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Kind verdursten lassen? IS-Anhängerin ohne Regung vor Gericht | BR24

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Eine 27-jährige Frau sitzt im Oberlandesgericht München auf der Anklagebank - wegen Mordverdacht und weiterer Vergehen. Sie hat sich einst den IS-Terroristen im Irak angeschlossen und dort eine Fünfjährige in sengender Hitze verdursten lassen.

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Kind verdursten lassen? IS-Anhängerin ohne Regung vor Gericht

In München ist der Terrorprozess gegen die IS-Anhängerin Jennifer W. (27) gestartet. Sie soll im Irak für die strenge Sittenpolizei des" Islamischen Staates" gearbeitet haben. Noch schwerer jedoch wiegen weitere Vorwürfe: Mord und Kriegsverbrechen.

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Jennifer W. schweigt. Die 27-Jährige sitzt auf der Anklagebank des Oberlandesgerichtes in München. Jennifer W. trägt dunkle Brille, dunkle Ohrringe, ihre Haare hat sie zu einem Zopf gebunden, der ihr bis zur Hüfte reicht. Noch vor wenigen Jahren lief sie vollverschleiert durch ihren Geburtsort in Niedersachsen, später dann, zwischen 2013 und 2015 durch Städte in Syrien und dem Irak, die heute Synonyme für Terror und Grausamkeit sind: Rakka, Mosul, Falludscha.

Keine Regung angesichts der Vorwürfe

Heute vor Gericht zeigt Jennifer W. keine Regung. Auch nicht, als die Vertreterin der Bundesanwaltschaft innerhalb von 15 Minuten die Anklageschrift verliest. So lange dauert es, bis alle Vergehen, die der 27-Jährigen vorgeworfen werden, verlesen sind. Es sind Vorwürfe, wie sie bisher vor keinem deutschen Gericht verhandelt wurden. Vorwürfe, zu denen Jennifer W. am Dienstag keine Stellung bezieht, denn die Verhandlung wird direkt nach Verlesen der Anklageschrift wieder beendet. Der Anwalt von der jungen Frau lässt offen, ob sie eine Aussage machen wird. Bisher habe sie jedoch geschwiegen.

Gehalt vom IS für die Sittenwächterin

Vorgeworfen werden der Frau unter anderem Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, Mord aus niedrigen Beweggründen, Kriegsverbrechen und Verstöße gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz. Jennifer W. soll Mitglied des Islamischen Staates gewesen sein. Sie soll Gehalt vom IS erhalten haben - dafür, dass sie für die Sittenpolizei, die sogenannten Hisba, die Einhaltung der strengen Tabak-, Alkohol- und Kleidervorschriften kontrolliert hat. Jennifer W. soll dabei eine Waffe getragen habe. Den Behörden gilt sie dadurch als Kämpferin.

Kind in der Sonne angebunden

Aber nicht genug. Jennifer W. soll, gemeinsam mit ihrem irakischen Mann, den sie im Gebiet des IS kennengelernt hat, eine Sklavin gehalten haben. Diese, Nora B., ist Jesidin und hat eine kleine Tochter. Im Sommer 2015, soll Jennifer W.s Mann das fünfjährige Kind im Innenhof des Hauses angebunden und alleine gelassen haben. Die Sonne brannte auf das Mädchen herunter, Jennifer W. sah, so die Anklage, lange zu, brachte dann ein Glas Wasser in den Hof. Das Kind war zu dem Zeitpunkt aber schon verdurstet. Das kleine Mädchen hieß Reda Saido. "Mord durch Unterlassen" ist der juristische Ausdruck für Jennifer W.s Handeln, Mord als Kriegsverbrechen der völkerrechtliche Begriff, so zumindest die Nebenkläger.

Erstmals Verbrechen gegen Jesiden vor Gericht

Was dieses Verfahren in München besonders macht ist nicht so sehr die Grausamkeit der vorgeworfenen Taten, es ist auch, dass sich ein deutsches Gericht erstmals mit den Gewalttaten gegen die Volksgruppe der Jesiden beschäftigt. Die Mutter von Reda, Nora B., ist als Nebenklägerin im Verfahren zugelassen. Sie soll im Laufe des Verfahrens aussagen, zu Prozessbeginn war sie nicht anwesend.

Dafür waren ihre Vertreterinnen und Vertreter im Saal: die Berliner Anwältin Natalie von Wistinghausen und der Münchener Verteidiger Wolfgang Bendler. Sie vertreten Nora B. gemeinsam mit der Londoner Anwältin Amal Clooney. In einem Statement vor Prozessbeginn sagte Clooney sie hoffe, dass "dies ist nur das erste von vielen Strafverfahren" sei, bei dem "internationales Recht" zur Verfolgung der Straftaten des IS angewandt wird.

Bei Verurteilung droht lebenslange Haftstrafe

Bis sich die Verhandlung mit dem Leiden der Jesiden und dem Tod des kleinen Mädchens im Haus von Jennifer W. befasst, wird es um die 27-jährige Niedersächsin selbst gehen. Wie sie sich radikalisiert hat, wie sie 2014 erst in die Türkei, dann nach Syrien und später weiter nach Flausch in den Irak gereist ist. Weshalb Jennifer W. 2016 zurückkehrte, ihr Kind in Deutschland bekam, nur um sich 2018 wieder auf den Weg nach Syrien zu machen. Wie die deutschen und amerikanischen Behörden sie beobachtet und schließlich festgenommen haben. Und es wird darum gehen, wie Jennifer W. bestraft werden soll.

Mindestens bis Ende September wird das Gericht den Fall verhandeln. Experten rechnen jedoch mit einem deutlich längeren Prozess. Ein Prozess, bei dem Jennifer W. wohl schweigen wird und bei dem am Ende eine lebenslange Haftstrafe droht.