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Katholische Kirche: Missbrauchsopfer monieren Ungleichbehandlung

Katholische Kirche: Missbrauchsopfer monieren Ungleichbehandlung

Zwei Männer am Untermain sind in ihrer Kindheit von einem ehemaligen Miltenberger Stadtpfarrer missbraucht worden. Beide erhielten von der Unabhängigen Kommission für Anerkennungsleistungen eine Entschädigung. Die fiel allerdings unterschiedlich aus.

Über einen Zeitraum von drei Jahren hatte der damalige Miltenberger Stadtpfarrer W. zwei Kinder sexuell missbraucht. Nachdem die Missbrauchsfälle öffentlich wurden, verließ der Pfarrer 1985 fluchtartig die Stadt. Beiden Männern hat die Unabhängige Kommission für Anerkennungsleistungen (UKA) Geld ausbezahlt. Der eine bekam 3.500 Euro zugesprochen, der andere fünfmal so viel. "Es geht uns nicht um die konkreten Summen", berichten die heute 48-jährigen Männer im Gespräch mit BR24, "aber wir wollen Gerechtigkeit!" Die beiden wollen unerkannt bleiben.

Unterschiedliche Behandlung nicht nachvollziehbar

Über die Vorfälle zu sprechen, die vor mehr als 40 Jahren passierten, fällt den beiden Männern heute noch heute schwer. "Der Zeitraum und auch die Übergriffe, die im Pfarrhaus, im Auto, auf privaten Familienfeiern und selbst im Krankenhaus passierten, sind bei uns gleich. Es lief immer nach demselben Schema ab", erzählen sie. Sie können nicht nachvollziehen, warum die UKA ihre Fälle so unterschiedlich bewertet hat.

Ihre Anträge haben sie über das Bistum Würzburg gestellt, doch ihre Fälle wurden von unterschiedlichen Missbrauchsbeauftragten bearbeitet. "Mein Schreiben ist von einem Juristen verfasst worden. Im Protokollstil, nüchtern, sachlich. Das habe ich dann unterschrieben", erzählt einer der beiden Männer. Beim anderen lief der Antrag anders ab: "Ich hatte mit dem Vorgänger zu tun und der sagte mir, schreiben Sie es selber auf und schicken sie es mir. Der Stil unserer Anträge ist völlig unterschiedlich, meiner emotionaler!"

Unabhängige Kommission reagiert auf Darstellung der Betroffenen

Wie bemisst sich Leid? Die Unabhängige Kommission für Anerkennungsleistungen schreibt in einer Stellungnahme gegenüber BR24: "Unterschiedliche Leistungshöhen, die die UKA festsetzt, beruhen auf unterschiedlichen Lebenssachverhalten mit unterschiedlichen Taten und unterschiedlichen Folgen für die Betroffenen. Grundlage der Anerkennungsentscheidung im Einzelfall ist immer die eigene Darstellung der oder des Betroffenen selbst." Es kommt also auf den Antrag an.

Harsche Kritik vom Betroffenenbeirat

Der Betroffenenbeirat der Diözese Würzburg übt harsche Kritik an der Handhabung. Sprecher Matthias Wimmer: "Aufgrund eines juristischen Blickwinkels auf die Sache wird über die Anerkennungsleistung entschieden. Die Bescheide sind für viele Betroffene eine Re-Traumatisierung. Wir wollen eine verstärkte psychologische Schwerpunktsetzung, damit ganzheitlich die Betroffenen ernst genommen werden in ihrem Leid! Ich kenne Fälle, in denen die Kosten der psychologischen Aufarbeitung bei weitem die Anerkennungsleistungen übersteigen."

Kommission soll Fälle schnell und gerecht bearbeiten

Sicher sei die UKA von der Deutschen Bischofskonferenz mit dem Vorsatz geschaffen worden, unabhängig und zentral für Gerechtigkeit für alle Missbrauchsopfer der Katholischen Kirche in Deutschland zu sorgen. Doch der Würzburger Bischof selbst habe Wimmer zufolge bei der UKA nachgefragt, wie es zu der unterschiedlichen Bewertung des Leids im Fall der beiden Opfer vom Untermain habe kommen können.

"Auch Bischof Jung hat letztlich keine Antwort bekommen auf diese Frage. Wir wollen aufgrund solcher Erfahrungen – und das ist kein Einzelfall, dass hier die Zahlungen völlig auseinandergehen und die Betroffenen eigentlich in ihrem Leid keine Anerkennung erfahren, sondern feststellen, ja, bei mir war es anscheinend nicht so schlimm – vor allem, wenn vergleichbares da ist", so Matthias Wimmer. "Wir fordern deswegen, die Fälle in die Diözesen zurückzuholen, wo die Akten sind und wo man die Täter kennt. Und letztlich fordern wir, die UKA wieder abzuschaffen, um die Bischöfe in Verantwortung zu nehmen."

Betroffenenbeirat im Bistum Würzburg besteht seit einem Jahr

Der Betroffenenbeirat im Bistum Würzburg betreut seit einem Jahr rund zehn Personen im Bistum – drei von ihnen waren in den Achtziger Jahren Opfer des Miltenberger Stadtpfarrers W. Sprecher Matthias Wimmer schätzt die Dunkelziffer weitaus höher ein. Das Amtsgericht Obernburg hatte W. zunächst verurteilt, das Strafverfahren wurde in der Berufung aber gegen eine Geldbuße eingestellt. W. erhielt im Bistum Limburg eine neue Pfarrstelle, wo ebenfalls Vorwürfe über sexuelle Übergriffe laut wurden.

Vater machte Missbrauch seines Sohnes öffentlich

Danach wurde er nach Bamberg geschickt und war auch dort seelsorgerisch tätig. Nachdem ein Vater 1998 den Missbrauch seines Sohnes während eines Gottesdienstes öffentlich machte, kam es zum Prozess. W. wurde im Jahr 2000 vom Landgericht Coburg wegen sexuellen Missbrauchs von drei Buben in sieben Fällen zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt wurde.

Im Juli 2015 entließ Papst Franziskus den Geistlichen. 30 Jahre nach den ersten Vorfällen. W. machte erneut Schlagzeilen, als er Detektive zu seinen Opfern schickte, damit diese ihre Aussagen zurücknähmen. Ein Buch erschien: Der Pfarrer und die Detektive.

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