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Bildrechte: Staatliche Feuerwehrschule Würzburg

Der bayerische Katastrophenschutz ist jedes Jahr aufs Neue gefordert. Während Teile Nordbayerns im Jahr 2020 fast vertrockneten, mussten sich die Einsatzkräfte in diesem Jahr auf Starkregenereignisse einstellen.

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Vor uns die Flut: Reicht der bayerische Katastrophenschutz?

Der Katastrophenschutz ist jedes Jahr aufs Neue gefordert. Nachdem Teile Nordbayerns im Jahr 2020 fast vertrockneten, mussten Einsatzkräfte dort heuer mit Hochwassern klarkommen. Wie trainiert man den Ernstfall, wenn dieser sich ständig ändert?

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Von
  • Leon Willner

Ginge es bei den Pariser Klimazielen nur um die Temperatur in Unterfranken, die Menschheit hätte den dort ausgerufenen Kampf gegen die Erderwärmung bereits verloren. Seit Beginn der Messungen im Jahr 1881 stieg hier die Temperatur bereits um zwei Grad – in Teilen des Bezirks regnet es schon jetzt seltener als in der tunesischen Hauptstadt Tunis. Die Folge sind sinkende Grundwasserpegel, die sich auch durch Dauerregen nur langsam erholen. Im Sommer 2021 gesellten sich zum trockenen "Hotspot" Franken Starkregenereignisse: überall im Freistaat, egal ob an der Aisch, Abens oder Partnach - mit mindestens 300 Millionen Euro Schaden.

Deutscher Wetterdienst: Starkregenereignisse werden zunehmen

In einer Studie analysierte der Deutsche Wetterdienst (DWD) die Starkniederschlagsereignisse der vergangen 20 Jahre und stellte dabei große regionale Unterschiede fest. Insbesondere in der Alpenregion ist starker Niederschlag besonders häufig. Mit dem Klimawandel und höheren Temperaturen dürften laut DWD diese Ereignisse sogar noch zunehmen.

Die nächste Flut kommt, da ist sich auch Prof. Peter Bradl sicher. Bradl leitet das Institut für Rettungswesen, Notfall- und Katastrophenmanagement der Hochschule Würzburg-Schweinfurt. Der Forschungsbedarf sei riesig, weil ständig neue Herausforderungen im Umgang mit Extremwetterlagen anstünden. Und neue Technologien im Rettungswesen müssen sich erst beweisen. Deswegen will die Hochschule in absehbarer Zeit mit einem neuen Studiengang, "digitales Rettungsmanagement", starten.

Einsatzleiter sieht Rettungskräfte an der Belastungsgrenze

Bradl ist selbst als Einsatzleiter im Wasserrettungsdienst unterwegs. Auch die pandemische Situation bereite ihm weiter Kopfzerbrechen: "Unsere Einsatzkräfte sind stets an vorderster Front und wir müssen darauf achten, dass wir sie auch unbeschadet wieder herausbringen." Wer im Einsatz mit einer FFP2-Maske agiere, sei einer wahnsinnigen körperlichen Belastung ausgesetzt. Das habe sich auch im Krisengebiet Ahrweiler gezeigt. "Ich habe mir Sorgen gemacht um die Belastung der Einsatzkräfte", sagt der Professor.

Die Leitfrage des Instituts: Wie können wir Menschen versorgen, damit sie in besonderen Gefahrenlagen minimalen Schaden davontragen? Bei Hochwasser seien vor allem Unterführungen Orte, wo es immer wieder zu Todesfällen unter den Rettungskräften komme. "Wer sich einmal in einem Wasser bewegt hat, das auch nur einen halben Meter hoch ist und abzieht, merkt, was für eine unbändige Kraft das ist", sagt Bradl mit Blick auf die Bilder aus diesem Sommer.

Staatliche Feuerwehrschule Würzburg flutet ganze Straßenunterführung

An der Staatlichen Feuerwehrschule in Würzburg will man sich genau auf diese Fälle vorbereiten und hat dafür eine komplette Straßenunterführung nachgebaut. "In dieser Unterführung ist es möglich, einen Meter Wasserhöhe zu erzeugen", erklärt Schulleiter Roland Demke. So könne man gefährliche Einsätze trainieren, zum Beispiel, wenn Fahrzeuge mit Insassen in der gefluteten Unterführung stehen. Dabei können weggespülte Kanaldeckel enorme Kräfte auslösen und betroffene Personen umgehend den Schacht ziehen.

Insgesamt wird das Gelände der Feuerwehrschule derzeit für über zehn Millionen Euro vom Freistaat Bayern erweitert. Zur großen Übungshalle, in der neben einem Einfamilienhaus auch ein Hochhaus und ein Einkaufszentrum - mit Liebe zum Detail - nachgebaut sind, entsteht ein hölzerner Bauernhof. In verschiedenen Lehrgängen können sich Feuerwehrleute aus ganz Bayern die wichtigsten Fähigkeiten für Hochwassereinsätze aneignen, zum Beispiel beim Auspumpen vollgelaufener Keller.

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Straßenzug in der Übungshalle der Staatlichen Feuerwehrschule Würzburg

Üben mit der 80-Kilo-Puppe

Florian Probst von der Freiwilligen Feuerwehr Eschenau in Mittelfranken absolviert dort den Lehrgang "Technische Hilfeleistungen" und springt dafür früh morgens in ein rotes Schlauchboot. Zusammen mit zwei anderen steuert er auf eine leuchtende Gelbweste zu. Mit einem Ruck zieht er die Puppe aus dem Main, die so vollgesogen mit Wasser rund 80 Kilogramm wiegt. "Es ist halt wie im Einsatz. Du kommst hin, die Person ist drin – du hast nicht viel Zeit", sagt er. An der Feuerwehrschule gebe es vorher keinen großen Einführungen auf dem Reißbrett. "Das wurde früher so gemacht, dass man sich das Ganze nur auf einer Karte von oben angesehen hat", sagt Schulleiter Demke. Jetzt steigen die Übungsteilnehmer direkt ins kalte Wasser.

Dass dabei nicht alles auf Anhieb klappt, ist klar. Ausbildungsleiter Roland Scharvogel weist die Mannschaft nach der Übung etwa darauf hin, dass die gerettete Person mit dem Kopf nach oben im Boot lag. Fatal, wenn sie sich erbrechen muss. "Wir haben unsere Fehler gemacht und die sind gut besprochen worden", sagt Probst und will nach dem dreitägigen Lehrgang das gesammelte Wissen an seine Kolleginnen und Kollegen in der Heimat weitergeben. Der nächste Einsatz wartet.

BR24-Themenwoche: Bayerns Gewässer in der Klimafalle

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BR24-Themenwoche: Bayerns Gewässer in der Klimafalle

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