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Keine Chance? Corona und Straßenzeitungen | BR24

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Das Coronavirus stellt auch die Betreiber von Straßenzeitungen vor große Herausforderungen.

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    Keine Chance? Corona und Straßenzeitungen

    Manche Obdachlose erzielen durch den Verkauf von Straßenzeitungen zumindest kleine Einkünfte – und die brechen jetzt weg. Doch die Alternativ-Blätter sind erfinderisch und versuchen, ihre VerkäuferInnen in der Krise nicht im Stich zu lassen.

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    Seit Mitte März hat sich der Tagesablauf von Ercan Uzun massiv verändert: Er geht nicht wie sonst um 8 Uhr morgens los, um einen Stapel der Straßenzeitung "BISS" zu besorgen. Er stellt sich nicht mehr an seinen Stammplatz am Münchner U-Bahnhof Sendlinger Tor. Und er kann nicht - wie er das seit fast 20 Jahren tut - die Zeitschriften aus seinem Koffer heraus an die Kunden weiterverkaufen: "Es kam schrittweise. Erst durften wir nur noch 20 Zeitungen kaufen, zwei Tage später hieß es, es werden keine Hefte mehr ausgegeben. Eine Woche später wurde der Verkauf eingestellt."

    Für die gut 100 Verkäufer der Münchner Straßenzeitung bedeutet das: keine Arbeit mehr.

    "Ich falle in ein tiefes Loch. Aber man muss sagen, ich habe eine Familie, meine Kinder sind auch davon betroffen und meine Frau geht arbeiten." Verkäufer BISS

    Kurzarbeitergeld für BISS-Verkäufer

    Neben der Unterstützung durch seine Familie bekommt Uzun von BISS sein Gehalt weiterbezahlt. Denn er ist festangestellt, wie rund die Hälfte der Verkäufer. Festanstellungen bei einer Straßenzeitung – das ist einmalig in Deutschland. Und hilft jetzt in der Krise, sagt die Geschäftsführerin der BISS, Karin Lohr.

    "Wir profitieren jetzt von den Festanstellungen, vor allem die Verkäufer profitieren davon, weil die nicht ins Bodenlose fallen und auf einen Schlag keine Einnahmen mehr haben. Die haben Sozialversicherung, bekommen Entgeltfortzahlungen. Zum einen, und zum anderen können sie mit der Krankenversicherung normal zum Arzt." Karin Lohr, Chefredakteurin der BISS

    Und das obwohl es derzeit keine aktuelle Ausgabe gibt. Sobald die Ausgangsbeschränkungen gelockert werden, will die BISS die übrig gebliebenen März-Zeitungen und ein neues, aktuelles Magazin verkaufen.

    "Straßenkreuzer" und "Donaustrudl" mit Online-Ausgaben

    Nicht nur in München, auch in Nürnberg wurde der Straßenverkauf eingestellt. Beim "Straßenkreuzer" aber ist niemand festangestellt. Steve Zeuner ist Sprecher der Verkäufer. Das Problem für ihn und die anderen: "Dass wir momentan nicht verkaufen können und dass da unser Zubrot wegfällt. Einige Verkäufer haben sich auch andere Sachen davon finanziert, für die Kinder oder zur Miete etwas beigesteuert. Das fällt jetzt alles weg."

    Deswegen hat man sich in Nürnberg - genauso wie in Regensburg beim "Donaustrudl" - dazu entschlossen, eine Online-Ausgabe der Zeitung herauszubringen. Gegen eine Spende. Mit dem Geld kann zum Beispiel der Nürnberger "Straßenkreuzer" seinen 80 Verkäufern eine finanzielle Sofort-Unterstützung geben: für die kommenden drei Monate jeweils 100 Euro:

    "Es wird bestimmt Blessuren für uns geben. Wir merken jetzt, Anzeigen, Aufträge brechen weg und weil das vielen Unternehmen zumindest Monate noch so gehen wird, wird das erstmal so bleiben. Wir haben keinen Grund, massiv zu jammern. Für uns ist wichtig, dass wir für unsere Leute da sein können und das können wir leisten." Ilse Weiß, Chefredakteurin Straßenkreuzer

    Straßenverkauf mit Distanz in Stuttgart und Düsseldorf

    Doch nicht alle Straßenzeitungen in Deutschland haben ihren Verkauf ausgesetzt oder ins Internet verlegt. In Stuttgart zum Beispiel wird der "Trott-war" weiterhin in der Stadt verkauft. Kontaktlos: der Zeitungsstapel liegt mit Abstand vor den Verkäufern. Daneben eine Dose für's Geld. Auch in Düsseldorf wird der Straßenverkauf von "Fiftyfifty" aufrechterhalten. Die VerläuferInnen werden mit Handschuhen und Desinfektionsmitteln versorgt, um die Kunden zu schützen.

    Trotz körperlichem Abstand den persönlichen Kontakt zu den Verkäufern zu halten, ist den Verantwortlichen der Straßenzeitungen wichtig. Viele telefonieren täglich oder machen Besuche mit Distanz in Notunterkünften. Und alle hoffen darauf, dass sie bald wieder auf der Straße präsent sein können.

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