erwünscht?

Kitas sind voll. Eine Alternative bietet die Kindertagespflege, bekannt als Tagesmütter oder –väter. Viele Eltern nutzen dieses Angebot der Kinderbetreuung. Bayerns Sozialministerin Scharf ist aber offenbar gegen einen Ausbau der Kindertagespflege.

Eins, zwei, drei... sieben: Tagesmutter Jennifer Höfler zählt durch, wie viele Kleinkinder in der Brezen-Bande sind. Die Kindertagespflegeeinrichtung liegt in der Münchener Maxvorstadt. Offiziell heißen Jennifer Höfler und ihre beiden Kolleginnen "Tagesbetreuungsperson". Den Begriff "Tagesmütter" mögen sie nicht. Das erinnere zu sehr an das Klischee: Mütter betreuen in der eigenen Wohnung neben dem eigenen Kind noch ein paar andere Kinder. So läuft es aber schon lange nicht mehr.

Eine Alternative zur Kita: Tagesmütter und Großtagespflegestellen

In der Brezen-Bande betreuen drei Tagespflegepersonen zehn Kinder. Es ist eine Großtagespflegeeinrichtung, ein Zusammenschluss von mehreren Tagesmüttern. Das pädagogische Konzept: familiennah, kleine Gruppe, mehr Zeit für jedes einzelne Kind, individuelle Förderung, und jedes Kind hat eine feste Bezugsperson.

In Bayern gibt es laut zuständigem Sozialministerium mehr als 3.300 Tagespflegepersonen und rund 400 Großtagespflegestellen. Im Gegensatz zu Erzieherinnen müssen Tagesmütter keine Ausbildung durchlaufen, dafür aber eine Qualifizierung von 160 Stunden nachweisen. Jennifer Höfler ist ausgebildete Kinderpflegerin und hat 30 Jahre in einer städtischen Kita gearbeitet.

Eltern überzeugt vom Konzept der Kindertagespflege

Mit ihrer ersten Tochter ist Mutter Ines Sedic aus der Not heraus in einer Kindertagespflege gelandet. Die Pädagogin hatte in München keinen Kita-Platz bekommen. Mittlerweile ist sie vom Konzept der Kindertagespflege überzeugt. Auch ihr zweites Kind geht nun dorthin. "Wir haben uns ganz bewusst für eine Kindertagespflegeeinrichtung entschieden, weil wir uns hier sehr, sehr wohlfühlen. Es ist familiär, es ist klein, es ist behütet. Ich weiß, dass meine Tochter gesehen wird, dass sie nicht untergeht, dass sie bestmöglich betreut ist."

Sozialministerin Ulrike Scharf gegen Ausbau der Kindertagespflege

Viele Eltern sind dankbar für das Angebot der Kindertagespflege. Zumal es nicht mehr kostet als ein Kita-Platz. Die zuständige Sozialministerin Ulrike Scharf (CSU) ist aber offenbar gegen einen Ausbau. So heißt es in einem von ihr unterschriebene Bericht an den Sozialausschuss, der dem BR vorliegt:

  • "Ein Ausbau (der Kindertagespflege, KTP, Anmerkung der Red.) ist nicht zielführend, wenn dies zu einer Konkurrenzsituation bestehender Betreuungsformen führt."
  • "KTP ist dann gefragt, wenn und soweit Kindertageseinrichtungen nicht in der Lage sind, Betreuungsbedarf angemessen zu decken."
  • "Nicht zu unterschätzen ist auch die Sorge von Eltern, das Kind könnte eine engere Bindung mit der TPP (Tagespflegeperson) aufbauen."
  • "Für eine stärkere Professionalisierung der KTP wird kein Raum neben den herkömmlichen Ausbildungsgängen im Bereich der Kinderbetreuung gesehen."
  • "Es bestehen erhebliche Zweifel, ob der Ausbau der KTP angesichts der bundesrechtlichen Vorgaben und der im Vergleich zu den Kindertageseinrichtungen verhaltenen Akzeptanz in der Elternschaft durch landesrechtliche, strukturelle Regelungen deutlich vorangebracht werden könnte."

Opposition und Landesverband Kindertagespflege Bayern entsetzt

Eltern und Tagesmütter sind über diese Einschätzung der Ministerin verwundert. Die Opposition im Bayerischen Landtag ist verärgert. Johannes Becher, Landtagsabgeordneter der Grünen, sagt: "Die Aussagen von Frau Scharf sind eine richtige Watschn für die Kindertagespflege." Die Ministerin wolle keinen Ausbau, keine bessere Vergütung, keine Professionalisierung. "Das ist für mich vollkommen unverständlich. Es braucht doch dringend Betreuungsplätze."

Auch der Landesverband Kindertagespflege Bayern kritisiert die Sozialministerin scharf. Der Stellenwert der Kindertagesspflege sei absolut gleichzustellen mit der klassischen Kinderbetreuung, sagt Verbandsvorstands Markus Angerer. "Die Kindertagespflege ist kein Notnagel, wenn anderweitig keine Betreuungsplätze geschaffen werden können." Laut dem Verband sind in manchen Regionen in Bayern bis zu 30 Prozent der betreuten Kinder in Tagespflege- oder Großtagespflegestellen.

