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Gezielt haben die Nazis in der NS-Zeit jüdischen Besitz enteignet, Kunstgegenstände verscherbelt oder gewinnbringend an Museen und Sammler verkauft. Das Stadtmuseum Kaufbeuren will herausfinden, ob es auch Raub- und Beutekunst im Bestand hat.

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Kaufbeuren: Suche nach Nazi-Raubkunst im Stadtmuseum

Gezielt haben die Nazis in der NS-Zeit jüdischen Besitz enteignet, Kunstgegenstände verscherbelt oder gewinnbringend an Museen und Sammler verkauft. Das Stadtmuseum Kaufbeuren will herausfinden, ob es auch Raub- und Beutekunst im Bestand hat.

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Von
  • Rupert Waldmüller
  • Matthias Lauer

Das Stadtmuseum Kaufbeuren will herausfinden, ob es Raub- und Beutekunst der Nationalsozialisten im Bestand hat. Im Rahmen eines groß angelegten Forschungsprojekts soll dieses dunkle Kapitel der Geschichte aufgearbeitet und identifizierte Kunstwerke zurückgegeben werden.

Sisyphusarbeit zur Klärung der Herkunft

Lisa Wagner zieht eine der vielen Schubladen im Depot des Kaufbeurer Stadtmuseums auf und hebt mit ihren weißen Handschuhen vorsichtig eine Grafik des Künstlers Daniel Hopfer heraus. Behutsam dreht die Kulturwissenschaftlerin das Kunstwerk aus dem 17. Jahrhundert um und blickt auf die Rückseite. Denn um die Herkunftsgeschichte zu klären, ist die oft interessanter als das Kunstwerk selbst.

"Auf diesen Rückseiten finden sich ganz oft Stempel oder aufgeklebte Etiketten oder handschriftliche Notizen oder Ziffernfolgen. Und all diese Informationen lassen wiederum Rückschlüsse zu auf weitergehende Recherchen, die ich unternehmen kann." Lisa Wagner, Kulturwissenschaftlerin
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Eine Grafik von Daniel Hopfer

Name eines verdächtigen Kunsthändlers taucht auf

Die Grafik aus dem 17. Jahrhundert ist einer der heißeren Verdachtsfälle. Gekauft hat sie die Stadt 1941 von dem Münchener Kunsthändler Adolf Weinmüller. Der Name ist ein Hinweis auf mögliche NS-Raub- oder Beutekunst. Denn Weinmüller habe sich nachweislich profiliert, indem er sich durch die Enteignungen und Plünderungen aus jüdischem Besitz bereichert habe, sagt Wagner. Deswegen sei es dem Museum sehr wichtig, zu wissen, woher Adolf Weinmüller zuvor dieses Blatt erworben hatte.

Zeitintensive Detektivarbeit

Um herausfinden zu können, ob die Grafik vorher vielleicht in jüdischem Besitz war und von den Nazis enteignet oder geraubt wurde, ist für Lisa Wagner jede kleinste Information von Bedeutung. Sie wälzt die Akten im Museum, recherchiert in Archiven und durchsucht Datenbanken. Die Provenienzforschung ist echte Detektivarbeit.

"Das ist sehr zeitintensiv. Manchmal auch frustrierend. Aber die Freude ist natürlich umso größer, wenn ich eine Spur aufnehmen kann. Wenn ich auf eine Information stoße, die mir weiterhilft bei meiner Recherche." Lisa Wagner, Kulturwissenschaftlerin

Provenienzforschung ist teuer

Von einer Uhr aus dem 18. Jahrhundert, die sich das Museum 1937 laut Akten "einverleibt" und wohl nie bezahlt hat, bis zum Kirchengemälde, in dessen Zusammenhang auch der Name eines verdächtigen Kunsthändlers auftaucht - mehrere Verdachtsfälle für NS-Raubkunst hat Lisa Wagner im Kaufbeurer Stadtmuseum schon ausgemacht. Dass ein kleines Haus wie das in Kaufbeuren den großen Aufwand der Provenienzforschung betreibt, ist etwas Besonderes, sagt Museumsleiterin Petra Weber. Nur mit Forschungsgeldern sei das überhaupt möglich.

Moralische Verantwortung des Museums

Petra Weber sieht ihr Museum in der moralischen Verantwortung, die Herkunft der Objekte so gut wie möglich aufzuklären, und zwar nicht nur bei den großen, hochpreisigen Gemälden und Skulpturen. Sämtliche Gegenstände, bei denen ein Verdacht auftaucht, werden unter die Lupe genommen.

Konsequenz: Rückgabe der geraubten Kunstwerke

"Wenn sich herausstellt, dass sich ein Verdacht erhärtet, dann sind wir offen dafür und möchten natürlich auch Gerechtigkeit herstellen und diese Gegenstände – sofern sich ein Erbe findet – auch zurückgeben." Petra Weber, Museumsleiterin

Bis es so weit ist, gibt es aber noch viel Arbeit für die Kunstwissenschaftlerin Lisa Wagner: 350 Objekte, die in der Zeit zwischen 1932 und 1964 ins Museum gekommen sind, will sie auf ihre Herkunft prüfen. In intensiver Detektivarbeit.

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