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Kinderärzte im Landkreis Miltenberg schlagen Alarm | BR24

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Kinder sind auf eine zuverlässige ärztliche Versorgung angewiesen. In Miltenberg gibt es derzeit nicht nur zu wenig Kinderärzte, es mangelt zudem an Nachwuchs. Das Problem ist eine Bedarfsplanung aus dem Jahr 1993.

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Kinderärzte im Landkreis Miltenberg schlagen Alarm

Sie sind überlastet, müssen Eltern und deren Kindern oft absagen: Im Landkreis Miltenberg beklagen Kinderärzte Engpässe bei der Versorgung ihrer Patienten. Grund ist ein Stellenplan, der vor einem Vierteljahrhundert erlassen wurde.

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Schon um überhaupt durch die Leitung zu kommen, sind in der Praxis von Dr. Matthias Krueger oft mehrere Anrufe notwendig. 13-Stunden-Tage sind bei ihm keine Seltenheit. Noch mehr Kinder kann er nicht behandeln. "Ich muss irgendwie auch mit meinen Kräften haushalten. Wenn ich mal die Grätsche mache, dann nutzt das den anderen, die in Betreuung sind, auch nichts", sagt der Kinderarzt. Die Arzthelferinnen in seiner Praxis müssen deshalb vielen Eltern absagen. Die Lage wirkt zugespitzt. So wie Matthias Krueger geht es auch anderen Ärzten im Landkreis. Mit derzeit 6,5 Planstellen können sie den Bedarf kaum decken.

Überlastet und überaltert

Laut Landratsamt belegt der Landkreis Miltenberg bayernweit einen Spitzenplatz. Fünf der sieben Kinderärzte haben ihren 60. Geburtstag bereits hinter sich - umgerechnet über 70 Prozent. Die Praxen in der Region sind nicht nur überlastet, sie suchen auch nach Nachwuchs. Kinderarzt Carl Ulrich Schmid in Miltenberg hat einen jungen Arzt gefunden, der in seiner Gemeinschaftspraxis mitarbeitet. Mehr Patienten können dort trotzdem nicht behandelt werden. Denn: "Wir müssen unterschreiben, dass der Umfang der Praxis nicht vergrößert wird." Die Kassenarztsitze sind gedeckelt. "Das heißt wir haben ein bestimmtes Kontingent an Patienten. Diese Patienten dürfen wir behandeln", sagt Schmid. Mehr geht nicht. Sonst bekommt er Ärger. "Angesichts des Versorgungsnotstandes natürlich absurd", sagt der Kinderarzt. Grund dafür ist die Bedarfsplanung im Landkreis.

Landkreis Miltenberg eigentlich überversorgt

Offiziell gibt es im Landkreis Miltenberg nämlich sogar zu viele Kinderärzte. Laut Landratsamt ist der Kreis derzeit mit rund 122 Prozent überversorgt. Das liegt daran, dass die Berechnung der Planstellen auf bundesweiten Richtlinien aus dem Jahr 1993 fußt. In den 1990er-Jahren fürchtete die Politik eine Ärzteschwemme auf dem Land. Seitdem ist viel Zeit vergangen. Kinderarzt Schmid sagt, dass die Komplexität in der Kinderheilkunde seitdem gestiegen sei: "Der Arbeitsanfall, die Verdichtung der Arbeit ist so enorm, das jetzt landauf landab Kinderärzte fehlen." Hinzu kamen zuletzt eher wachsende Geburtenzahlen in Deutschland: 2011 gab es rund 663.000 Neugeborene, 2017 rund 785.000. Viele Kinderärzte seien deshalb überlastet, sagt Schmid.

Bundesweite Änderung in Aussicht

Auch bei der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB) ist das Problem bekannt. Ein Sprecher betont jedoch: "Wir sind daran gebunden, was uns vorgegeben wird." Denn die KVB muss die Zahlen umsetzen, die sich aus den vorgeschriebenen Verteilungsschlüsseln ergeben. Zuständig für die entsprechenden Richtlinien ist der sogenannte Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA). Dieser überprüft derzeit eine Überarbeitung. Das hat das Bundesgesundheitsministerium in die Wege geleitet. Das Landratsamt Miltenberg hofft darauf bis Ende des Jahres genauer zu wissen, wie sich die Bedarfsplanung entwickelt.

Nachwuchs auf dem Land schwer zu finden

Bis dahin jedoch haben Eltern und Ärzte im Landkreis Miltenberg weiterhin mit dem Versorgungsengpass zu kämpfen. Dr. Matthias Krueger will seine Praxis in Klingenberg noch ein paar Jahre betreiben. Schon jetzt hält er aber nach möglichen Nachfolgern Ausschau. Denn er weiß: Gerade auf dem Land könnte das nicht einfach werden.