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Katholische Kaderschmiede: Ex-Schüler erhebt Missbrauchsvorwürfe | BR24

© picture alliance/imageBROKER

Studienseminar St. Michael in Traunstein

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    Katholische Kaderschmiede: Ex-Schüler erhebt Missbrauchsvorwürfe

    Das erzbischöfliche Studienseminar St. Michael in Traunstein gilt als katholische Kaderschmiede mit prominenten Schülern wie Joseph Ratzinger. Nun erhebt ein ehemaliger Schüler schwere Vorwürfe: Er sei dort "systematisch sadistisch gequält" worden.

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    Das erzbischöfliche Studienseminar St. Michael in Traunstein ist nicht irgendeine Einrichtung der Kirche. Es ist eine Art katholische Kaderschmiede, ein Internat, aus dem viele Priester hervorgegangen sind. Die prominentesten Absolventen: Joseph Ratzinger und sein Bruder Georg. Nun berichtet die Süddeutsche Zeitung, dass ein ehemaliger Schüler schwere Vorwürfe erhebt: Er sei in St. Michael in den 70er und 80er Jahren "systematisch sadistisch gequält, geschlagen und erniedrigt worden".

    Missbrauch: Vorwürfe gegen verstorbenen Münchner Weihbischof

    Die Vorwürfe richten sich vor allem gegen den ehemaligen Direktor des Studienseminars, Engelbert Siebler. Von 1976 bis 1985 leitete er die Einrichtung. Später wurde er Weihbischof in München. 2018 ist Siebler im Alter von 81 Jahren verstorben. Nachrufe würdigten ihn als "unermüdlichen Seelsorger" und "volksnahen Geistlichen".

    Ehemalige Schüler von St. Michael haben eine andere Erinnerung an Engelbert Siebler. Mehrere Seminaristen litten noch heute unter der Zeit in Traunstein, berichtet die Süddeutsche Zeitung. Unter Siebler habe ein Klima der Angst geherrscht. Ein ehemaliger Schüler, dessen "Lebensbericht" auch dem Bayerischen Rundfunk vorliegt, bestätigt im Gespräch mit dem BR die Vorwürfe gegen den Leiter der Einrichtung:

    "Siebler hat mich, obwohl er gewusst hat, wie krank meine Eltern waren, aus welcher Gemeinde ich komme, ganz bewusst mit meinen Schwächen, mit meiner Vortraumatisierung benutzt, mich wieder ins Trauma versetzt." Ehemaliger Schüler

    "Nicht nur sexualisierte, sondern auch psychische und physische Gewalt"

    Schon in seiner Familie habe er spirituellen und körperlichen Missbrauch erlebt. Der Weg ins Studienseminar nach Traunstein sei da zunächst eine Befreiung gewesen. "Das Paradies auf Erden", mit Schwimmbad, Fußballplatz und Theaterraum. Siebler habe diesen Ort für ihn zur "Hölle" gemacht.

    Der Direktor habe "nicht nur sexualisierte, sondern auch psychische und physische Gewalt" gegen ihn ausgeübt, so der ehemalige Schüler: "Er konnte mich leichter missbrauchen, vor allem seelisch, aber auch körperlich, sexuell. Vor allem dieses Kotelettenziehen, dieses "Scalping" hat mir schweren Schaden zugefügt."

    Missbrauch bereits 2016 beim Erzbistum München-Freising angezeigt

    Der ehemalige Schüler, der anonym bleiben will, hat den Missbrauch 2016 beim Erzbistum München-Freising angezeigt, dann aber den Kontakt abgebrochen. In einer Stellungnahme teilt das Erzbischöfliche Ordinariat mit:

    "Der bis dahin vorgelegte Sachverhalt war lückenhaft, es blieben zu viele Fragen offen, als dass nach Einschätzung der mit der Aufklärung betrauten Fachreferentin für die interne Untersuchung von Fällen sexualisierter Gewalt und Grenzüberschreitungen die Plausibilität der Vorwürfe hätte eingeschätzt werden können." Erzbischöfliches Ordinariat München

    Opfer: Erzbistum habe an Aufarbeitung kein Interesse gehabt

    Deshalb sei Weihbischof Siebler mit den Vorwürfen nicht konfrontiert worden. Der ehemalige Schüler von St. Michael in Traunstein sieht das anders. An einer Aufarbeitung der Vorgänge habe das Erzbistum von vornherein kein Interesse gehabt: "Es war keine wirklich ernste Bereitschaft da, die Sache aufzuarbeiten. Es war das Seminar, aus dem Ratzinger und sein Bruder kamen. Und da haben die alles getan, um das unter den Tisch zu kehren."

    Ordinariat: an "vollumfänglichen Aufarbeitung sehr gelegen"

    Dem widerspricht das Ordinariat. Dem Erzbistum sei an einer "vollumfänglichen Aufarbeitung im Sinne der Betroffenen sehr gelegen". Deshalb werden Betroffene körperlicher Gewalt oder sonstiger Übergriffe durch Geistliche aufgefordert, sich an den kirchlichen Missbrauchsbeauftragten zu wenden.

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