Sozialministerin Scharf stellt Qualität in den Mittelpunkt

Im BR-Interview ist Sozialministerin Ulrike Scharf nun zurückgerudert. Für sie spiele die Kindertagespflege eine wichtige Rolle im Baukasten von allen Betreuungsmöglichkeiten in Bayern. Ihr gehe es vielmehr um die Qualität der Kindertagespflege, so die Ministerin, die seit drei Monaten im Amt ist. "Wenn man die Kleinsten jemandem anders anvertraut, dann braucht es Vertrauen in die Qualität, in den Umgang mit den Kleinsten und deshalb müssen wir darauf achten."

Bayern setzt auf Mini-Kitas – Ein Konkurrenzmodell zur Kindertagespflege

Seit gut einem Jahr ist der Freistaat dabei, sogenannte Mini-Kitas aufzubauen, um mehr Betreuungsmöglichkeiten zu schaffen. Es ist ein Modell ähnlich wie die Kindertagespflege: kleinere Betreuungsgruppen mit maximal zwölf Kindern.

Da stellt sich die Frage: Warum nicht gleich die Kindertagespflege mit einbinden? Denn für die Mini-Kitas werden Tagesmütter abgeworben. Laut Sozialministerium dürften sie als Ergänzungskraft in den Mini-Kitas arbeiten. Sie müssten aber zusätzlich eine Qualifizierung durchlaufen – trotz ihrer Berufserfahrung in einer Kindertagespflege.

Dabei helfen Einrichtungen wie die Münchner Brezen-Bande schon jetzt, dass mehr Kinder im Freistaat betreut werden können.  

💡 Was unterscheidet Tagesmutter, Kinderpflegerin und Erzieherin?

Von Tom Fleckenstein:

Tagesmutter

Eine Tagesmutter ist eine qualifizierte Fachkraft, die vom Jugendamt geprüft wurde. Für diese Prüfung bekommt sie auch ein Zertifikat. Sie darf bis zu fünf Kinder gleichzeitig betreuen. Die eigenen Kinder sind dabei nicht mitgerechnet. Die Betreuung findet bei der Tagesmutter zu Hause, in anderen Räumlichkeiten oder bei den Auftraggebern statt. In Zusammenarbeit mit Jugendämtern bietet die Volkshochschule Kurse für Tagesmütter und Tagesväter an. Man kann die Ausbildung aber auch bei privaten Instituten, kirchlichen Trägern oder beim Jugendamt direkt absolvieren. Die Ausbildung dauert mehrere Wochen und umfasst 160 Stunden. Ein Lehrgang inklusive Prüfung kostet rund 1.000 Euro. Der Verdienst liegt laut Vergleichsportalen zwischen 1.500 und 3.400 Euro brutto pro Monat.

Kinderpflegerin

Die Kinderpflegerin arbeitet in der sogenannten "Kita" oder in der Krippe mit Kindern bis zum Grundschulalter. Es werden Kinder in Gruppen betreut, bis zu 25 Kinder in einer Gruppe. Eine Pflegerin sollte dabei laut Betreuungsschlüssel in Bayern für circa 4 Kinder zuständig sein. In der Praxis sind es oft mehr. Die Ausbildung zur staatlich geprüften Kinderpflegerin oder zum männlichen Pendant dauert 2 Jahre an einer Berufsschule und beinhaltet auch Praktika. Voraussetzung ist der Mittelschulabschluss. Eine Arbeit als Kinderpflegerin ist oft der Einstieg in die Ausbildung zur Erzieherin. Männer dürfen übrigens erst seit Ende der 1960er Jahre den Job machen. Als Kinderpflegerin verdient man im öffentlichen Dienst 2.500 Euro brutto als Einstiegsgehalt, mit Berufserfahrung maximal 3.500 Euro pro Monat.

Erzieherin

Für die Ausbildung zur staatlich anerkannten Erzieherin oder zum Erzieher benötigt man mindestens einen Realschulabschluss. Man kann sie auf einer Fachschule für Sozialpädagogik, einer Fachakademie oder einem Berufskolleg absolvieren. Die Ausbildung umfasst 2.400 Theorie- und 1.200 Praxisstunden und dauert je nach Bundesland zwischen 3 und 5 Jahren. Rund 440.000 Erzieherinnen und Erzieher sind in Deutschlands Kitas und Krippen beschäftigt. 95 Prozent davon sind Frauen. Zur Pädagogik mit Bildungsaufträgen kommt oft noch die Leitung und betriebswirtschaftliche Perspektive einer Einrichtung dazu. Der Verdienst: Zwischen 2.880 Euro brutto für Berufseinsteiger, später maximal 4.400 Euro pro Monat.

Quellen: Bundesverband für Kindertagespflege, Verdi, VHS.

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