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Lotta Lefherz ist Schülerin an der Keramikschule in Landshut. Sie frustriert der ständige Distanzunterricht.

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Keramikschule ohne Praxis: Schülerin schreibt Brief an Piazolo

Seit vier Monaten arbeiten die Schüler der Keramikschule Landshut statt mit der Drehscheibe nur noch mit dem Laptop. Wegen Corona sind sie - bis auf die Abschlussklassen - im Distanzunterricht. Um das zu ändern, schrieben sie ans Kultusministerium.

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Von
  • Zara Kroiß

Mit den Händen arbeiten, kreativ sein - das waren die Gründe, warum sich Lotta Lefherz vor eineinhalb Jahren für die Ausbildung an der Keramikschule Landshut entschieden hat. Seit vier Monaten gibt es wegen Corona allerdings nur noch Distanzunterricht, ganz ohne Praxis. Das demotiviert und lässt sogar manche überlegen, die Schule deshalb abzubrechen.

Werkstatt im umgebauten Kellerabteil

Das was viele als Abstellraum für Gerümpel, Skier oder Werkzeug nutzen, ist derzeit der Arbeitsplatz von Lotta Lefherz. Weil ihr Unterricht an der Keramikschule Landshut wegen Corona aktuell ausschließlich online stattfindet, hat sich die 20-Jährige in einem kleinen Kellerabteil, drei Stockwerke unter ihrer WG, ihre eigene provisorische Werkstatt gebaut. Dort übt sie derzeit mit einer von Bekannten geliehenen Drehscheibe das sogenannte Drehen. Andere Praxis-Fächer wie Formen, Gipsen und Malerei fallen seit vier Monaten weg - insgesamt zwei Drittel des Unterrichts.

Große Maschinen fehlen zum Üben

Mit ihrer Drehscheibe ist Lotta ihren Mitschülern dennoch einen Schritt voraus. Die wenigsten haben Equipment daheim, da es sich meist um große Maschinen wie beispielsweise einen Brennofen handelt. Auch hätten die Schüler damals nicht gedacht, dass der Distanzunterricht so lange anhält, erzählt Lotta: "Wenn wir von Anfang an gewusst hätten, wir sind jetzt vier Monate nicht in der Schule, dann hätten sich wahrscheinlich viele Praktika geholt oder eine Werkstatt eingerichtet."

Lotta: "Wir hinken hinterher"

In der jetzigen Situation fühlen sich Lotta und ihre Mitschüler nicht richtig ausgebildet. Sie haben das Gefühl in der Praxis hinterherzuhinken: "Wir verlieren sehr viel Zeit - Zeit zu trainieren und Techniken zu lernen und das einzuüben. Und da gibt es schon die Sorge, ob wir die Gesellenprüfung nächstes Jahr schaffen." Auch gebe es Bedenken, man könnte nächstes Jahr aufgrund der erschwerten Bedingungen bei der Prüfung begünstigt werden: "Aber wir wollen ja das Handwerk lernen und nicht nur die Gesellenprüfung bestehen."

Schulleiterin: "Mir sind die Hände gebunden"

Eine Sorge, die Lottas Schulleitung Veronika Märkl nachvollziehen kann. Zwar begrüßt sie das Engagement ihrer Schüler, etwas verändern und auch wieder in die Schule gehen zu wollen. Andererseits seien ihr die Hände gebunden, da sie die Vorschriften des Kultusministeriums befolgen muss. Diese sehen vor, dass Schüler bei einem Inzidenzwert über 100 - so wie es aktuell in der Stadt Landshut der Fall ist - im Distanzunterricht bleiben. Ausgenommen davon sind Abschlussklassen. Diese können derzeit in den Praxisunterricht und so ihre Abschlussstücke fertigen, so Märkl. Für alle anderen Jahrgangsstufen lasse man sich derzeit Lösungen einfallen. So möchte man beispielsweise "den theoretischen Unterricht schneller durchziehen und dann, wenn die Schülerinnen und Schüler wieder kommen können, verstärkt auf praktischen Unterricht setzen können," so Märkl.

Schüler schrieben Brief an Piazolo

Lotta und ihre Mitschüler haben kurz vor den Osterferien das Ruder selbst in die Hand genommen und dem bayrischen Kultusminister Michael Piazolo (FW) einen offenen Brief geschickt. Neben der Forderung nach einem sicheren Konzept an der Schule, stellten die Schüler darin Lösungen vor, wie man den Präsenzunterricht in Zukunft gestalten könnte: "Wir haben auch reingeschrieben, dass wir gestaffelten Unterrichtsbeginn zum Beispiel in Ordnung finden, also entweder im 20 Minutentakt oder dass man nur einen halben Tag in die Schule geht oder so. Da sind wir kompromissbereit, weil wir überhaupt in die Schule wollen."

Keramiker erhielten "Copy and Paste"- Antwort

Mittlerweile haben die Schüler eine Antwort erhalten. Fazit: Ernüchternd. "Meiner Meinung nach war das 'Copy and Paste'. Da stand drin, was es für Regelungen gibt und seit wann die gelten. Aber das wussten wir alles bereits", erzählt Lotta. Auch habe das Kultusministerium den Anschein, dass das aktuelle Modell gut funktioniere und dass die Praxis nach Corona nachgeholt werden könne. "Wenn die Zeit immer geringer wird, die wir dann in der Schule verbringen können, reichen die Werkstätten nicht aus für die Menge an SchülerInnen und die Zeit nicht mehr, dass wir das alles aufholen", befürchtet Lotta.

Schüler überlegen abzubrechen

Eine ernüchternde Antwort, die die Schüler der Keramikschule Landshut nachträglich demotiviert, wie sie sagen. So würden manche Schüler überlegen, die Schule abzubrechen. Andere, wie Lotta und ihre Mitbewohnerin Annika, spielen mit dem Gedanken, nach der Schule noch einen Meister an die schulische Ausbildung hängen. Mit ihrem jetzigen Erfahrungsstand fühlt sich zumindest Lotta noch lange nicht bereit für den Arbeitsmarkt.

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Lotta beim Drehen in ihrem zur Werkstatt umgebauten Kellerabteil.

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