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Schulschließungen, kein Vereinstraining, keine Parties, weniger Freunde. Die sind nur einige der Probleme mit denen Kinder seit der Pandemie zu kämpfen haben.

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Kinder in der Pandemie: Einsamkeit und Essstörungen nehmen zu

Wenn über die Situation von Kindern diskutiert wird, dann meist über ihre Beschulung. Ihre Bedürfnisse werden kaum berücksichtigt. Aber viele belasten die Kontaktbeschränkungen, sie fühlen sich einsam und haben wenig Struktur im Alltag.

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  • Astrid Uhr

Kinder und Jugendliche verbringen während der Pandemie viel mehr Zeit Zuhause. Plötzlich bekommt Essen eine viel wichtigere Rolle, weil es daheim immer greifbar ist. Kinderärzte beobachten einerseits, dass momentan viele Kinder extrem zunehmen. Andererseits kommen immer mehr Jugendliche mit Magersucht und Bulimie in ärztliche Behandlung. An der München-Klinik für Kinder- und Jugend-Psychosomatik warten gerade viele junge Menschen auf einen Therapie-Platz, um ihre Essstörung in den Griff zu bekommen.

Homeschooling als Auslöser für Magersucht

39 Kilo bei einer Größe von 1,67 Meter: Die 14-jährige Elena hatte im Juni extremes Untergewicht. "Corona hat dazu geführt, dass ich plötzlich keine Struktur mehr im Alltag hatte", erzählt die Teenagerin. Plötzlich hatte sie Zeit übrig, viel Zeit, und fühlte sich einsam. Sie begann, Kalorien zu zählen, Mahlzeiten zu reduzieren. Die 14-Jährige besucht die 9. Klasse eines Gymnasiums. Vor Corona war die erfolgreiche Schülerin gewohnt, ihren Alltag fest im Griff zu haben: Hausaufgaben, Freunde, Tennis, Reiten…

Ihr Terminkalender war voll, für alles gab es feste Zeiten. Auch feste Zeiten für Frühstück und Mittagessen. Aber als Elena nicht mehr morgens zur Schule musste, kreisten ihren Gedanken nur noch um Kalorien. Die Familie sorgte sich, sie begann eine ambulante Psychotherapie - doch ohne Erfolg.

Corona bringt Essstörungen zum Vorschein

Nach wochenlangem Warten bekam Elena endlich einen Platz in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychosomatik in München-Schwabing. "Seit Beginn der Pandemie fragen viele Patienten mit Essstörungen bei uns an wegen einer stationären Therapie, mehr als sonst", sagt Chefärztin Sigrid Aberl. Was ihr auffällt: Die Jugendlichen, die jetzt kommen, haben extremes Untergewicht, also Symptome einer schweren Erkrankung. Auch wenn es noch keine validen Zahlen gibt.

Das Phänomen der Zunahme von Essstörungen in der Pandemie bestätigen auch niedergelassene Ärzte im Austausch mit der München-Klinik. Bei Jugendlichen wie Elena können Kontaktbeschränkungen dazu führen, dass sich Probleme verschärfen, die sie schon vorher hatten. Magersucht trifft oft Mädchen mit hohem Leistungsanspruch und niedrigem Selbstwert.

Jugendliche brauchen ihre Familie

Elena darf bald wieder nach Hause. Nach sieben Monaten Klinik hat sie wieder ein fast normales Essverhalten. Sie liegt nur noch knapp unter ihrem Zielgewicht von etwa 54 Kilo. In den verschiedenen Angeboten der Klinik wie z.B. Psychotherapie, Ernährungstherapie, Körpertherapie, Kunsttherapie hat sie gelernt, besser auf ihre Bedürfnisse zu achten, wieder Hunger zu fühlen und Konflikte im zwischenmenschlichen Bereich anders zu lösen.

Einmal pro Woche sucht Therapeut Josef Zisler mit Elena, ihren Eltern und ihrer Schwester gemeinsam nach Konflikten und Lösungen. Denn hinter einer Essstörung können sich verschiedene psychische Probleme verstecken, Konkurrenzverhalten, Leistungsdruck, aber auch familiäre Probleme, wie z.B. ein Wunsch nach Abgrenzung. "Ich bin meiner Familie so dankbar", sagt die 14-jährige. "Ohne ihre Unterstützung hätte ich es nicht geschafft, diesen Weg zu gehen." Mittlerweile haben die Eltern erkannt, dass Magersucht eine Krankheit ist, die ernst zu nehmen ist, aber die sich behandeln lässt - und die kein Tabu sein darf.

Essstörungen bei Mädchen und Jungs

Viele Jugendliche zeigen Unregelmäßigkeiten oder Auffälligkeiten in ihrem Essverhalten. Doch solange sie in die Schule gehen, haben sie eine klare Tagesstruktur. Zudem üben Lehrer und Mitschüler eine gewisse soziale Kontrolle aus und können Betroffene zum regelmäßigen Essen motivieren. Wenn die Jugendlichen nun mehr daheim sind, haben sie mehr Zeit, sich mit ihrem Körper zu beschäftigen oder Essstörung zu leben.

Ärzte beobachten, dass etwa dreimal so viele Mädchen von Essstörungen betroffen sind wie Jungen. Aber auch bei den jungen Männern stellt Sigrid Aberl einen steigenden Therapie-Bedarf fest: "Bei den Jungs ist die Essstörung oft gepaart mit einer Muskelsucht, und einem orthorexen, also sehr gesundheitsbewussten Verhalten". Dazu kommen häufig auch zwanghafte Verhaltensweisen.

Corona betrifft alle Kinder und Jugendlichen

Die Pandemie verschlechtert die Lebensqualität aller Kinder und Jugendlichen, quer durch alle Schichten. Eine repräsentative Studie der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf (UKE) zeigt: Bei Kindern haben sich im eigenen Erleben psychische Auffälligkeiten wie Ängste seit dem ersten Lockdown nahezu verdoppelt. Die Kinder zeigen auch eine Zunahme von Ängsten die mit körperlichen Symptomen einhergehen, wie Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Unwohlsein.

Vor allem Kinder, aus Familien mit niedrigem Bildungsabschluss, engen Wohnverhältnissen oder Migrationshintergrund, reagierten auf die Corona-bedingten Veränderungen häufiger mit psychischen Auffälligkeiten, so die UKE-Wissenschaftler. Für die Studie COPSY (Corona und Psyche) wurden im Mai und Juni mehr als 1.000 Kinder und Jugendliche zwischen elf und 17 Jahren und mehr als 1.500 Eltern online befragt.

Rituale und Kontakte pflegen

"Ich empfehle den Kindern und Jugendlichen immer, ihren Blick auf das Positive im Leben zu richten", erklärt Chefärztin Sigrid Aberl. Auch wenn die Pandemie alles einschränkt, das Leben ist trotzdem schön. Hilfreich können Rituale sein, die eine positive Stimmung unterstützen: "Der eine mag gern ein Vollbad am Abend, der andere hört jeden Nachmittag sein Lieblingslied".

Der wichtigste Faktor für glückliche Jugendliche aber seien die sozialen Kontakte, da ist sich die Chefärztin ganz sicher, denn diese nehmen gerade im Jugendalter neben der Familie einen hohen Stellenwert ein. Auch wenn momentan keine persönlichen Treffen möglich sind: Via Internet, Telefon, Post könnten Beziehungen weitergepflegt werden. Hier seien auch die Eltern gefragt, ihre Kinder zu unterstützen.

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Bildrechte: dpa/pa, Sandra Roesch

Einsamkeit und Essstörungen nehmen zu

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