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Keine "Versuchskaninchen": Beistand für streikende Abiturienten | BR24

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Abiturienten von sieben Nürnberger Schulen verweigern den Präsenzunterricht. Ihr Argument: Es sei nicht zu verantworten, dass sich die Schülerinnen und Schüler zwischen Bildung und Gesundheit entscheiden müssten.

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Keine "Versuchskaninchen": Beistand für streikende Abiturienten

Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) solidarisiert sich mit den streikenden Abiturienten in Nürnberg. Diese dürften sich nicht wie Versuchskaninchen vorkommen. Präsenzunterricht sei unter den gegebenen Bedingungen "grob fahrlässig".

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Von
  • Florian Deglmann

Nachdem Abiturientinnen und Abiturienten in Nürnberg den Präsenzunterricht verweigert haben, solidarisiert sich die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) mit den Schülerinnen und Schülern. Florian Kohl, stellvertretender Landesvorsitzender der GEW, sagte dem Bayerischen Rundfunk, er könne verstehen, wenn sich Jugendliche sowie Lehrkräfte wie "Versuchskaninchen" vorkämen.

Den zivilen Ungehorsam der Schülerinnen und Schüler aus Nürnberg könne er nachvollziehen, zum einen vor dem Hintergrund der Inzidenzzahlen, die in der Frankenmetropole noch immer keinen Anlass zur Beruhigung geben. Zum anderen aus dem Grund, dass seiner Ansicht nach das Modell des Wechselunterrichts für Abschlussklassen "nicht das geeignetste" sei. Denn sei es zuvor möglich gewesen, online den kompletten Stundenplan abzubilden, könne nun durch den Wechsel von Präsenz- und Online-Unterricht lediglich die Hälfte des Lehrstoffs in derselben Zeit bewältigt werden.

Präsenzunterricht "grob fahrlässig"

Den seit Montag geltenden Präsenzunterricht bezeichnete Kohl als "grob fahrlässig". Dabei kritisierte er auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU): "Er sagt, wir schauen uns das mal ein paar Wochen an und wenn es zu viele Infektionen werden, können wir wieder zumachen." Diese Aussage sei laut Florian Kohl "beinahe menschenverachtend".

"Jede zusätzliche Infektion bedeutet eben auch ein großes Risiko für die vulnerablen Gruppen, die unter Umständen mit ihrem Leben oder ihrer Gesundheit bezahlen." Florian Kohl, stellvertretender Landesvorsitzender GEW

Für Kohl komme die teilweise Öffnung der Schulen für die Abschlussklassen zu früh: "Ich fürchte, dass der gleiche Fehler gemacht wird wie vor Weihnachten, als die Schulen zu lange noch offen waren. Und dann haben wir in sechs Wochen den nächsten Lockdown."

Neue Corona-Mutationen erhöhen Risiko

Dem Kultusministerium wirft der stellvertretende GEW-Landesvorsitzende vor, lediglich auf die Pandemie zu reagieren anstatt zu agieren. Die Verantwortlichen versuchten verzweifelt, die Normalität zu wahren. "Das hat nichts mit Fürsorgepflicht zu tun", sagte Kohl, auch vor dem Hintergrund der neuen Corona-Mutationen, über die man noch nicht genug wisse, um das Risiko realistisch einschätzen zu können.

Streik der Nürnberg Schüler geht weiter

Abiturienten von mehreren Nürnberger Schulen sind auch am Mittwoch wegen der hohen Corona-Zahlen im Streik. Seit Anfang der Woche verweigern sie den Präsenzunterricht. Gerade mit der neuen, ansteckenden Corona-Mutation sei es nicht zu verantworten, dass sich die Schülerinnen und Schüler zwischen Bildung und Gesundheit entscheiden müssten, sagte Ioana Atanasoaie, Abiturientin am Hans-Sachs-Gymnasium, dem Bayerischen Rundfunk.

Kultusministerium reicht Entscheidung weiter

Das Kultusministerium teilte dem BR indes auf Anfrage mit, das Ministerium nehme die Sorgen der Schülerinnen und Schüler sehr ernst. Es sei aber die Entscheidung des Gesundheitsamtes in Nürnberg, ob abweichende Entscheidungen von den infektionsschutzmaßnahmen getroffen werden sollen. Laut Angaben des Kultusministeriums sind die betroffenen Nürnberger Schulen im Gespräch mit der Schülervertretung.

Gleichzeitig verteidigt das Ministerium in seiner Stellungnahme den Präsenzunterricht. "Gerade mit Blick auf die anstehenden Abschlussprüfungen hat Präsenzunterricht erhebliche pädagogische Vorteile." Im unmittelbaren Austausch in der Schule könnten die Lehrkräfte sich ein gutes Bild über den Kompetenzstand verschaffen und bestmöglich fördern.

GEW fordert Stufenplan

Gewerkschaftsvertreter Kohl fordert nun einen Stufenplan zur Wiedereröffnung der Schulen. Dafür benötige es Kriterien, die diesen Stufenplan ganz klar regelten. In diesem Zusammenhang sorgt sich Florian Kohl zudem um die Schülerinnen und Schüler der niedrigeren Jahrgangsstufen.

Man könne nicht die Älteren, die kein Problem mit digitalem Unterricht hätten, in den Präsenzunterricht schicken und die Jüngeren, die kaum online unterrichtet werden könnten, zuhause lassen. "Wenn man irgendwie etwas mit Bildungsgerechtigkeit und Familienentlastung zu tun haben will, dann muss man auch dementsprechend handeln und kann nicht einfach so weitermachen wie bisher."

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