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Kinder mit OP-Masken

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    Kinder- und Jugendhilfe: Corona als Brennglas

    Fachkräftemangel, schleppende Digitalisierung, Pandemie: Experten zeigen im Sozialausschuss den Landtagsabgeordneten die Baustellen auf, die Corona offenbart hat. Sie fordern einen Digitalpakt und vor allem eine Lobby für junge Menschen.

    Von
    Julia KammlerJulia Kammler
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    Ein Mädchen sitzt mit ihrem Laptop auf einem Marktplatz. Sie nutzt den örtlichen WLAN-Hotspot, um am Schulunterricht teilnehmen zu können. Denn in der Kinder- und Jugend-Einrichtung, in der sie lebt, gibt es kein WLAN. Eine wahre Geschichte, die Luca Müller, Vorsitzender des Landesheimrats Bayern, den Landtagsabgeordneten präsentiert.

    Kein WLAN, keine Computer, kein Unterricht

    "Es gab wirklich schlimme Zustände", erzählt Müller im Sozialausschuss. WLAN-Verbindungen waren in Wohngruppen und Heimen entweder nicht vorhanden oder sie waren auf Dauer nicht stabil genug, brachen immer wieder ab. Momentan sind die Auswirkungen schlechter Internetverbindungen nicht zu spüren, die Schulen sind ja offen.

    "Am Anfang der Pandemie waren oft auch nicht genügend Computer und Laptops zur Verfügung. Die Jugendlichen wussten gar nicht, wie sie jetzt am Unterricht teilnehmen sollten." Man habe sich dann teilweise mit den eigenen Handys behelfen müssen. "Ein zu kleiner Bildschirm, schlecht für den Unterricht und für die Augen", sagt Müller.

    Corona offenbart digitale Missstände

    Mit Spendengeldern hätte Müllers Einrichtung dann Endgeräte angeschafft. "Aber das geht ja nicht, du kannst ja nicht die Aufgaben vom Staat an Spender weitergeben. Man sagt ja auch nicht bei der Bundeswehr, wenn das Gewehr nicht mehr schießt, dass dann die Bevölkerung mal nach Spenden gefragt werden soll, das ist doch nicht richtig", meint Müller.

    Die Kinder- und Jugendhilfe in Bayern steht vor großen Herausforderungen. Michael Eibl, Direktor der katholischen Jugendfürsorge der Diözese Regensburg fordert daher einen eigenen Digitalpakt.

    Experten fordern Digitalpakt

    "Im neuen Ampel-Koalitionsvertrag steht er expressis verbis drin. Ich dachte, ich lese nicht richtig, tolle Geschichte", findet Eibl. So etwas brauche es auch in Bayern, für die Jugendlichen, aber auch die Mitarbeiter in den Einrichtungen. Auch Melanie Mönnich, Referentin für Kinder, Jugend und Bildung beim Paritätischen Wohlfahrtsverband fordert eine "zeitgemäße funktionierende digitale Ausstattung mit entsprechendem technischen Support" und verweist auf die Chancengerechtigkeit: "Man muss immer überlegen, wie läuft es in der Praxis. Wir haben Kinder, die konnten im Lockdown ihrer Schulpflicht nicht nachkommen, nur, weil sie keine technischen Geräte hatten."

    Pandemie: "Auswirkungen massiv unterschätzt"

    Kinder- und Jugendarbeit dürfe aber nicht nur digital stattfinden, meint der Behindertenbeauftragte der Staatsregierung, Holger Kiesel. "Die meisten von uns haben die Auswirkungen der Pandemie auf die Kinder und Jugendlichen, mit oder ohne Behinderung, massiv unterschätzt"“, mahnt Kiesel. Man habe gedacht, die jungen Menschen werden "die Krise schon wegstecken“. Dabei sind soziale Kontakte weggebrochen, die Kinder sollten "einfach funktionieren"

    Langfristige Folgen: "Jetzt mit Bewältigung starten"

    Die langfristigen Folgen im psychischen und sozialen Bereich würden sich noch zeigen, so Kiesel. Daher sollte man schon jetzt mit der Bewältigung der Pandemiezeit starten, etwa mit speziellen Gesprächs-, Therapie- und Begegnungsmöglichkeiten. Kinder und Jugendliche befänden sich schließlich in einer besonders sensiblen Entwicklungsphase.

    Kritisiert wurde von den Experten in diesem Zusammenhang auch immer wieder die 2G-Zugangsbeschränkungen für Jugendzentren und Jugendtreffs, so wie sie die aktuelle Corona-Verordnung des Gesundheitsministeriums vorsieht.

    Kritik an "de-facto-Lockdown für 12- bis 17-Jährige"

    "Es ist geradezu absurd: Die Staatsregierung verwehrt einem Großteil der nicht oder noch nicht geimpften 12- bis 17-jährigen den Zugang zur Jugendarbeit, aber im Restaurant essen und im Hotel übernachten können sie", kritisiert etwa der Präsident des Bayerischen Jugendrings, Matthias Fack. Kinder und Jugendliche würden damit nach ihrem Impfstatus sortiert, meint Christian Lüders vom Bayerischen Landesjugendamt. "Ich möchte nicht sagen, dass alles Unsinn ist, was in dieser Verordnung steht, aber ich habe Gesprächsbedarf."

    Junge Menschen brauchen "starke Lobby"

    Corona habe vor allem psychosoziale Folgen für die, die vorher schon benachteiligt waren, sagt Mechthild Wolff, Professorin an der Hochschule Landshut. Zur Bewältigung der Corona-Pandemie müsse die Gesellschaft jungen Menschen jetzt eine starke Lobby geben, und Räume, in denen sie nicht "nur nach Leistung" beurteilt würden. "Kinder- und Jugendhilfe ist eine Investition in den Kinderschutz", so Wolff. Um die Zukunftsfähigkeit langfristig zu sichern, brauche es Geld und Personal.

    In Bezug auf das Personal waren sich die Experten einig: Um künftig Fachkräfte für die Kinder- und Jugendarbeit zu gewinnen, müsse die Regierung mehr Studienplätze einrichten, die Ausbildung reformieren, Weiterbildungsangebote kostenfrei machen, Möglichkeiten für Quereinsteiger schaffen und vor allem für höheres Gehalt in den sozialen Berufen sorgen.

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