Ein Mädchen auf einer Schaukel (Symbolbild)

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Kinder an die Macht? Regensburg geht voran

Kinder an die Macht? Regensburg geht voran

Im Ranking der 20 kinderfreundlichsten Länder der Welt taucht Deutschland nicht auf. Und weniger als die Hälfte der Bürger hält es für kinderfreundlich. Die Stadt Regensburg versucht gegenzusteuern.

Zu seinem 50-jährigen Bestehen in diesem Jahr hat das Deutsche Kinderhilfswerk eine Umfrage gestartet, wie stark Kinderinteressen in Deutschland berücksichtigt werden. Das Ergebnis: Nur 48 Prozent der Befragten glaubten, in einem kinderfreundlichen Land zu leben. Und auch viele Experten mahnten während der Corona-Pandemie immer wieder, dass die Bedürfnisse von Kindern zu oft außen vor blieben. "Deutschland kindgerecht zu gestalten heißt, die Kinderrechte umfänglich umzusetzen", mahnt das Kinderhilfswerk daher.

Die Stadt Regensburg hat sich das schon vor vielen Jahren auf die Fahnen geschrieben. "Die Stadtpolitik in Regensburg hat schon in den 1990er Jahren begriffen, dass Kinder- und Familienfreundlichkeit ein ganz wichtiger Standortfaktor sind", erzählt Anna Schledorn, die Jugendhilfeplanerin beim Amt für kommunale Jugendarbeit.

Sie selbst ist seit 15 Jahren bei der Stadt, hat mitgeholfen, die einzelnen Projekte zusammenzuführen und ein übergreifendes Konzept daraus zu machen. So wurde Regensburg etwa die erste Modellstadt von "kinderfreundliche Kommunen", einem gemeinsamen Verein von Unicef und Deutschem Kinderhilfswerk.

Kinder planen ihre Spielplätze selbst

"Das Besondere in Regensburg ist, dass sich nicht nur das Jugendamt für Kinder einsetzt, sondern dass zum Beispiel auch das Stadtplanungsamt und das –entwicklungsamt die Interessen von Kindern und Jugendlichen mitbedenken", sagt Schledorn.

Heißt konkret: Kinder werden zum Beispiel an der Planung beteiligt, wenn in ihrer Nachbarschaft ein neuer Spielplatz entstehen soll, oder wenn der Bahnhofsvorplatz neugestaltet wird.

Außerdem gibt es etwa einen Kinder- und einen Jugendbeirat, die ihre Ideen und Vorstellungen einbringen können, wenn die Stadt neue Baugebiete plant. "Hier wurden systematisch kinderfreundliche Strukturen geschaffen, die dafür gesorgt haben, dass es in Regensburg nicht auf den guten Willen einzelner Politiker oder Geschenke aus dem Haushalt ankommt, sondern dass garantiert wird, dass die Kinderrechte umgesetzt werden", erklärt Schledorn im BR24 Podcast "Dreimal besser".

So gibt es zum Beispiel feste Vorgaben, wie viel Quadratmeter Spielfläche pro Einwohner in Neubaugebieten geschaffen werden müssen.

Kinderbeteiligung braucht Zeit

Wichtig sei es dabei aber auch, den Kindern rechtzeitig aufzuzeigen, was planerisch möglich ist und was nicht – im Rahmen von Budget, Platz und Sicherheitsvorschriften, meint Schledorn: "Es bringt nichts, wenn man eine Wunschaktion macht und am Ende streicht der Planer fast alle Wünsche wieder weg, das frustriert die Kinder. Deshalb muss man sie in den ganzen Prozess einbinden und sie befähigen, selber die richtigen Entscheidungen zu treffen."

Und das kann dann schon mal dauern. Oft sage sie den Kindern erst einmal gar nicht, dass es um einen Spielplatz geht, sagt die Jugendhilfeplanerin. "Sonst kommt: Schaukel, Wippe, Rutsche, fertig. Wir wollen aber der Phantasie freien Lauf lassen und gemeinsam Ideen entwickeln." Dazu gehöre es, zunächst die Bedürfnisse zu sammeln und ausführlich zu überlegen, wer spielt was zu welcher Jahreszeit wie am liebsten – erst dann gehe es in die eigentliche Planung, mit Workshops, Abstimmungsprozessen und allem, was dazugehöre.

Kinder und Senioren wollen oft dasselbe

Ein Aufwand, der sich aber lohnt. Das Regensburger Konzept ist mittlerweile international gefragt – und es bringt nicht nur für die Kleinen Vorteile: "Wenn man Kinder ernsthaft beteiligt, stellt man fest, dass sie häufig Wünsche haben, die zum Beispiel auch Senioren haben", erzählt Schledorn. Etwa nach weniger Müll und mehr Grün, nach Schatten oder Plätzen, an denen man sitzen könne, ohne konsumieren zu müssen. Ebenso hätten Kinder und Senioren gleichermaßen das Anliegen, sicher ohne Auto unterwegs zu sein – auf sicheren Gehwegen oder mit einem gut ausgebauten Personennahverkehr zum Beispiel.

So gesehen ist kinderfreundliche Planung in Regensburg doch ein generationenübergreifendes Projekt.

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